Sieben Fragen an Christoph Ischinger

Interview: Im Gespräch mit Christoph Ischinger konnten wir mehr zu der Entstehung und die Dreharbeiten des Kurzfilms „Es ist egal, aber“, der auf den 29. Bamberger Kurzfilmtagen lief, erfahren, über seine Zuneigung zu seiner Figur Charlie und Bonn und ob es eine Fortsetzung geben wird.

Dein Kurzfilm „Es ist egal, aber“ scheint wie aus dem Leben gegriffen. Wie hast Du die Geschichte entwickelt? Hast Du Anleihen bei realen Personen genommen?

Ich glaube, dass es aus dem Leben gegriffen wirkt, das hat schon mit der Inszenierung zu tun, die den Figuren immer auf Augenhöhe begegnet. Ein paar Dinge in der Geschichte sind bei genauerer Ansicht etwas überhöht, aber durch diesen wohlwollend-begleitenden Blick von Jakobs Kamera (Jakob Beurle) hinterfragt man das häufig nicht und das ist schon eine gute Sache.

Ich hab drei Jahre versucht einen Langfilm zu finanzieren und bin daran gescheitert. „Es ist egal, aber“ ist also sicherlich auch sowas wie eine Meditation übers Scheitern. Der erste Impuls war, schnell und unmittelbar was zu machen, ohne sich mit der Auftreibung von Mitteln aufzureiben. Ich hab also Versatzstücke aus dem Langfilmprojekt genommen und die komplett auf links gedreht. Und dann in der Ideen-Schublade noch ein paar alte schöne Sachen gefunden und mit dem Anderen zusammengerührt und das war superfix eigentlich die ganze Geschichte. Ich habe, glaube ich, sehr lange Zeit gebraucht, um die richtige Haltung für so eine Form der Erzählung zu finden. Das eigentliche Schreiben ging schnell.

Beim Ausarbeiten des finalen Drehbuchs war mir ganz wichtig, das alte Bonn der Bundeshauptstadtzeit noch mal filmisch zu besuchen, Relikte wie diese alten Passagen, durch die Charlie ständig läuft, die in der fortlaufenden Primark-isierung Deutschlands alle mittlerweile weggesprengt wurden. Ich bin mit Jan (Bonny) einen Tag durch Bonn und hab ihm Orte gezeigt und gesagt, hier muss irgendwas gefilmt werden, und da auch, und dann haben die Orte eigentlich die Geschichte nochmal verfeinert.

Reale Personen gibt es, klar. Mich und viele andere. Aber es ist wie oben etwas bereits beschrieben ein Porträt einer fiktionalen Figur, die für etwas steht, also den Umgang mit dem eigenen Scheitern, dem Scheitern und dann noch weitermachen müssen. Und wie die Figur dann irgendwann Lust darauf bekommt, sich in einer vollkommen doofen Aktion selber noch einmal zu spüren, auch wenn es sein könnte, dass damit die Dinge vollends an die Wand knallen.

Was war Dir wichtig für die Figur Charlie?

In Charlie eingeschrieben ist eine große Sehnsucht nach einer Figur, für die wir im deutschen Film noch nicht einmal mehr einen zeitgenössischen Begriff haben. Ein Filou, ein Taugenichts, ein Schlawiner, gestriger werden Worte nicht. Dennoch empfinde ich das heutzutage sehr wohltuend, wenn im Film so ein Hallodri sich dem ganzen neoliberalen Zirkus entsagt.

Ich hab vor einiger Zeit die Komödien von Ulrich Schamoni entdeckt, „Eins“ und „Quartett im Bett“, etc.. Dass die Bundesrepublik über solche Figuren mal gelacht hat, dass es diese karnevaleske Öffnung im deutschen Film gab, dem Status Quo die eigene Dämlichkeit vorzutanzen, sie auszuhöhlen, das ist heute so ein bisschen unvorstellbar.

Es gab häufig genug auf Festivals auch Reaktionen, wo man gemerkt hat, die Leute nehmen diesen Charlie als persönliche Bedrohung wahr. Wenn er sich der ganzen Ausbildungsnummer verweigert, nicht mitmacht, das pinkelt Leuten, die sich ausschließlich über den eigenen Marktwert zu definieren gelernt haben, scheinbar ans Bein. Es gibt natürlich auch Leute, die Charlie wirklich lieben. Mir war wichtig, Charlie möglichst solidarisch zu erzählen, mit ihm zu sein.

Er ist wunderbar eingefangen von Shenja Lacher – wie hast Du Deinen Schauspieler gefunden?

Das ist eigentlich andersrum gelaufen. Ich hab das für Shenja geschrieben. Hätte er Nein gesagt, hätte ich es umschreiben müssen, oder wegschmeißen. Gottseidank hat er Ja gesagt.

Hattest Du von Anfang an vor, den Film an dieser Stelle enden zu lassen? Man könnte bestimmt auch gut die Geschichte weitererzählen.

Das Ende ist meinem Erachten nach das konsequent zu Ende gedachte Ergebnis dieses solidarischen Erzählens eines Filous. Ich hab da sehr lange damit gehadert. Zuerst endete das Buch im Auto in der Polizeikontrolle, Charlie in der Käseglocke, so eine protestantische Bestrafung dafür, dass er sich selber vergeudet hat. Das war’s sicher nicht. Dann hab ich ihn weglaufen lassen und sein Rennen auf dem Feld war das nächste Ende.

Und dann hatte Jan diese tolle Idee, ihn wirklich durch dieses in die Grube fallen etc. am Ende nochmal entkommen zu lassen. Es ist für mich, der ich es mit meiner Figur wahnsinnig gut meinen will, eine große persönliche Freude, wenn der am Ende nochmal kurz lachen darf und dann entschwindet. Der Film ist in vielerlei Hinsicht ein Streich, und dieses Ende dann auch.

