„Gandhi“ (1982)

1983 / 55. Oscarverleihung / 11 Nominierungen / 8 Auszeichnungen

Filmkritik: Im Jahr 1983 wurden auf der 55. Oscarverleihung Preise in 18 Kategorien vergeben. Der große Gewinner der Zeremonie mit elf Nominierungen und acht Preisen war der britisch-indische Spielfilm „Gandhi“ aus der Hand von Richard Attenborough. Darunter war auch die Auszeichnung als ‚Bester Film‘ und damit setzte er sich gegen die starke Konkurrenz von „Tootsie“ (1982) von Sydney Pollack und „E.T. – Der Außerirdische“ von Steven Spielberg durch.

Nach seinem Studium in London machte sich 1893 der frischgebackene Anwalt Mohandas Gandhi (Ben Kingsley), geboren 1869 in Indien, nach Südafrika auf. Schon im Zug lernte er die Apartheid und deren Rassismus kennen, welche das Land prägen. Vor Ort führt er bald den Kampf gegen die ungerechte Behandlung der in Südafrika lebenden Inder an, und landete dafür im Gefängnis. Nach dieser Zeit kehrt er in sein Heimatland zurück und setzt sich dort für die Unabhängigkeit Indiens von der britischen Kolonialmacht ein. Außerdem versucht er zwischen den religiösen Gruppierungen von Hindus und Muslimen zu vermitteln. Dieser Einsatz wird zu seinem Lebenswerk. Um seine Ziele erreichen, wählt er den gewaltlosen, aber standhaften Widerstand, der in der Tragödie von Amritsar mündet und schließlich zur Unabhängigkeit führen wird. In seinem eigens gegründeten Dorf – dem Ashram – findet er nicht nur Unterstützung durch seine Frau Kasturba Makthaji (Rohini Hattangadi) und seine Familie, sondern es gesellen sich immer mehr Anhänger wie Mirabehn (Geraldine James) hinzu. Nach und nach schafft er es, in die Köpfe der Menschen und Herrschenden vorzudringen und wird von da an nur noch Mahatma („große Seele“) genannt.

Candice Bergen und Ben Kingsley
(c) COLLECTION CHRISTOPHEL

Von der ersten Idee bis zur finalen Umsetzung benötigte das Projekt 20 Jahre, bis es schlussendlich verwirklicht wurde. Der Regisseur Richard Attenborough (1923-2014) befürchtete, dass es für die Botschaft dann schon zu spät sein könnte. Doch er erkannte, dass es 1982 in Zeiten des Kalten Krieges für die Aufforderung zu einem friedlichen Widerstand und sich dem Vorbild Mahatma Gandhis anzuschließen, dafür noch nicht zu spät war. Dass der Film auch in dieser Zeit noch funktionierte, bestätigte der Oscar-Regen, der über ihn niederging, so auch der Oscar für die ‚Beste Regie‘, der einzige, den Sir Richard Attenborough im Laufe seiner Karriere erhalten sollte. Bereits 1976 zum Ritter geschlagen, machte er sich auf, der historischen Person mit der er sich intensiv beschäftigt hatte, ein Denkmal zu setzen. Er selbst war bis dato eher als Schauspieler aufgefallen u.a. in „Gesprengte Ketten“ (1963) und zusätzlich ab 1969 als Regisseur tätig (u.a. „Die Brücke von Arnheim“ (1977)). Für die Umsetzung des Stoffes arbeitete er mit dem Autor John Briley (*1925) zusammen, der dafür den Oscar für das ‚Beste Original-Drehbuch‘ erhielt. Rückblickend vom Mord an Gandhi im Jahr 1948 erzählen sie dessen Lebensweg, beginnend mit seiner Zeit als frischgebackener Anwalt in Südafrika und danach in Indien, wo er die meisten Veränderungen bewirkte. Sie schaffen es trotzdem seinen Weg ausführlich nachzuzeichnen und so auch dem unwissenden Zuschauer eine Geschichtsstunde zu geben. Dieses minutiöse Abarbeiten an der historischen Person brachte ihm bei manchen Kritikern den Ruf als Personenkult-Film ein, sodass diese den Oscar-Gewinn als unverdient ansahen. Doch der Film versucht trotz seines liebevollen Blicks auf Pathos zu verzichten. Zwar gelingt es ihm das nicht immer, besonders wenn den Opfern gedacht wird. So wird u.a. der Film für zwei Minuten unterbrochen im Gedenken an die Opfer des Massakers von Amritsar. Auch in der Anschlags- und Beerdigungsszenen, welche am realen Trauertag gefilmt wurde, wurden erwartungsgemäß pathetische Töne angeschlagen. Dieser Film über einen großen Mann macht Richard Attenborough zu einem großen Regisseur und wird bis heute als sein Hauptwerk bezeichnet. Trotz danach entstandener Filme wie „A Chorus Line“ (1985) und „Chaplin“ (1992) mit Robert Downey Jr. sowie seinem liebenswerten Auftritt als Professor Hammond in „Jurassic Park“ (1993).       

