Fünf Fragen an Kat Tolkovsky

Interview: Im Gespräch erzählt die israelische Regisseurin Kat Tolkovsky mehr über ihren intimen Film „Nabbin“, welche Botschaft dahinter steckt und wie wichtig es ihr war, die Roma Familie auf eine sensible Weise einzufangen.

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm „Nabbin“ ist ein sehr persönlicher Film. Wie kam es, dass Du Dich dazu entschlossen hast, darüber einen Film zu machen und kannst Du mir mehr zu der Verbindung zwischen den portraitierten Familien und Dir erzählen? Wie war es an diesen Ort zurückzukehren?

Nabbin“ ist in der Tat ein sehr persönlicher Film. Ich bin in Israel aufgewachsen, aber meine Familie besitzt ein Haus im Dorf Nabbin, so dass ich seit meiner Geburt meine Sommer dort verbringe. Jedes Jahr wieder und wieder angekommen, brauchte es immer Mut, an die Tür einer Person zu klopfen, die man schon lange nicht mehr gesehen hat, und zu sehen, ob sie so reagiert, wie man es sich erhofft hat. Als ich diesen Punkt überquerte, fühlte ich mich wieder zu Hause. Als Kind spielte ich draußen mit den Kindern des Dorfes und wurde eines dieser Kinder, welche die Straßen entlang rannten und mit ihren Familien zu Abend aßen. Ich liebte es, dort zu sein. Es war eine Herausforderung, die Kinder waren oft grausam, ich musste lernen, mich zu verteidigen und mit einer anderen Einstellung zu kommunizieren. Ich war immer die seltsame Außenseiterin aus Israel, sie wollten mich necken und verarschen, aber gleichzeitig mochten sie mich und brachten mich zum Lachen oder Weinen in allen möglichen Situationen. Ich wollte, dass der Film meinen Standpunkt zu meinen Freunden und ihren Standpunkt zu mir zeigt, der anders und doch etwas gleich ist. Das Wichtigste, was mir dort passiert ist, war, dass ich mich zum ersten Mal verliebt habe. Ich wollte die Erinnerungen an diesen Ort festhalten und bewahren, bevor alles verschwunden war, also fing ich an, den Dokumentarfilm zu drehen, als ich zwanzig Jahre alt war, obwohl derjenige, den ich liebte, nicht mehr da war.

Wunderbar ist die Ehrlichkeit mit denen Du sie einfängst – unverblümt und trotzdem stets mit einem warmherzigen Blick. Wie schwierig war es, die richtige Art der Inszenierung für diesen Film zu finden?

Der Film wurde von einem Festivalkurator kritisiert, weil er die stereotypen Bilder der Roma unterstützt. Es war schwer, das zu hören. Ich akzeptiere die Kritik, aber mein Film ist nicht ideologisch, sondern motiviert von Intimität. Auch wenn sich der Film auf Menschen konzentriert, die unter rassistischen Vorurteilen leiden, geht es nicht darum, sie zu bemitleiden, zu retten oder ihrer Armut zu frönen. Ich zeige es so, wie ich mein Aufwachsen mit meinen Nachbarn erlebt habe, und das Leben ist nicht politisch korrekt.

In der Ära #MeToo könnten mich Frauen kritisieren, weil ich mich im Film als sexuelles Objekt präsentiert habe. Zum Beispiel in der Pornokabinenszene, wo die Jungs mich sexuell necken. Ich fühlte mich nie eingeschüchtert oder fürchtete sie, ich nahm es mit Humor. Ich entschied mich, sie in ihren intimen Momenten zu filmen. Ihre Reaktion war ein spontanes Spiel mit der Kamera und mir selbst.  

Möchtest Du über das Persönliche hinaus mit Deiner Milieustudie etwas aussagen?

Ich habe viel zu sagen, was über das Persönliche im Film hinausgeht, und ich hoffe, dass die Botschaft transportiert wurde, ohne dass ich versucht habe, sie zu forcieren und meine Meinung durchzusetzen.  Aber wenn ich muss, werde ich sagen, dass die tschechische Gesellschaft wie andere Gesellschaften in Europa unter Rassismus gegenüber der Roma-Gemeinschaft leidet. Wie es normalerweise beim Rassismus der Fall ist, basiert er auf Unwissenheit. Im Film überschreite ich die Grenze der Unwissenheit und befreunde mich mit meinen Roma-Nachbarn. Was ich zu tun versuchte, war, ihre Realität so darzustellen, dass sie das Publikum in einen Raum der Solidarität zieht. Ich hoffe, dass die Intimität, die ich auf der Leinwand geschaffen habe, als klare antirassistische Botschaft unbewusst auf das Publikum übergeht.

Wie haben die Portraitierten den Film aufgenommen – gab es für sie schon ein Screening?

