Sechs Fragen an Nathan Hughes-Berry

The original english language interview is also available.

Nathan Hughes-Berry auf dem Landshuter Kurzfilmfestival

Interview: Die Testkammer hatte die Möglichkeit sich mit dem britischen Filmemacher Nathan Hughes-Berry über seine Leidenschaft, seine Projekte insbesondere “Rape Card”, welcher auf dem 19. Landshuter Kurzfilmfestival 2018 lief, zu unterhalten.

Seit 2012 drehst Du fleissig Kurzfilme. Der Film “The Substitute” lief sogar als einer der wenigen Genrefilme im Internationalen Wettbewerb auf dem Dresdner Filmfest 2015 und ist mir im Gedächtnis geblieben. Sind alle Deine Filme während Deines Studiums entstanden?

Ich habe mich zuerst ernsthaft mit Filmemachen beschäftigt, als ich anfing Drehbücher beim Drama Centre [London] zu schreiben. Sehr schnell fing ich an, mich für die Regiearbeit zu interessieren und fand heraus, dass der beste Weg, sie zu lernen, war, Leute zusammenzubringen und anzufangen zu drehen, was ich geschrieben hatte. Während dieser Zeit habe ich viele Filme geschaut – Bunuel, Bresson, Tarkowski – und habe viel geschrieben. Ich habe angefangen Filme mit Madeleine Sims-Fewer zu drehen, welche den Schauspiel-Kurs beim Drama Centre besuchte. Wir teilten beide die gleiche Einstellung, Dinge zu machen, anstatt auf das Klingeln des Telefons zu warten. Vor “The Substitute” drehten wir ein paar verschiedene Kurzfilme zusammen, aber “The Substitute” war der Film, bei dem sich all unsere vorherige Übung auszahlte. Als wir “The Substitute” angingen hatten wir die Schauspielschule bereits ein paar Jahre vorher verlassen und zwei Kurzfilme alleine umgesetzt. Mit “The Substitute” hatten wir eine wirklich interessante Idee gefunden und wir haben mit vollem Eifer daran gearbeitet, so viel wie möglich aus dem wenigen Geld, das wir zur Verfügung hatten zu machen. Es war das Übliche: wir haben um Gefallen gebeten und ein Team zusammengestellt, das bereit war, uns unter die Arme zu greifen. Während dieser Zeit habe ich 40 Stunden die Woche in einem Café gearbeitet und versucht, so viel Geld wie möglich zu sparen, für den Film und die Festivaleinreichungen.

Wie kam es zur Entwicklung des Stoffes von „Rape Card„?

Rape Card” ist entstanden als mir Madeleine von einem ihrer Träume erzählte, in dem ein Mann sie verfolgte, sie angriff und dann so eine Karte zog, mit der er sie stempelte. Daraus entstand die Idee. Mich interessierte das Konzept einer zukünftigen Gesellschaft, welche Vergewaltigung als ein notwendiges Übel akzeptiert, weil das etwas war, das ich mir noch nie vorgestellt hatte. Meine absichtliche Intention war es zum Nachdenken und zur Diskussion anzuregen. Das ist für mich der Schlüssel bei solch einer Idee. Madeleine hat am Drehbuch gearbeitet und ich habe zugestimmt Regie zu führen. Es gab viele Auseinandersetzungen darüber einen Mann so in den Film einzubeziehen und Sorge darüber, dass das irgendwie die Wirkung des Films diskreditieren könnte. Ich interessierte mich vor allem für den menschlichen Betrachtungswinkel: Also herauszufinden wie es sich anfühlen würde, in solch einer Welt zu leben, sowohl für Männer als auch Frauen. Dabei ging es mir nicht um sexuelle Übergriffe im Speziellen, sondern eher abstrakter um das Motiv der Gefangenheit in einer Gesellschaft, über die man überhaupt keine Kontrolle hat. Der echte Horror wäre das Leben in einer Welt, welche diese radikalen Regeln hat und du musst nur herausfinden, wie du in einer solchen Welt überleben und weiterleben kannst. Warum haben wir diesen Film gemacht? Weil uns das Thema wichtig erschien und uns allen Angst gemacht hat. Er sagt etwas auf eine völlig neue Art und Weise und wir wussten, dass das sehr riskant sein wird. Aber Risikobereitschaft ist unabdingbar, wenn du Filme machst. Du musst etwas riskieren um irgendwo anzukommen.

