Fünf Fragen an André Hörmann und Anna Samo

Interview: Im Gespräch mit den Filmemachern André Hörmann und Anna Samo erzählten sie uns, wie zu der Geschichte der Hiroshima-Überlebenden Akiko Takakura kamen, wie sie dafür den richtigen Animationen fanden und wie ihre Zusammenarbeit für den Kurzfilm „Obon“, den man auf dem 61. DOK Leipzig sehen konnte .

Ich hab gelesen, André, Du warst schon mehrere Male in Japan. Bist Du dort auf die Story von Akiko Takakura aufmerksam geworden oder wie hast Du die Geschichte gefunden?

André: Ich war ein paar Mal in Japan mit unterschiedlichen Projekten. Aus diesem Grund war mir Hiroshima als großes Trauma des Landes immer im Hinterkopf. Ich war 2012 Stipendiat der Villa Kamogawa des Goethe-Instituts Kyoto und konnte mich drei Monate lang in die Recherche dazu stürzen. Ich war in Hiroshima und habe viele Überlebende getroffen. Darunter Frau Takakura. Die Geschichte hat sich dann im Interview herauskristallisiert. Wie Frau Takakura die Liebe ihres Vaters inmitten der Katastrophe der Atombombe gefunden hat, berührte mich sehr, weil es der einzige Hoffnungsschimmer in all den grauenhaften Geschichten der Überlebenden war.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Anna? Habt ihr eine klare Trennung in den Aufgabengebieten?

André: Anna und ich kennen uns seit 2001, als wir uns bei einem Filmfestival in Moskau trafen. Sie ist mittlerweile die Frau meines Arbeitspartners und Freundes Thomas Bergmann. Wir haben gemeinsam an der Filmuniversität Babelsberg studiert. Zur Zusammenarbeit kam es also ganz natürlich. Die Aufgabentrennung ist ganz deutlich. Ich bin Dokumentarfilmer, habe das Thema recherchiert, die Interviews geführt, das Drehbuch geschrieben und den Film gemeinsam mit unsere Co-Produzenten Christian Vizi finanziert. Anna hat die Animationsregie, die Animation und das Tonkonzept gemacht. Wir haben uns zwar immer abgestimmt, aber Anna hat bei Visualisierung, Ton und Musik die Führung übernommen. Eine tolle Arbeitsteilung, die mir großen Spaß gemacht hat!

Die Animationen sind faszinierend. Auf fast kindliche Art fangen sie den Schrecken mit Bildern ein. Anna, wie hast Dein Konzept dafür entwickelt? Hast Du von Anfang an ein sepiafarbenes Farbkonzept vor Augen gehabt? Und wie genau entstehen Deine Bilder?

Anna: Jedes Bild in dem Film ist handgezeichnet. Allerdings ist „Obon“ mein erster Film, der komplett digital entstanden ist. Es gibt eine Animationssoftware TVPaint, die einem erlaubt sehr traditionell zu arbeiten, dabei hat man die Bilder aber schon gleich im Programm drin und spart unglaublich viel Zeit, weil man sie nicht erst einscannen muß. Ich zeichne mit einem digitalen Stift auf einem Wacom Tablet. Und ich klebe ein Stück Papier auf das Tablet, damit meine Hand das „analoge“ Gefühl nicht zu sehr vermisst. Genauso wie im klassischen Zeichentrickfilm, werden die Figuren getrennt von den Hintergründen gezeichnet und bewegt. Ich arbeite mit 12 Bildern pro Sekunde, jedes Bild wird zwei Mal gezeigt.

Das Design hat sich aus mehreren Faktoren zusammen ergeben. Einerseits ist es mein eigener Stil, andererseits habe ich mich natürlich von der Japanischen Kunst inspirieren lassen. Ich war schon vorher sehr fasziniert von den Hokusai‘ Prints [Anm. d. Red.: Drucke des japanischen Malers Katsushika Hokusai]. Die Zweite Inspirationsquelle waren die Zeichnungen von Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki. Es gibt ein ganzes Buch davon und und ich habe sie mir sehr oft angeschaut, als ich an dem Film gearbeitet habe. Viele sind in einem „naiven“ Stil gezeichnet, oft weil die Künstler keine professionellen Zeichner waren. Solche Bilder haben mich am meisten erschüttert, weil ich gemerkt habe, daß diese Leute ihre Emotionen nicht hinter dem künstlerischem Können verstecken könnten oder wollten und ihre Geschichten direkt weitergegeben haben.

Was die Farben angeht, es war sehr wichtig den Zuschauern eine sehr klare und einfache Orientierung zu geben in welcher Zeitebene sie sich momentan befinden. Deswegen hat die Vergangenheit einen anderen Farbton als die Gegenwart. Alle Flashbacks sind auf einem sepiafarbenen Papier gezeichnet und alle Bilder aus der Gegenwart auf blauem. Das ist ein sehr einfaches Signal für den Zeitwechsel. Alles andere hat sich aus der Notwendigkeit ergeben den 15-minütigen Film alleine durchzuziehen. Außerdem wollte ich die Bilder möglichst klar und luftig lassen und habe versucht sie mit Farben nicht zu überladen.

Könnt ihr mir noch etwas mehr zu dem Off-Kommentar erzählen, welcher von Akiko selbst eingesprochen ist. Wie war es sich mit ihr über diese Ereignisse zu unterhalten?

André: Die OFF-Stimme von Akiko ist die Aufzeichnung meiner stundenlangen Interviews mit ihr. Daraus haben wir den Film gebaut. Wir haben einige spannenden Momente in den Film genommen, andere resultierten in den fragmentarischen Szenen in den Rückblicken. Die Treffen mit Frau Takakura waren sehr intensiv und berührend für mich, weil sie ihre ganz persönlichen Erinnerungen und Emotionen bis ins Detail geteilt hat. Für mich hat der Schrecken der Bombe dadurch zum ersten Mal ein Gesicht bekommen.

Wie geht es bei euch beiden weiter? Werdet ihr weitere Projekte zusammen verwirklichen?

Unser nächstes Projekt wird ein Film über ein Altersheim für Prostituierte in Mexiko City.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension zum Kurzfilm „Obon“ 
und den Bericht vom DOK Leipzig 

 

2 Gedanken zu “Fünf Fragen an André Hörmann und Anna Samo

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