Sieben Fragen an Jonathan Benedict Behr

Regisseur Jonathan Benedict Behr © Kristin Kumria

Interview: Im Gespräch mit dem in Stuttgart lebenden Filmemacher Jonathan Benedict Behr erfuhren wir mehr zur Entstehung seines Kurzfilms „Follower“, wie es war einen Film nur auf einer Smartphone-Oberfläche zu realisieren und ob er sich vorstellen kann, aus diesem Stoff auch einen Langfilm zu machen.

Wie sind Du und Dein Drehbuchautor Simon Schulz auf die Idee zu dem Kurzfilm „Follower“ gekommen?

Standbild aus dem Kurzfilm „Follower“

Manchmal sitzen wir in meiner WG am Küchentisch und schicken uns trotzdem Nachrichten über unsere Smartphones. Zuerst dachte ich, dass wir wohl tatsächlich alle süchtig nach unseren Screens sind, bis ich gemerkt habe, dass die Kommunikation über Smartphones eine eigene Sprache entwickelt hat, mit der wir uns Dinge mitteilen können, die mit dem gesprochenen Wort nicht ausdrückbar sind: Memes [Anm. d. Red. Internet-Insiderwitze], GIFs, Rage Comics [Anm. d. Red. Comics, die Alltagssituation zeigen, in denen die Figur in Wut versetzt wird, meist mit humorvoller Pointe] usw. haben ganze Konnotations-Frames um sich herum und sind deswegen voller Bedeutung, die sich nur schwer in Worte fassen lassen.

Daraus entstand dann der Gedanke, einen Film zu machen, der diese Sprache und Welt zeigen soll. Am Anfang war die Idee, einen Film nur in GIFs zu erzählen, dann wurde es konkreter und die Smartphone-Oberfläche als Spielort kam dazu. Nach vielen Storykonzepten, die alle viel zu kompliziert waren, hatte Simon dann die Idee von einer Home-Invasion auf dem Smartphone.

Kannst Du mir mehr von der Umsetzung erzählen. Wie kann man sich den Dreh dafür vorstellen und warum habt ihre eure Geschichte speziell um Instagram herum aufgebaut?

Bild vom Set des Kurzfilms „Follower“

Ich vergleiche unser Vorgehen immer mit der Art, wie Pixar ihre Filme macht: Wir haben „Smartphone-Teil“ unseres Films sicher 20 mal „gedreht“ und jedes mal gelernt, verworfen, verbessert. Da es damals noch keinen anderen Film dieser Art gab, mussten wir diese Filmsprache ja erst erfinden und extrem viel ausprobieren: Wie zeigt man dem Publikum, was unsere Protagonistin gerade erreichen will, nur durch die Art wie sie die Apps bedient? Wie kann man von einer App zur nächsten wechseln, ohne dass es den Zuschauer_Innen dabei schlecht wird? Wie viel Internet-Kultur kann man dem Publikum zumuten?

Die eigentlichen Aufnahmen waren dann eine ziemliche Nacht-und-Nebel-Aktion. Unsere beiden Schauspieler_Innen sind sich bei den Dreharbeiten nie begegnet und mussten sich der Ästhetik wegen selbst filmen. Damit ich den Dreh trotzdem irgendwie beobachten konnte, haben wir zwei Handys mit den Rückseiten aneinandergeklebt: Mit der Selfie-Kamera war ich mittels Skype mit unserer Darstellerin verbunden, mit der richtigen Kamera des anderen Handys hat sie sich gleichzeitig gefilmt, damit wir eine möglichst gute Video-Qualität hatten.

Instagram haben wir deshalb gewählt, da es zum einen das visuellste und zugleich das öffentlichste soziale Netzwerk ist. WhatsApp ist ja komplett privat, Facebook ist out, SnapChat zu abgedreht, Jodel zu deutsch – aber Instagram dient ja fast ausschließlich dazu, sich nach außen zu präsentieren.

Auf der einen Seite benutzt ihr die Kommunikationsmedien für euren Film und liefert damit einen Film für die Smartphone-Generation, aber auf der anderen Seite kann man genauso gut Kritik am Kommunikationsverhalten junger Menschen ablesen. Wie weit war es beabsichtigt auch einen moralischen Zeigefinger einzubauen?

Kristin Kumria

Das war ein ganz interessanter Effekt. Es war nie unser Anspruch, den moralischen Zeigefinger zu heben, im Gegenteil: Wir wollten einfach einen stringenten Horrorfilm drehen – nur eben auf dem Handy. Am Anfang war der Gedanke auch noch etwas abstrakter, da war die Bedrohung noch kein Stalker, sondern eine Art Dämon oder Monster, das im Internet lebt. Deswegen heißt der Account des Stalkers auch Nyarlathotep und es gibt noch ein oder zwei andere Anspielungen an das Lovecraft-Universum.