Ja, sicher, es war mir wichtig, ihnen den Film zu zeigen und ihre Zustimmung zu erhalten. Ich hatte Angst, dass ihnen die Art und Weise, wie ich sie dargestellt habe, nicht gefallen würde. Es dauerte zwei Monate im Dorf, bis ich es wagte, sie zu einer Vorführung einzuladen, bei der meine Mutter köstliche Kebabs mit Tahini zubereitete und es viel zu Trinken gab. Während der Vorführung schienen einige von ihnen sehr ernst zu sein, andere lachten sich gegenseitig ständig aus, alle sahen mit großer Konzentration zu. Als der Film endete, umarmte mich der Vater der Familie und sagte: „Du musst weiter Filme machen und der Welt die Wahrheit zeigen“, es war ein sehr glücklicher Moment.

Kannst Du mir etwas mehr über Dich erzählen und welche folgenden Projekte bei Dir anstehen? Wirst Du dem Dokumentarfilm treu bleiben?

Ich lebe und arbeite in Israel, mache weiterhin Dokumentarfilme und arbeite jetzt an einem neuen faszinierenden Film mit dem fantastischen Produzenten Nadav Harel, der mit mir an „Nabbin“ gearbeitet hat. Ich schreibe auch Musik für Filme und liebe meinen Beruf.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Nabbin


Interview: In the interview, Israeli director Kat Tolkovsky tells more about her intimate film „Nabbin„, the message behind it and how important it was to her to capture the Roma family in a sensitive way.

Your short film „Nabbin“ is a very personal film. How did it happen that you decided to make a film about your hometown and can you tell me more about the connection between the portrayed families and you? What was it like to return to this place?

Nabbin“ is indeed a very personal film. I grew up in Israel but my family owns a house in the village Nabbin, so ever since I was born I’ve been spending my summers there. Arriving every year again and again, it always took courage to knock on the door of a person you haven’t seen for a long time and see if he reacts the same way as you hoped he will. The moment I crossed that point I felt at home again. As a child I was playing outside with the children of the village and I became one of these children running down the streets and eating dinners with their families. I loved being there. It was challenging, the children were often cruel, I had to learn to defend myself and communicate with a different frame of mind. I was always the weird outsider from Israel, they liked to tease and make fun of me but at the same time they liked me and made me laugh or cry in all sorts of situations. I wanted the film to show my point of view of my friends and their point of view of me, which is different, and yet somewhat the same. The most important thing that happened to me there was that I fell in love for the first time. I wanted to capture and keep the memories of this place before it all disappeared, so I started filming the documentary when I was twenty years old, even though the one I loved was not there anymore.

The honesty with which you capture the village is wonderful – blunt and yet always with a warm-hearted look. How was it to find the right way of presenting this film?

The film was criticized by a festival programmer to be supporting the stereotypical images of Roma people; it was tough to hear this, I accept the criticism but my film is not motivated by ideology, it is motivated by intimacy. Even though the film focuses on people who are suffering from racial prejudice, it’s not trying to pity them, save them, nor indulge in their poverty. I show it the way I experienced my growing up with my neighbors, and life is not politically correct.

In the “me too” era, some woman might criticize me for presenting myself in the film as a sexual object. For example, in the porn cabin scene, where the guys tease me sexually. I never felt intimidated or feared them, I took it with humor. I chose to film them in their intimate moments, their reaction was a spontaneous play with the camera and myself.  

Did you want to say something beyond the personal with your milieu study?

I have a lot of things to say beyond the personal in the film and I hope that the message has passed without me trying to push it and force my opinion.  But if I must, I will say that Czech society as other societies in Europe, suffers from racism towards the Roma community, as the case usually is with racism, it is based on ignorance. In the film I cross the boundary of ignorance and befriend with my Roma neighbors. What I tried to do is to show their reality in a way that will pull the audience into a space of solidarity. I hope the intimacy I created on screen will transcend subconsciously to the audience as a clear anti-racist message.

How did the people portrayed take the film? Has there already been a screening for them?

Yes sure, it was important for me to show them the film and receive their approval. I was scared they will not like the way I portrayed them. It took me two month in the village before I dared inviting them for a screening, in which my mother made delicious kebabs with tahini and there was plenty to drink. During the screening some of them seemed very serious, others laughed constantly at each other, all were watching with great concentration. When the film ended, the father of the family hugged me and said  “You must continue making films and show the truth to the world!”, it was a very happy moment.

Can you tell me a little bit more about yourself and which of the following projects you have in mind? Will you stay true to the documentary?

I live and work in Israel, I continue making documentary films and I am working now on a new fascinating film with the amazing producer Nadav Harel who collaborated with me on „Nabbin„. I write music for films as well and I love my profession.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the movie „Nabbin

2 Gedanken zu “Fünf Fragen an Kat Tolkovsky

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.