Sieben Fragen an Joe Boothe

Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher Joe Boothe konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Delivery“, gesehen auf dem 20. Landshuter Kurzfilmfestival, erfahren, wie er zu dem Projekt dazu kam und was ihn bei der Ausgestaltung und Figurenentwicklung wichtig war. 

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir mehr zur Entwicklung des Drehbuchs erzählen? Hatten die beiden Drehbuchautoren Alex Vaughan und Simon Sorrells selbst Erfahrungen mit Essen ausliefern gemacht? 

Das ursprüngliche Konzept für den Film entstand aus dem wirklichen Leben. Alex und Simon verbrachten beide Zeit damit, in der Gig-Economy [Anm. d. Red.: Kleine Aufträge werden an unabhängige Kleinunternehmer vergeben, oft in Verbindung mit einer Onlineplattform] zu arbeiten, und es ist etwas wirklich Ungewöhnliches, wenn man für kurze Zeit in das Leben eines Fremden verwickelt wird.

Wie bist Du zu dem Projekt dazugestoßen?

Als Alex an dem Drehbuch arbeitete, brachte er es in ein Autoren-Lab, das ich leite. Während dieser Sitzungen fanden wir den Stil und den düsteren Aspekt der Komödie. Als es an der Zeit war, dass er einen Regisseur anheuerte, passte es einfach perfekt. Wir beide haben den Film auf die gleiche Weise gesehen, die schwer zu kommunizieren ist. Aber wir wussten, dass wir auf der gleichen Wellenlänge waren.

Wie würdest Du Deinen Haupthelden Doug beschreiben. Worauf habt ihr bei der Charakterentwicklung Augenmerk gelegt?

Doug wird von Alex im Drehbuch als ‚ein offensiv durchschnittlicher Kerl‘ beschrieben. Das beschreibt ihn sehr gut. Für mich ist Doug ein Gefangener. Er ist in diesem Job gefangen, den er hasst, und dies ist das erste Mal in seinem Leben, dass er sich aufrafft und handeln wird. Es läuft nicht wie geplant. Für ihn ist es jedoch ein Erwachen. Diese eine Entscheidung – die Entscheidung, nicht nur zu gehen – wird den Weg seines Lebens verändern. Ob das gut oder schlecht ist, ist in der Schwebe. Ich meine, er ist nur ein mit 3,7 Sternen bewerteter Typ, um fair zu bleiben.

Da Alex Vaughan das Drehbuch schrieb und auch als Produzent tätig war, war es von Anfang klar, dass er die Hauptrolle übernahm? Wie habt ihr euren restlichen Cast zusammengestellt?

Alex Vaughan

Ja, Alex war immer Doug. Ich bin kein Schauspieler, aber ich glaube fest daran, dass Schauspieler ermutigt werden sollten, selbst Material zu schreiben. Sie haben ein so starkes Verständnis von Charakter und Tempo. Leslie Stevens [Anm. d. Red.: die Pizzabestellerin] war jemand, in den ich mich gerade auf der Leinwand verliebt habe. Sie hat sich in einem Hotel in Belgien auf Band aufgenommen, glaube ich. Es gab viele wirklich talentierte Schauspielerinnen, die dafür vorgesprochen haben, und ich hatte meinen Favoriten, bis ich Leslie sah. In ihrer Darstellung ist etwas so kaputt, dass es einfach authentisch klingt, obwohl es so stilisiert ist. 

Kannst Du mir zur visuellen Ausgestaltung erzählen? Worauf habt ihr besonders Wert gelegt?

Leslie Stevens

Die Farbgebung war immer etwas, das ich wollte. Rot, grün, gelb. Ich wollte eine Metapher für diese Wegkreuzung in Dougs Leben haben, und er hat die Wahl, zu bleiben oder zu gehen. Also haben wir so viel wie möglich versucht, diese Farben in jeder Aufnahme zu referenzieren. Die Beginn vor der Bar, von der wir wussten, dass sie mit der letzten Aufnahme der Ampel auf der Straße übereinstimmen würde. In Bezug auf Beleuchtung und Kamera hatten wir einen brillanten Kameramann namens Bobby Lam, und unsere Gafferin Heather Balish sollte so ziemlich von jedem überall angeheuert werden. Sie waren absolute Rockstars und halfen, dem Film einen Noir-Look zu verleihen und gleichzeitig modern zu wirken. Wir haben etwas unverschämt Anleihen aus „Drive“ [2011, Regie: Nicolas Winding Refn] genommen – einen Neon Noir. Wir dachten, es wäre lustig, in diesem Stil zu leben, mit einem Fahrer, der das Gegenteil von dem coolen Ryan-Gosling-Charakter ist.

Wie verliefen die Dreharbeiten?

Die Dreharbeiten waren eine anstrengende Angelegenheit. Direkt aufeinander folgende Nacht-Drehs, und eine Stunde bevor wir die erste Nacht abschließen konnten, schossen wir versehentlich etwa einen Liter falsches Blut mit mehr als 200 km/h frontal auf unserer Kamera. Wir hatten einfach Pech. Aber Roni Geva – die mit Alex produzierte – fand für uns am nächsten Tag beim Mittagessen genau das gleiche Kamerapaket. Wir haben die Szene neu gedreht und konnten weitermachen. Es war eine Achterbahn der Emotionen.

