O Schreck, ich bin ein Lesemuffel!

erschrockenKommentar: Die evangelische Zeitschrift „chrismon“ macht eine Umfrage zum Thema Lesen. Das Ergebnis sorgt für Heulen und Zähneklappern bei der Journaille: Jeder Zweite macht sich nichts aus Büchern! Und, wer hätte das gedacht, ich gehöre dazu.

Wer mich kennt, hält das nicht für möglich. Ich gehe so gut wie nie ohne Buch aus dem Haus, ich lese fast jeden Tag. Und doch würde ich nach den „chrismon“-Kriterien und den Auswertungen von Badischer und Sächsischer Zeitung (SZ) zu den Buchverweigerern gehören.

chrismon

Screenshot der Onlineausgabe von © chrismon vom 03.10.2018. Zu sehen ist die originale Umfrage mit allen Antwortmöglichkeiten.

Die christliche Zeitschrift forschte nicht danach, wie viel Romane die Befragten lesen. Sondern wie sie Romane kaufen. 45 Prozent aller Beteiligten kaufen sich offenbar NIE Romane. Bei der Antwortauswahl hätte es bei mir ähnlich ausgesehen: „nichts davon, weiß nicht, keine Angabe“ hätte ich angeklickt. Weil ich den letzten Roman, den ich gelesen habe, nicht gekauft hatte. (Es handelt sich um Stefan Heym: Der Fall Glasenapp. Herkunft: öffentlicher Bücherschrank.)

Ich lese, andauernd, und der Lesestoff geht mir nicht aus. Kein Kunststück, wenn man:

  • mit Bibliotheken reich gesegnet ist
  • an Bücherschränken und –kisten vorbeikommt, wo man tolle Schätze ausgraben kann
  • Freunde und Verwandte mit gut bestückten Bücherregalen und Lust am Leihen hat
  • sich von Freunden und Verwandten Bücher schenken lässt
  • weiß, wo es hochwertige Lesungs-Podcasts gibt
  • das Projekt Gutenberg kennt, wo man online Klassiker schmökern und Unbekanntes entdecken kann. Zum Beispiel: Franz Blei (wichtig: mit I, nicht mit Y) und sein „Großes Bestiarium der modernen Literatur“. 1923 geschrieben, enthält es bissige Portraits der zeitgenössischen Literaten. Einfach mal reinklicken, ich hatte nach wenigen Minuten Lachtränchen in den Augen.

Die Umfrage von „chrismon“ kann man sinnvoll finden oder nicht. Erschreckend ist, dass sowohl die Sächsische Zeitung als auch die Badische Zeitung vollkommen falsche Schlüsse daraus ziehen. Beide lancieren Meldungen unter der Überschrift „Fast jeder Zweite ist ein Lesemuffel“. Gut, wer genauer liest und den Kopf einschaltet. Dass das beim Lesen von Statistiken immer nötig ist, beweisen auch die unterhaltsamen „Unstatistiken“, die monatlich vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) veröffentlicht werden.

Sehen wir mal von den komischen Antwortvorgaben ab. Sehen wir mal davon ab, dass laut „chrismon“ wie laut Kurt Vonnegut nur Buchkäufer gute Leser sind (bei Letzterem war es zum Glück ironisch gemeint – paraphrasiert aus dem Gedächtnis vom Vorwort eines seiner Kurzgeschichten-Bände). Warum nur Romane? Als ich mein Gedächtnis bemühte und mir die Bücher in den Sinn kamen, die ich in den letzten Jahren für mich gekauft habe, waren das: drei Gedichtbände, ein Band Kurzgeschichten. Eine Anthologie und einmal Fabeln. Kein Roman. Ich Lesemuffel!

Geschrieben von Katrin Mai

Quellen:

Badische Zeitung vom 29.09.2018

Sächsische Zeitung vom 29.09.2018

chrismon, Ausgabe 10/2018 bzw. Umfrage-Archiv

Die ZEIT vom 03.10.2018 befasst sich mit einer eigenen Umfrage. Ursula März befragt Menschen beim Buchkauf nach ihren Motiven. Leider geht sie dafür nur in Buchhandlungen, nicht auch in Antiquariate. Da wäre eine Katrin eher anzutreffen als in der Buchhandlung.

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