Damit ist für mich aber auch meine Erzählung von Charlie zu Ende. Irgendwer wollte neulich eine Serie um Charlie ranken. Ich möchte den aber nicht weiter rumtanzen lassen, der hat seine Ruhe verdient, ich hoffe es geht ihm gut.

Eine häufig gestellte Frage im Publikumsgespräch ist: „Wie geht es weiter.“ Und das freut mich und ich hab die Hoffnung, dass sich die Leute beim Bier darüber unterhalten, ob Charlie es schafft, in Belgien eine Frau kennenzulernen und mit ihr zu fliehen und auf Ibiza Batik-Shirts am Strand zu verkaufen. Oder ob der in den Knast muss. Das ist für mich total schön, dass ich mittlerweile vierzig weitere Leben von Charlie gehört habe.

Filme, die alles final klären und in Schubladen stecken, mag ich selber nicht so gern. Filme sollten ihrem Subjekt und ihren Zuschauern Fragen stellen. Wenn man schon alle Antworten hat, sollte man doch besser Politiker werden.

Kannst Du mir ein bisschen mehr zum Dreh erzählen? Wie lange habt ihr gedreht und wie war es an Originalschauplätzen zu arbeiten?

Es war ein sehr schönes, vertrautes Drehen, glaube ich. Wir haben relativ offen gedreht, häufig auch noch während des Drehs das Buch verändert. Und das Team und ich haben immer auch geguckt, wie funktioniert das eigentlich jetzt genau am Besten.

Dreh ist leider häufig nur die Umsetzung von einem Buch. Aber ich hab das Gefühl, wir haben da wie eine ganz gute Funk-Band zusammen gejammt, mit Mut, dass sich auch mal jemand verspielt, aber dass es im Großen und Ganzen einen guten Groove ergibt. Und dass was Größeres entsteht als verfilmtes Papier.

Dazu gehört auch eine Grundenergie, die Shenja hat, die Franziska Hartmann hat, eigentlich alle Schauspieler, und ich hab nie versucht, diese Energie zu bremsen, in meine Form zu pressen. Sondern eigentlich immer nur, auf meinem Instrument mitzuspielen, bißchen zu dirigieren. Manchmal war es auch ein Überreden, mal was auszuprobieren.

Der Editor Jannis hat am Anfang ein wenig darunter gelitten, was da für eine Fülle an Zeug bei entstanden ist. Der Schnitt war dann wirklich so etwas, wie der Versuch aus verschiedenen Jam-Sessions Songs ein ganzes zusammengehörendes Album zu editieren.

Wir haben größtenteils sehr zügig gedreht, ich glaube es waren acht Drehtage mitsamt der ganzen Holland-Sachen. Franziska Hartmann hatte nur anderthalb Tage Zeit für den Dreh, das war zum Teil schon echt irre, wie wir da durchgepest sind.

Die Originalschausplätze waren sehr wichtig. Shenja durchs Bonner Loch zu jagen ging nur eins, zwei Mal, der hatte wirklich Angst vor den Leuten dort, und Shenja kommt aus Marzahn, der ist eigentlich einiges gewohnt. Aber das Matschig-Echte ist eine zentrale Hauptkomponente des Films.

Wenn Charlie in dieser Frittenbude (dem City-Pick 2000) an den Automaten zockt. Dann redet er auch kurz mit Yorghos, dem echten Besitzer des Ladens. In der vorletzten Woche des City-Picks vor der Sprengung. Und Yorghos hat Shenja auch im On erzählt, dass er vierzig Jahre in diesem Imbiss gestanden hat. Jeden Tag. Sein Vater ist hier tot umgefallen. In zwei Wochen endet das, und er wird sich erstmal die Zähne reparieren lassen und sich dann an den Rhein legen und dann mal gucken.

Und das ist nicht im finalen Film gelandet, aber ich hoffe, als Textur und als Grund-Tonalität ist das in allem drin. Ich hatte für die Schauspieler und die Kamera zu jedem Ort eigentlich eine Geschichte, und dann hab ich auf Wechselwirkungen gehofft, die haben sich manchmal zu meiner großen Freude auch eingestellt.

Hattest Du ein bestimmtes visuelles Konzept im Kopf?

Unser Konzept war eigentlich, dass die Kamera als unsichtbare weitere Person am Geschehen teilnimmt. Als Charlies unsichtbarer Kumpel. Es gibt sehr wenig Zeigen in dem Film, dafür umso mehr Zugucken.

Und Jakob und ich kennen uns auch schon eine Weile und es war sehr witzig, wir haben am ersten Drehtag sofort ein paar größere Konzeptideen über Bord geworfen, uns auf zwei Optiken geeinigt und dann hat sich Jakob immer versucht mit seiner Kamera in Verhältnis zum Geschehen irgendwo gut hinzustellen und häufig haben wir ein zwei Positionen ausprobiert.

Mir war schnell klar, dass es mehr um einen Rhythmus gehen würde und nicht um von sich aus erzählende Bilder.

Wie wird es bei Dir weitergehen? Welche zukünftigen Pläne stehen an?

Ich versuche gerade, die Werbung als Haupt-Miete-Bezahler loszuwerden und freue mich, ein bisschen was fürs Fernsehen zu tun dieses Jahr.

Ansonsten sitze ich an eigenen Stoffen und Ideen in verschiedenen Stadien. Das macht alles gerade wieder ziemlichen Spaß.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Es ist egal, aber

2 Gedanken zu “Sieben Fragen an Christoph Ischinger

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