Zum Schluss nochmal kurz zu Dir: Erzähl mir mehr über die Ursprünge Deiner Filmleidenschaft und wie es bei Dir weitergehen wird.

Joe Boothe, Roni Geva und Alex Vaughan

Ich wuchs mit der Liebe zu Filmen auf. Es waren einfach die besten Dinge der Welt. Ich kam nach LA, ohne zu wissen, wie ich in die gesamte Branche passen würde, und fand schließlich heraus, dass Drehbuchschreiben die Karriere war, die für mich am sinnvollsten war. Ich mache das seit ein paar Jahren ausschließlich, und 2017 bin ich wirklich ernsthaft dazu gekommen, zum ersten Mal Regie zu führen. Obwohl ich es absolut liebe, habe ich das schreckliche Gefühl, dass ich etwa 10.000 mal besser im Regie führen werden muss. Ich bin keineswegs ein Perfektionist, aber ich möchte einen guten Job machen. Ich möchte Dinge schaffen, die die Menschen lieben, und das bedeutet, immer besser zu werden. Ich liebe „Delivery“, aber in fünf Jahren hoffe ich, dass ich zurückblicke und all die Dinge sehe, die ich besser hätte machen können. So fühlt sich Wachstum für mich an.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Delivery


Interview: In our conversation with filmmaker Joe Boothe, we were able to learn more about his short film „Delivery„, seen at the 20th Landshut Short Film Festival, how he came to the project and what was important to him in its design and character development. 

Can you tell me about the development of the script? Had the two screenwriters Alex Vaughan and Simon Sorrells themselves had experiences with delivering food? 

The original concept for the movie was born out of real life. Alex and Simon both spent time working in the gig economy, and there’s something really unusual that happens when we get involved in a stranger’s life for a short period of time.

How did you join the project?

As Alex was working on the script, he brought it into a writer’s lab that I run. Through those sessions, we landed on the tone and dark-comedy aspect of it. When it came time for him to attach a director, it was a natural fit. We both saw the movie the same way, which is hard to communicate to people. But we knew we were on the same page.

How would you describe your main hero Doug? What did you focus on during character development?

Doug is described by Alex in the script as “an aggressively average dude.” That pretty much set the table for him. For me, Doug is a prisoner. He’s trapped in this job he hates, and this is the first time in his life that he’s going to stand up and take action. It does not go as planned. However, it’s an awakening for him. This one choice – the choice not to just leave – is going to change his life’s path. Whether that’s for good or bad is up in the air. I mean, he’s only a 3.7 rated guy, to be fair.

Since Alex Vaughan wrote the script and also worked as a producer, was it clear from the beginning that he would play the leading role? How did you put together the rest of your cast?

Yes, Alex was always Doug. I’m not an actor, but I am a big believer in encouraging actors to write material for themselves. They have such a strong understanding of character and pacing. Leslie Stevens was someone that I just fell in love with on screen. She put herself on tape while in a hotel in Belgium, I think. There were a lot of really talented actresses who read for it, and I had my favorite until I saw Leslie. There’s something so broken in her portrayal that it just read authentic, even though it’s so stylized. 

Can you tell me about the visual design? What did you attach particular importance to?

The color scheme was always something that I wanted. Red, green, yellow. I wanted to have a metaphor for Doug as this intersection in his life, and he has a choice to make to stay or go. So, we tried as much as possible to have those colors referenced in each shot. The opening outside the bar we knew would match with the last shot of the stoplight on the street. In terms of lighting and camera, we had a brilliant DP named Bobby Lam, and our gaffer Heather Balish should pretty much be hired by everyone everywhere. They were total rock stars, and helped to give it a film noir look while also being modern. There was a bit of cheekiness playing in the Drive space – that neon noir. We thought it would be funny to live in that same tone, except with a driver who is the opposite of the cool Ryan Gosling character.

How did the shooting go?

The shooting was an exhausting affair. Back to back overnight shoots, and an hour before we wrapped on night one, we accidentally shot about a liter of fake blood directly into the front of our camera at 200 feet per second. It was not a great turn of events. But Roni Geva – who produced with Alex – she found us the exact same camera package by lunch the next day. We re-shot the scene and made our day. It was a roller coaster of emotions.

At the end, tell me a little bit about yourself: Tell me more about the origins of your passion for film and how it will go on with you.

I grew up loving movies. They were simply the best things in the world. I came to LA not really knowing how I’d fit into the whole industry, and eventually found that screenwriting was the career that made the most sense for me. I’ve been doing that exclusively for the last few years, and in 2017 really got into directing for the first time in earnest. While I absolutely adore it, there’s this terrifying thing where I feel like I need to get about 10,000x better at directing. I’m not a perfectionist, by any means, but I want to do a great job. I want to create things that people love, and that means getting better and better. I love „Delivery„, but in five years, I hope I am looking back and just seeing all the things I could have done better. That’s what growth feels like for me.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Delivery“ 

Ein Gedanke zu “Sieben Fragen an Joe Boothe

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.