Fünf Fragen an Betina Kuntzsch

Betina Kuntzsch beim 30. Filmfest in Dresden

Interview: Im Gespräch erzählt uns die Künstlerin und Filmemacherin Betina Kuntzsch, die schon mehrmals zu Gast beim Filmfest Dresden war, wie sie die Geschichten für ihre Kurzfilme „Halmaspiel“ und „Wegzaubern“ fand, wie sie die unterschiedlichen Arten der Animation nutzt und warum sie Kurzfilme als eigenständige Gattung schätzt.

Deine Filmbeiträge fallen im ‘Nationalen Wettbewerb’ des Filmfest Dresden immer mit ihren besonderen Macharten auf. In diesem Jahr auf dem 30. Filmfest Dresden erzählst Du mit „Halmaspiel“ eine sehr persönliche Geschichte. Wie kam es dazu, dass Du die Geschichte erzählen wolltest.

Halmaspiel“ erzählt die Biografie meiner Mutter, das Leben in drei deutschen Staaten mit allen Hochs und Tiefs, die auch die große Weltgeschichte im Alltag spiegeln. Ausgangspunkt waren Aufzeichnungen meiner Mutter. Dort beschrieb sie zum Beispiel, wie sie im Gefängnis zusammen mit Zellenkameradinnen aus Zeitungspapier und Zahnseife ein Halmaspiel bauten. Das habe ich versucht zu rekonstruieren und habe den Prozess gefilmt. Man sieht eigentlich nichts. Mit der Zahnseife, also diesem rosa Block, der mit Wasser zu einer Paste wird, kann man nur ganz grob zeichnen. Und wenn es trocknet, verschwinden die Linien mehr oder weniger. Daran fand ich interessant, dass sich die Frauen in dieser Extremsituation Gefängnis mittels Phantasie eine Parallelwelt schufen, in der sie diese Zeit überstehen konnten.

Du wählst dafür einen ungewöhnlichen Look aus Stop-Motion-Animationen aus verschiedenen Gegenständen. Besitzen diese alle einen Bezug zu Deiner Mutter?

Die Kinderfotos der Familie meiner Mutter sind alle im Februar 1945 in Dresden verbrannt, als das Haus von einer Bombe getroffen wurde. Zum Glück haben alle aus der Familie überlebt. Aber es gibt eben kaum persönliche Gegenstände, Papiere oder Fotos aus jener Zeit. Das Wenige, jedes Stück, das sie später bekommen, angeschafft und aufbewahrt haben, hat deshalb eine besondere Bedeutung.

Die Gegenstände in den Animationen sind zum großen Teil aus dem Familienfundus: die Akten sowieso, Krankenbefunde, Einwickelpapiere, Spielzeug. Einiges habe ich nachgekauft, z.B. einige Schnittmuster aus den jeweiligen Jahrzehnten. Das Halmaspiel, das meine Mutter zusammen mit anderen Frauen im Gefängnis gebaut hat, habe ich – wie schon beschrieben – versucht zu rekonstruieren.

Wie hat das schicksalhafte Leben Deiner Mutter Dein eigenes beeinflusst? Konntest Du mit ihr darüber immer offen kommunizieren?

Als Kinder wussten wir nichts vom missglückten Fluchtversuch der Eltern. Das kam erst nach dem Ende der DDR zur Sprache. Das war allerdings so eine verrückte Zeit voller Enthüllungen, Umbrüche, Hoffnungen, Enttäuschungen – dass es fast normal wirkte, zumindest verständlich, dass die Eltern uns nicht hatten belasten wollen mit dem Wissen. 1992 ist meine Mutter schon verstorben, gern hätte ich sie noch mehr gefragt, auch jetzt mit dem Abstand. Immerhin hat es fast 25 Jahre gebraucht, ehe ich den Film machen konnte und wollte.

Hast Du aus diesem persönlichen Standpunkt heraus auch entschieden den Film selbst einzusprechen?

Ja, klar.

Intime Einblicke gibt auch der Film „Wegzaubern“, vom letzten Filmfest Dresden. Diesmal hat es nichts mit Deiner Familie zutun, sondern gibt Patientenakten aus einer Psychiatrie wieder. Wie bist Du an diesen Stoff gekommen?