Auffällig ist die Nähe zu unserer heutigen Realität. Den Stoff hätte man genauso gut, weiter in der Zukunft ansiedeln können. Was hat Dich daran gereizt, dass es mehr im Jetzt spielt?

Es war immer entscheidend die Welt im Film sehr ähnlich zu unserer eigenen zu gestalten. Meine feste Überzeugung war es, dass es unsere Botschaft nur abstumpfen würde, wenn der Film in einer futuristischen Parallelwelt spielen würde. Den Film in unserer eigenen Welt spielen zu lassen, gab ihm Dringlichkeit und Erdung, was wichtig ist, wenn man eine solche High-Concept-Idee zeigt. Es ging darum zu zeigen, wie es wäre, wenn es eine „Rape Card“ jetzt gäbe, statt irgendwann in der Zukunft. Das ist es, was zuerst mein Interesse an der Idee weckte und wie ich immer das Drehbuch sah. Wie würde sich das Leben verändern wenn man all diese Mythen der Rape Culture nehmen würde, wie jenen, dass Männer keine Kontrolle über ihre Sexualität haben, und sie bis ins Extreme weitertreiben würde?

Wie habt ihr die Drehorte gefunden und sie ausgewählt?

Die Drehorte waren eine Herausforderung. Das Drehbuch war mit 15 Seiten ziemlich kurz, aber es gab zwölf verschiedene Orte in ihm, was wirklich mächtig ist. Wir haben ein paar dieser Orte entfernt und das Drehbuch angepasst, um es auf das Wesentliche zu reduzieren, aber trotzdem mussten wir viele Drehorte finden. Unsere Produzentin Coral Aiken hat zusammen mit ihrer Assistentin Emma Wardle viele der Schlüsselorte ausgekundschaftet, wie das Haus und die Unterführung. Es ging darum, zu sehen, was wir brauchten und dann zu versuchen, andere Drehorte zu finden, die nah genug waren, um in angemessener Zeit während des Drehs dorthin zu gelangen. Bei der Auswahl der Drehorte war uns auch ganz wichtig, dass sie realitätsnah waren. Einige Orte, wie die Gasse und die Unterführung, sollten Plätze aufzeigen, welche immer mit sexuellen Übergriffen in Verbindung gebracht werden und mit den Warnungen, die Frauen erhalten nicht nachts alleine nach Hause zu gehen und diese Orte zu meiden. Mit all dem im Hinterkopf haben wir viele verschiedene Orte angesehen und versucht Drehorte mit dem richtigen Aussehen zu finden.

Kannst Du Dir vorstellen, „Rape Card“ als Langfilm zu realisieren oder hast Du andere Projekte am Start?

Wir haben derzeit keine Pläne den Stoff auszubauen, da wir denken, dass er als Kurzfilm vollständig ist und wir wirklich dieser Welt oder diesen Figuren nichts hinzufügen müssen.  Ich arbeite derzeit an einem Langfilm-Projekt, in dem es um Entfremdung geht, das ich später in diesem Jahr drehen werde. Mit einem Kommilitonen der York University arbeite ich außerdem an einer Reihe von Kurzfilmen mit dem Titel “Undivided” welche schwierige Situationen aufzeigen, denen gehörlose Menschen Tag für Tag begegnen.

Auf IMDb kann man sehen, dass Du mehr Filme geschnitten hast, als bei denen Du Regie geführt hast – wenn auch oft bei den gleichen Filmen. Was ist Deine Spezialisierung oder besser noch, was ist Deine Leidenschaft?

Meine Leidenschaft ist die Regiearbeit. Ich sehe den Schnitt als eine Erweiterung davon. Wenn ich die richtige Person für den Schnitt finden könnte, dann würde ich sicherlich mit ihr zusammenarbeiten. Allerdings ist bei dem Niveau, auf dem ich derzeit bin, es üblicherweise finanziell nicht möglich, jemanden für den Schnitt zu bezahlen. Deshalb macht es Sinn, das selbst zu übernehmen. Ich erinnere mich selbst daran, wie schwierig es ist, den eigenen Film zu schneiden und zeige dem Produzenten oder der Produzentin den Rohschnitt und mache mir Notizen. Aber ich bin auch sehr selbstkritisch, was in diesem Fall sogar zum Vorteil wird.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung von Michael Kaltenecker

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Interview: Testkammer had the opportunity to talk to British filmmaker Nathan Hughes-Berry about his passion, his projects and especially “Rape Card”, which was screened at the 19th Landshut Short Film Festival 2018.

