Sieben Fragen an Jasper Vrancken

Interview: Im Gespräch mit dem belgischen Filmemacher Jasper Vrancken erzählt er uns mehr zu der Entstehung seines Kurzfilms „Muil“, gesehen auf dem 20. Landshuter Kurzfilmfestival, was ihm bei der Umsetzung wichtig war und über seine Liebe zu Cronenberg und Horrorfilmen im Allgemeinen.

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm „Muil“ erzählt von einer außergewöhnlichen sexuellen Obsession. Wie ist die Geschichte dazu entstanden? 

Ich interessiere mich schon immer für Themen wie Sexualität und Begehren, ich liebe Filme wie „Intimacy“ [2001, Regie: Patrice Chéreau], „Y Tu Mama Tambien“ [2001, Alfonso Cuarón], „Turkish Delight“ [1973, Regie: Paul Verhoeven], außerdem hatte ich schon immer eine besondere Liebe zum Horror-Genre. In vielerlei Hinsicht scheint der Horror besonders nützlich und kraftvoll zu sein, wenn es um das sexuelle Verlangen und den Körper geht: man denke an die meisten Arbeiten von Cronenberg, „Tetsuo: The Iron Man“ [1989, Regie: Shin’ya Tsukamoto], etc. Mit „Muil“ wollte ich diese beiden Interessen verbinden.

Ich kam schnell auf die grundlegende dramatische Prämisse: Die Hauptfigur (Richard) sehnt sich nach sexueller (und spiritueller) Begegnung mit einem Monster / Kreatur / Tier…. gehalten in einem dunklen Raum von jemandem (Max), der die Kreatur pflegt, sie prostituiert und anbetet. Für mich ist die Kreatur fast göttlich (Lovecraftian): Es ist ein archaisch-weibliches Monster, das stark vom Konzept der „archaischen Mutter“ inspiriert ist, wie es im Buch „The Monstrous-Feminine“ von Barbara Creed entwickelt wurde.

Du zeigst das richtige Maß um das Mysteriöse und die Spannung zu halten. Gab es einmal den Gedanken noch expliziter zu werden?

Matthieu Sys

Ja, in früheren Versionen der Drehbücher habe ich die Kreatur gezeigt. Aber auch Richard hatte damals einen anderen sexuellen Fetisch (er war Zoophiler und kein Vore), und die Kreatur stellte sich tatsächlich als kein Tier heraus, sondern als eine Frau, die als Tier aufgezogen und als „Gynozon“ ausgebildet wurde (ein weibliches Tier, das ausgebildet wurde, um Sex mit Männern zu haben). Das war also eine ganz andere Herangehensweise. Ich habe das aufgegeben, weil es nicht stark genug war, es wurde zu konkret und zu gewöhnlich. Aber als ich das fallen ließ und auf Vorarephilie [Anm. d. Red.: durch den Gedanken verschlungen zu werden, jemanden zu verschlingen oder dieses zu beobachten eregt werden] umstieg, erlaubte es mir, einen abstrakteren Ansatz zu verfolgen. Der Hauptkonflikt des Films wurde auch ein interner (Richards Kampf, seinen Trieben zu widerstehen).

Du erwähnst in dem Making-Of Cronenberg und Steve McQueen als Vorbilder. Wie weit haben sie Deine Arbeit beeinflusst.

Matthieu Sys

Cronenberg ist seit langem ein Liebling von mir. Ich liebe „Shivers“ (1975), „The Brood“ (1979), „Videodrome“ (1983), „Dead Ringers“ (1988), „Crash“ (1996) und so weiter. Genre-Kino vom Feinsten: intelligent, tief beunruhigend und gleichzeitig sehr menschlich.

Ich hatte McQueens ersten Film („Hunger“, 2008) gesehen und liebte ihn, war aber von der Shame völlig begeistert: der innere Kampf, die Sucht, die existentielle Leere, der Selbsthass…. was für ein Film! Der Umgang mit der Sucht und dem inneren Kampf war eine Inspiration für „Muil“.