Irgendwann dachte ich dann aber, dass der Schrecken größer ist, je realer er ist. Deswegen haben wir dann aus dem Monster einen echten Menschen gemacht. Wir wollten auch keinen Hacker, sondern allein die Informationen, die Clara veröffentlicht, sollten ihn auf ihre Fährte bringen. Aber ja, man kann sagen, dass die Bedrohung in einer Digitalen Welt auch aus der Digitalen Welt kommt.

Habt ihr auch mal darüber nachgedacht – die Geschichte anders bzw. konkreter aufzulösen?

Der Film hat ja ein Ende und dann noch eine After-Credit-Scene. Letztere war immer so gedacht, da war lediglich die Frage, ob man sie drin behält, oder raus schneidet. Ich mochte das Subtile sehr gerne, also das nur der leicht veränderte Schreibstil einen Hinweis darauf gibt, dass sie nicht mehr diejenige ist, die das Handy bedient.

Was das Ende angeht: Das hätte ich gerne noch mal neu gedreht. Also das letzte Foto, das sie bekommt – damit bin ich nicht zufrieden. Aber es wirft Fragen im Publikum auf (ich glaube bisher bei jedem Q&A) und das hat ja auch was.

Deine Schauspielerwahl ist gut gelungen. Wie hast Du Deine junge Hauptdarstellerin gefunden?

Standbild aus dem Kurzfilm „Follower“

Vielen Dank! Kristin Kumria hatte ich schon zwei Jahre vorher beim Casting für meinen letzten Film „Fremde“ kennengelernt. Sie hat mich damals mit ihrem sehr intuitiven und natürlichen Spiel nachhaltig begeistert, und ich hatte mittlerweile schon vier mal das Vergnügen, mit ihr zu drehen. Deswegen war auch bei „Follower“ mein erster Gedanke, ihr die Hauptrolle anzuvertrauen. Ich wusste, dass sie zum einen die Präsenz hat, den kompletten Film mit nur wenigen kurzen Szenen tragen zu können und zum anderen so authentisch und wahrhaftig ist, um mit dem kompletten Realismus der Apps und Smartphone-Oberfläche mithalten zu können.

Leon Singer hatte ich erst kurz vorher bei einem Casting für einen anderen Film kennengelernt. Da haben mich seine Direktheit und Spontaneität sehr begeistert, die für die Art des Filmemachens unerlässlich war.

Könntest Du Dir vorstellen einen Langfilm, was ziemlich innovativ wäre, auf diese Art zu inszenieren?

Kristin Kumria

Ja, das ist die wirklich spannende Frage. Während wir „Follower“ entwickelt haben, wurde uns gesagt: Niemand schaut sich einen Smartphone-Screen im Kino an. Und natürlich hatten wir auch selbst Zweifel – aber der große Erfolg hat uns gezeigt, dass der Kurzfilm auf jeden Fall funktioniert.

Seit der Premiere auf der Berlinale stand dann auch das Thema Langfilm im Raum. Tatsächlich ist man da plötzlich mit einer ganzen Menge an dramaturgischen Problemen konfrontiert – aber wir arbeiten daran.

Interessanterweise sind mehrere europäische und internationale Produktionsfirmen diesbezüglich an uns herangetreten – aber keine einzige Deutsche. ¯\_(ツ)_/¯

Erzähl mir zum Schluss noch ein bisschen mehr über Dich und Deinen bisherigen Karriereweg. Du hattest das Vergnügen am Set von Jim Jarmuschs „Only Lovers left alive“ zuarbeiten? Und welche nachfolgenden Projekte sind geplant?  

Meine Liebe zum Genrefilm hat mich einige Jahre ins Szenenbild geführt, weil man da ja die phantastischen Welten umsetzt, in denen unsere Geschichten spielen. So bin ich auch bei Jim Jarmusch gelandet, was eine echt aufregende Erfahrung war.

Irgendwann wollte ich dann aber wieder selbst inszenieren und hatte das Glück, an der Filmakademie für Regie angenommen zu werden. Gerade bin ich in der Postproduktion von „Rosewood“, einem Agententhriller, der 1989 in Ostberlin spielt. Parallel arbeite ich an einer Kinoversion von „Follower“ in den USA und entwickle hier mit meinem Team an einer Horror-Adaption eines deutschen Märchens, sowie an einem weiteren Screen-Film.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension der Kurzfilme „Follower“ und „Fremde

Ein Gedanke zu “Sieben Fragen an Jonathan Benedict Behr

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