Auch das ist eine Geschichte – oder viele Geschichten – von Außenseiterinnen, die sich mit Kunst oder kreativen Prozessen Gegenwelten erschaffen, in denen sie in einer Extremsituation überleben können. Ich habe schon länger zu dem Thema gearbeitet, mir die Briefe und Zeichnungen im Original angeschaut. Es sind manchmal winzige Papierschnipsel auf denen zauberhafte Zeichnungen – oft geschriebene Hilfeschreie – zu sehen sind. Die Briefe sind erhalten, weil sie nie abgeschickt sondern zu den Patientenakten gelegt wurden. Das hat mich sehr berührt.

Die sachlich dargelegten Schicksalen gibst Du in einem sehr unkonventionellen Zusammenschnitt wieder. Warum hast Du Dich dafür entschieden, statt die Schicksale einzeln zu erzählen?

Ich habe aus Textfragmenten der Patientenakten eine „Sammel-„Biografie collagiert, die verschiedene Alternativen aufzählt. Es werden unterschiedliche Lebensläufe von Frauen ineinander verschränkt. Das ist zunächst vielleicht irritierend. Aber es erlaubt mir, mit einer ganz konzentrierten Form, in sehr kurzer Zeit, ein großes Panorama von möglichen Frauenschicksalen um 1900 aufscheinen zu lassen. Der Film ist nur knapp 6 Minuten lang.

Das Besondere an dem Film ist das Visuelle. Du benutzt dafür Laterna Magica Bilder. Erzähl mir mehr davon. Du hast sie selbst gefunden und restauriert?

Ja, seit Jahren sammle ich alte 35mm-Filme aus der Zeit um 1900, digitalisiere sie einzelbildweise und re-animiere sie. Das sind die ersten Animationsfilme überhaupt, kurze Loops von 24 bis 60 Bildern Länge, die für Laterna Magica Projektoren farbig bedruckt wurden.

In der Filmgeschichte tauchen sie bisher nicht auf, sie wurden lange als Kinderspielzeug abgetan, sind auch schlecht erhalten, brüchig, lassen sich nicht in Projektoren abspielen. Inzwischen gibt es jedoch Aufmerksamkeit für die Filmloops. Zum Beispiel arbeite ich mit dem Filmarchiv der Deutschen Kinemathek zusammen, deren Bestände ich zusammen mit Mitarbeitern erschlossen und gescannt habe und wo meine Sammlung auch eingelagert ist.

Wenn jemand noch Filmschleifen hat (also wirklich 35-mm-Filme, auch Fragmente – keine Glasplatten!!!) leihe ich sie sehr gern aus, digitalisiere sie und gebe sie zusammen mit einer DVD zurück. Das ist jetzt also ein kleiner Aufruf!

Was treibt Dich im Allgemeinen an Filme zu machen und wie kamst Du zu diesem Beruf und Deinen stets kreativen Ansätzen?

Ich bin Künstlerin und Filmemacherin. Ich experimentiere mit dokumentarischen und computergenerierten Bildern und nutze Found Footage. In Ausstellungen zeige ich eher abstrakte Video-Zeichnungen.

In den Kurzfilmen erzähle und konstruiere ich Geschichten.Wie schon gesagt, interessieren mich vor allem Biografien von Außenseiterinnen. Die Recherche ist spannend – ebenso wie die Rekonstruktion oder Interpretation der Story.

Mit Animationen kann ich komplexe Zusammenhänge abstrahieren und Umsetzungen finden. Und ich finde es interessant, große Geschichten im Kurzfilm zu erzählen, die Story in Bild und Text zu verdichten. Im Idealfall entfalte

t sich die Geschichte im Kopf des Zuschauers und eröffnet ganz neue Assoziationen und Perspektiven.

Wie wird es bei Dir weitergehen – sieht man sich zum 31. Filmfest wieder?

Hoffentlich! Zumindest habe ich meinen neuen Film eingereicht. In „All und Alltag“ erzähle ich die Geschichte der DEFA und der rund 800 dort hergestellten Kinospielfilme. Auch das ist ein Kurzfilm, 17 Minuten lang.

Beim übernächsten Filmfest gibt es vielleicht wieder einen Film mit den Laterna Magica Loops. Da arbeite ich schon länger an einem Poesiefilm zu einem Gedicht von Kathrin Schmidt.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezensionen zu den Kurzfilmen „Halmaspiel“ und „Wegzaubern“.

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