Ich finde auch die Locations großartig. Wie bist Du auf sie aufmerksam geworden und wie viel Zeit hattet ihr zur Umsetzung des Projekts?

Pascal Maetens und Matthieu Sys

Der Hauptstandort war eine verlassene alte Militärzitadelle in der Stadt Diest, Belgien.

 Zuerst erkundete ich mehrere andere Zitadellen, aber die in Diest (auf die wir durch eine Empfehlung aufmerksam wurden) war für unseren Zweck am besten geeignet. Dort fanden wir auch die Innenräume. Der Hauptraum (in dem die Kreatur untergebracht ist) befand sich ebenfalls dort, aber unser Szenenbild baute eine falsche Wand (mit der großen Schiebetür) in diesem Raum. Es gibt ein Video mit weiteren Erklärungen.

 Wir drehten dort zwei Tage lang (innen und außen), und es war insgesamt ein fünftägiger Dreh.

Deine beiden Hauptdarsteller sind faszinierend. Wie hast Du sie gefunden?

Pascal Maetens

Ich kenne Pascal Maetens (Max) seit über 15 Jahren, und wir haben viele Kurzfilme zusammen gedreht. Pascal ist auch ein Freund, und ich habe die Rolle von Max mit Blick auf ihn geschrieben.

Matthieu ist ein bekannter Schauspieler in Belgien, und meine Produzenten haben ihn mir vorgeschlagen. Tatsächlich hat Matthieu gerade einen Preis für seinen Auftritt in „Muil“ auf dem Cryptshow Fest in Spanien gewonnen.

Könntest Du Dir vorstellen einen Film mit ähnlichem Inhalt als Langfilm zu realisieren? Mich faszinierte die Welt und ich wäre gerne länger hineingetaucht.

Matthieu Sys

Ja, ich schreibe eine Art Langfilm-Nachfolger zu „Muil“, genannt „Matriarch“. Es ist kein wörtlicher, sondern eher ein geistiger Nachfolger (es geht zum Beispiel nicht mehr um Vore) von „Muil“, und sie teilen Motive, Bilder und künstlerische Besessenheiten. Und natürlich viel abgedrehte Sexualität, psychologischer Horror und allgemein „Angst“. Hier der kurze Pitch: Der im Leben verlorene dreißigjährige Gilles wird von einem eigentümlichen Kult entführt. Er entdeckt, dass sie eine archaische weibliche Gottheit anbeten: die Matriarchin. Langsam erkennt Gilles, dass der Kult ihn für einen sehr unheimlichen Zweck braucht. Betrachte es als „Martyrs“ mit männlichen Opfern, die gezwungen sind, Sperma zu spenden.

Am Schluss: Magst Du noch etwas zu dir erzählen. Welche nachfolgende Projekte stehen an?

Regisseur Jasper Vrancken

Ich bin Filmemacher, Kunstschullehrer und Horrorfan, geboren im Jahr, in dem „Alien“ und „The Brood“ veröffentlicht wurden, mit Sitz in Belgien. Ich arbeite an einem PhD der Künste über Horrorfilmproduktion. Ich arbeite hart daran, ein Langfilm-Projekt auf den Weg zu bringen, und ich denke darüber nach, ein Sachbuch zu schreiben, in dem ich darüber nachdenke, wie Konzepte der Film- und kritischen Theorie als Werkzeug zur Entwicklung eines Horror-Drehbuchs verwendet werden können.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Muil


Interview: In our interview with the Belgian filmmaker Jasper Vrancken, he tells us more about the making of his short film „Muil„, seen at the 20th Landshut Short Film Festival, what was important to him in its realization and about his love for Cronenberg and horror films in general.

Your short film „Muil“ tells of an extraordinary sexual obsession. How did the story come about?

