OSTRALE 2019

3. Juli – 1. September 2019 / Historische Tabakfabrik f6 Striesen & diverse andere Zentren / Eintritt: 15€, ostrale.de

Ausstellungsbericht: In den warmen Sommermonaten findet alle zwei Jahre die Dresdner Ostrale, in diesem Jahr zum 12. Mal, statt. Die zeitgenössische Schau, diesmal nicht wie sonst im Ostragehege, präsentiert in der ehemaligen f6-Zigarettenfabrik unter dem Motto „ismus“ eine bunte Schau von Kunstwerken aus der Hand junger, internationaler KünstlerInnen.

Seit 2007 eröffnet die Ostrale auf dem Ostragehege in Dresden ihre Pforte um aktuelle, internationale Kunst zu präsentieren. Mit ihrer Schau, welche ab 2017 als Biennale weitergeführt wurde, ist sie wie eine kleine Schwester der documenta in Kassel, eine der weltweit bedeutendsten zeitgenössischen Ausstellung. Diese findet alle vier Jahre statt und bevölkert den ganzen Ort. Nachdem die Ostrale in diesem Jahr gezwungen war umzuziehen, da durch Hochwasserschäden die ehemaligen Futterställe des Schlachthofgeländes nicht mehr sicher waren, nisteteten sie sich als Provisorium in die ehemalige Zigarettenfabrik ein, aber dezentralisierten die Ausstellung auch gleichzeitig, indem sie über die Stadt verteilt weitere Ausstellungsorte, wie die Gedenkstätte Bautzner Straße auserkoren. Im Gesamten kann man auf der Schau mehr als 250 Bilder, Objekte und Videos von 150 KünstlerInnen aus 34 Ländern sehen. 

Das Thema „ismus“ begleitet den Zuschauer über das 4000 Quadratmeter große Gelände. Drei Ausstellungsrundgänge im Gebäude, sowie der Keller, das Außengelände und ein gemütliches Cafe laden zum Entdecken und Verweilen ein. Der Kapitalismus begegnet einem immer wieder indirekt oder direkt (samt Holzhammer), wie u.a. bei dem Künstler Daniel Chluba, der mit einer großen Kiste mit der Aufschrift „capitalism feels like minimal art“ mit dem Fahrrad durch die Gegend fährt, was nicht zufällig an Foodora erinnert. Auch platzierte der Künstler eine große Sammlung Protestschilder in einem Container und verteilte überall auf dem Gelände Heftchen mit dem Titel „Kapitalismus ist keine Kunst“. Das Werk „Plaidoyer pour les animaux“ von Laure Boulay war ein starkes Kunstwerk, das sich gegen Massentierhaltung ausspricht und aus Fleischerhaken einen Turm zu Babel schuf. Dabei deckt es die Themenfelder Kapitalismus und Konsumismus gleichermaßen ab. Ein anderes amüsantes Projekt, welches diesem Themenkomplex zuzuordnen ist, war „Wir haben ihr Kind“ von Christian Holtmann, welches die einzelnen Buchstaben aus bekannten Marken wie McDonalds, Haribo und Kellogs zusammensetzt. Hand in Hand mit dem Thema stand der Vermüllismus, dessen bestes Bild die Stahlgitterkonstruktion aus der Hand von Werner Bietzigeio war, welches aber den Zuschauer besonders Freude bereitete, weil man darin herumlaufen konnte. Steckt da die Botschaft drin? Ist Spaß und Komfortabilität der Grund für eine weitere Zunahmen von negativen Ismen? 

Feminismus war ebenfalls ein zentrales Thema der Ausstellung, welche gefühlt auch mehr Künstlerinnen als andere Werkschauen zur Sprache kommen lässt. Doch nicht nur das zeugt von weiblicher Behauptung, sondern auch Gemälde wie „People say I’m different“ von Anya Janssen. Zudem ging es oft um Politisches und die Kunstwerke näherten sich Themen wie Ideologismus, Terrorismus, Territorialismus und Populismus. In diesem Sinne findet man das „Beschwerde-Mobil“ von Thorsten Passfeld, einen Regenbogen von Ansteckern aus dem ehemaligen Ostblock des Künstlers Gyula Várnai und in Dauerschleife ein Video von Fahnen schwingenden nordkoreanischen Frauen. Besonders eindringlich waren auch die Werke „The Sandlot“ und „The Table“ von Roman Zaslonov, welche sich mit einem starken Symbolismus beschäftigten. Man konnte auf den fünf Rundgängen, für die man insgesamt mindestens drei Stunden einrechnen sollte, vieles entdecken. Selbstverständlich trifft nicht jedes Kunstwerk den Geschmack des Betrachters. Manche Werke wählten einen zu plakativen Weg, manche waren verschroben und manche einfach nicht ansprechend. Doch man findet immer etwas, was einen anspricht, ob nun die Botschaft oder die Ästhetik ausschlaggebend sind. Außerdem findet man immer wieder Werke wie „Oeufre“ von Stefanie Herr (jedes der 300 Eier wurde in mühsamer Kleinarbeit in drei Stunden hergestellt) über die man sprechen und diskutieren kann. Auch ist es wunderbar, dass sich bei einer zeitgenössischer Ausstellung, die viele ernste Themen anspricht, auch der Humor nicht auf der Strecke bleibt. Ein Beispiel ist das Werk „Angela Mirakel“ von Heinz Schmöller, der mit wechselnden Farben die Blazer der Kanzlerin betont. So hat auch die 12. Ostrale wieder viel zu bieten und das alleine nur in der Hauptausstellung. Wer von Kunst nicht genug bekommen kann, sollte diese und deren Ausläufer in der ganzen Stadt besuchen.

Fazit: Die 12. Ostrale, die zweite Biennale dieser Schau, fand in diesem Jahr zwar in einer anderen, nicht ganz so perfekten Location satt, bot aber alles, was man sich von einer zeitgenössischen, internationalen Werkschau erhoffen konnte. Malerei, Installationen, Videos und Plastiken aus 34 Ländern boten einen bunten Eindruck und zeigten viele Meinungen zu relevanten Themen. Ob nun die Botschaft eher versteckt oder doch plakativ verpackt wurde, bieten die Kunstwerke einen Querschnitt durch viele Gesellschaften, Milieus und Länder. Jeder Besucher kommt bei dieser lohnenswerten Schau garantiert auf seine Kosten und erhält einen wunderbaren Einblick in die zeitgenössischen Kunst, abseits aller Klassiker in den Museen.

geschrieben von Doreen Matthei

Fotografien von Michael Kaltenecker

Quellen:

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