Ben Kingsley und Roshan Seth

Realisiert wurde der Film vom 20.11.1980, beginnend in Indien bis zu den letzten Studioaufnahmen in London, am 10.5.1981. Gerade für seine wirklich monumentale Inszenierung mit dem Einsatz von bis zu 200.000 Statisten hat er sich in das filmische Gedächtnis gebrannt. So verwundert es auch nicht, dass er dafür die meisten Oscars gewinnen konnte. Darunter waren u.a. der Oscar für ‚Bester Schnitt‘ (John Bloom) und für die ‘Beste Kamera’ von Billy Williams (*1929). Der Kameramann, welcher bei über 40 Filmen tätig war, wählte für „Gandhi“ den Stil von realitätsnahen Fotografien und beruft sich dabei auf Zeitdokumente. Er lässt das natürliche Licht und die Farben für sich sprechen ohne auf Unschärfe o.ä. zurückzugreifen. Das dies so einfach möglich war, verdankt er auch den Drehorten. Der Film wurde an 87 Originalschauplätzen in Indien gedreht. In diese ist dann vermutlich auch der Großteil des Budgets von 22 Millionen Dollar geflossen. Verdientermaßen bekamen dafür die Szenenbildner Stuart Craig, Robert W. Laing und Michael Seirton den Oscar zugesprochen. Unerwarteterweise für das damalige Publikum gewann auch das Kostümdesign von John Mollo und Bhanu Athaiya einen Oscar. Zusätzlich war der Film noch für den ‚Besten Ton‘, die ‚Beste Filmmusik‘ und die ‚Beste Maske‘ nominiert. Aber auch bei anderen wichtigen Preisen ging der Film nicht leer aus. So erhielt er u.a. vier Golden Globes und fünf British Academy Film Awards.  

Ben Kingsley
(c) COLLECTION CHRISTOPHEL

Für seinen Hauptdarsteller hatte Richard Attenborough erst Alec Guiness (u.a. „Die Brücke am Kwai“ (1957) und „Krieg der Sterne“ (1977)) oder Anthony Hopkins („Schweigen der Lämmer“ (1991))  vorgesehen, entschied sich aber dann für ein unbekanntes Gesicht. Als Krishna Bhanji geboren, begann der britische Ben Kingsley (*1943) seine Karriere am Theater. Mittlerweile ist Ben Kingsley mit Filmen wie „Schindlers Liste“ (1993), „Shutter Island“ (2010) und „Hugo Cabaret“ (2011) wohl jedem Zuschauer bekannt. Das verdankt er seiner Rolle in Richard Attenboroughs Epos „Gandhi“ und dem damit einhergehenden Oscargewinn als ‚Bester Hauptdarsteller‘, der seine Schauspielerkarriere ins Rollen brachte. Einem Gerücht zufolge begegneten sie sich auf der Straße, als er bereits 15 Jahre auf der Bühne arbeitete, und Attenborough engagierte ihn wegen seiner Ähnlichkeit mit Mahatma Gandhi. Denn fürwahr sehen sich die beiden Männer sehr ähnlich und die hervorragende Maske des Films, welche nicht ausgezeichnet wurde, schafft es zusammen mit Ben Kingsley Gandhi auf erstaunliche Art und Weise zum Leben zu erwecken und das über einer Zeitspanne von über 30 Jahren hinweg. Dazu trägt auch sein darstellerisches Talent bei, wobei er sich im Vorfeld natürlich intensiv mit der historischen Persönlichkeit beschäftigt hatte. Seine Leistung überschattet, man kann es nicht anders sagen, die aller anderen Nebendarsteller darunter u.a. Daniel Day-Lewis, Martin Sheen und Candice Bergen als Fotografin. Die Rolle als Gandhi bewirkte nicht nur einen Karriere-Aufschwung, sondern bescherte ihm neben dem Oscar auch viele weitere Preise u.a. den BAFTA-Award und den Golden Globe.

Ben Kingsley und Martin Sheen
(c) COLLECTION CHRISTOPHEL

Fazit: Der 191-minütige Spielfilm „Gandhi“ schafft es einen umfangreichen Überblick über das Schaffen und Wirken der historischen Figur Mahatma Gandhi zugeben. Dabei merkt man dem Film zwar die Verehrung und den damit einhergehenden Pathos an, aber dafür überzeugt seine monumentale Umsetzung. Der Regisseur Richard Attenborough schuf hier sein Lebenswerk und drehte dafür an vielen Originalschauplätzen, mit einer riesigen Anzahl an Figuren und vor allem Statisten und fand mit dem damals unbekannten Theaterdarsteller Ben Kingsley seinen perfekten Gandhi. Das alles macht den Film „Gandhi“ zu einem zeitlosen Klassiker, der heute seine Botschaft ebenso weitergibt und mit seiner Inszenierung auf voller Länge überzeugen kann.    

Bewertung: 8/10

Trailer des Films „Gandhi“

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

2 Gedanken zu “„Gandhi“ (1982)

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