I’ve always been interested in themes of sexuality and desire, I love films like Intimacy (Patrice Chéreau), Y Tu Mama Tambien, Turkish Delight… Besides that, I have always had a particular love for the horror genre. In many ways, horror seems to especially useful and powerful when dealing with sexual desire and the body: think of most of the work of Cronenberg, Tetsuo The Ironman, etc.  With „Muil“ I wanted to combine those two interests.

I quickly come up with the basis dramatic premise: the main character (Richard) longs for sexual (and spiritual) encounter with a monster / creature / animal … kept inside a dark room by someone (Max) who nurtures, prostitutes and worships the creature. For me the creature is almost of a god-like (Lovecraftian) status: it is an archaic-female monster, very much inspired by the concept of the “archaic-mother” as developed in the book “The Monstrous-Feminine” by Barbara Creed.

 You show the right measure to keep the mystery and the tension. Was there once the thought of getting more explicit in what you show?

Yes, in earlier versions of the screenplays I did show the creature. But also Richard had a different sexual fetish back then (he was zoophiliac, and not a vore), and the creature turned out to be in fact not an animal but a female raised as an animal and trained as a “gynozone” (a female animal trained to have sex with men). So that was a whole different take. I abandoned that because it was not powerful enough, it became too concrete and too ordinary. But once I dropped that and switched to vorarephilia, it allowed me to take a more abstract approach. The main conflict of the film also became an internal one (Richard’s struggle to resist his urges).

 You mention in the making of Cronenberg and Steve McQueen as role models. How did they influence your work?

Cronenberg has long been a favorite of mine. I adore Shivers, The Brood, Videodrome, Dead Ringers, Crash and so on. Genre cinema at its best: smart, deeply unsettling, and very humane at the same time.

I had seen McQueen’s first feature (Hunger) and loved it but was completely blown away by Shame: the internal struggle, the addiction, the existential emptiness, the self-loathing… what a film! The handling of the addiction and internal struggle were an inspiration for „Muil„.

I also think the locations are great. How did you hear about her and how much time did you have to realize the project?

The main location was an abandoned old military citadel, in the city of Diest, Belgium.

First, I scouted several other citadels, but the one in Diest (that came to us through a recommendation) suited for our purpose best. We also found the interior lcoations there. The main room (where the creature is held) was also based there, but our art department did build a fake wall (containing the big sliding door) inside that room. There is a video with more explanation.

We shot there for two days (interior and exterior), and it was a five day shoot in total.

Both your main actors are fascinating. How did you find them?

I have known Pascal Maetens (Max) for over 15 years, and we have made many short films together. Pascal is also a friend, and I wrote the part of Max with him in mind.

Matthieu is a well-known actor in Belgium, and my producers suggested him to me. In fact Matthieu has just won a price for his performance in „Muil“ at the Cryptshow Fest in Spain.

Could you imagine making a film with similar subject matter as a feature-length film? I was fascinated by the world and would have liked to be immersed longer.

Yes, I’m writing sort of a feature length follow-up to „Muil„, called “Matriarch”. It is not a literal but more a spiritual successor (it doesn’t deal with vore anymore for example) to Muil, and they share themes, imagery and artistic obsessions. And of course, lots of twisted sexuality, psychological horror, and general “angst”. I’ll give you a quick pitch: Thirty-something Gilles, lost in life, is abducted by a peculiar cult. He discovers they worship an archaic female deity: the Matriarch. Slowly Gilles realizes the cult needs him for a very sinister purpose. Think of it as a Martyrs with male victims, who are  forced to be sperm donors.

 At the end: Do you want to tell us something about yourself? Which subsequent projects are on the agenda?

I’m a filmmaker, art school teacher and horror fan born in the year Alien and The Brood were released, based in Belgium. I’m pursuing a PhD in the Arts about horror film production. I’m working hard on trying to get a feature length project of the ground, and I’m thinking about writing a non-fiction book about how concepts from film- and critical theory can be used as a tool to develop a horror screenplay.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Muil“ 

2 Gedanken zu “Sieben Fragen an Jasper Vrancken

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