You have been busy shooting short films since 2012. The film “The Substitute” was even one of the few genre films in the international competition of the Dresden International Short Film Festival and has managed to stay on my mind. Were all of your films made during your studies?

I got serious about making films when I started screenwriting at the Drama Centre [London]. Very quickly I became interested in directing and realised that the best way to learn was to get people together and to start shooting what I wrote. During that time I watched a lot of films – Bunuel, Bresson, Tarkovsky – and wrote a lot. I started shooting films with Madeleine Sims-Fewer who was on the acting course at the Drama Centre. We shared that same attitude of making things instead of waiting for the phone to ring. We made a few different shorts before “The Substitute”, which was the first film where all of the practice came together. For “The Substitute” we had been out of school for a few years and had made two short films that we just put together on our own. With “The Substitute” we hit on an interesting concept and we really pushed hard to make the most out of very little money. It was the usual thing of asking for favours and putting together a team that are willing to help you out. At the time I was working 40 hours a week at a coffee shop to try and save as much money as possible for the film and for festival submissions.

Why and how did you develop the script of “Rape Card”?

“Rape Card” started when Madeleine told me about a dream she’d had in which a man chased her and assaulted her and he pulled out some kind of card that he stamped her with. That was the very beginning of the idea. I was interested in the concept of a future society that has accepted rape as a necessary evil as it was something I had never imagined before. I was also fully aware of the intention to provoke thought and discussion, which for me is key to an idea like this. Madeleine worked on a script and I agreed to direct. There was a lot of conflict about having a man involved in the film and a lot of concern that it would somehow discredit the overall impact. I was interested in pushing the human angle, figuring out what it would feel like to live in a world like that, for both men and women. For me the interest wasn’t sexual assault in particular but more the larger theme of being trapped in a society in which you have absolutely no control over. The real horror would be living in a world that has these extreme rules and you have to just figure out a way of surviving and getting on with things. Why did we make this film? Because it felt important and it scared all of us. This was saying something in a completely new way and it we knew it would be incredibly risky. But risk is essential when you’re making films. You have to risk something to get somewhere.

Immediately noticeable is the closeness to today’s reality. The material could have played futher in the future. What lead you to having it play in the present?

It was always essential to keep the world very similar to our own. I felt strongly that it would only dull the message if we set it in a futuristic alternate world. Setting it in our world gave it an urgency and a sense of grounding, which is important when you’re presenting such a high concept idea. Rather than imagining the rape card existing in the future, it was more about what if it existed now. That’s what got me interested and how I always saw the script. How would life be different if we took all of those rape culture myths, such as men having no control over themselves sexually, and pushed them to the absolute extreme.

How did you find and pick the locations to shoot?

The locations were a challenge. The script was fairly short at fifteen pages but there were around twelve locations, which is really heavy. We ended up taking some out and adjusting the script to keep it more focused but there were still a lot to find. Our Producer, Coral Aiken worked with her assistant Emma Wardle to scout a lot of key places, such as the house and the underpass. It was a case of seeing what we needed and then trying to find other locations that were close enough to realistically be able to move during the shoot. Again with picking locations, the reality of the world was at the forefront of my mind. Some locations, such as the alleyway or the underpass were important in flagging up those places that are always linked with sexual assault; the warnings women receive about not walking home alone at night and avoiding those areas. So with that we saw a lot of different places to try and find the right look.

Can you imagine realizing “Rape Card” as a feature film or do you have other projects planned already?

We don’t currently have plans to expand it as we feel like it is complete as a short film and there’s nothing we really need to add with this world or these characters. I’m working on a feature project at the moment that revolves around alienation that I’m shooting later this year. I’m also working with a colleague from York University on a series of short films called ‚Undivided‘ that chronicle difficult situations that deaf people encounter in their day to day lives.

On IMDb you are credited as editor more frequently than as director – even if often for the same films. What’s your specialization or, better yet, your passion?

My passion is directing. I see editing as an extension of that. If I can find the right editor to work with then I would certainly work with them. Though at the level I’m currently at, hiring an editor is usually not financially viable so it makes sense to edit yourself. I remind myself of the difficulty of cutting your own film and show rough cuts to the Producer and take notes. But I’m also highly self critical, which in this case actually becomes an advantage.

The questions were asked by Doreen Matthei

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