Fünf Fragen an Dimitri Venkov

 Interview: Der russische Filmemacher Dimitri Venkov erzählt uns im Gespräch mehr zur Entstehung und Aussage seines Experimentalfilms „Gimny Moskovii“ (ET: „The Hymns of Muscovy“), der im Internationalen Wettbewerb des 31. Filmfest Dresden lief. Darüber hinaus berichtet er von seiner Beziehung zu Moskau und wie sie den Film gedreht haben.

The original english language interview is also available.

Wie hast Du die Idee für Deinen Film „Gimny Moskovii“ entwickelt? Hat es einen musikalischen Ursprung?

Es begann mit der sowjetischen Hymne, die in meinem Kopf erklang, während ich auf einer Autobahn in der Nähe von Moskau fuhr. Es war irrational, da zu diesem Zeitpunkt nichts Sowjetisches um mich herum war. Ursprünglich hatte ich den Film als Reise vom Flughafen durch die pompöse Stadtarchitektur und in die düsteren und gesichtslosen Vororte geplant. Als ich an der Idee arbeitete, entschied ich mich für die drei Baustile, die historisch mit der Entwicklung der Hymne übereinstimmen: Die Musik ist gleich geblieben, aber die Texte haben sich dreimal geändert, etwa passend zu den Architekturperioden in meinem Film. 

Kannst Du eine kleine Intepretationshilfe liefern – darf man es auch politisch deuten?

Er hat eine politische und eine historische Dimension. Grandiose Architektur mit wenig menschlicher Präsenz ist mit autoritären oder totalitären Kontexten verbunden. Das kann man in Pjöngjang, Astana und Naypjitaw sehen. Eine autoritäre Regierung arbeitet mit großen städtischen Projekten (man denke an Hitlers Pläne für den Wiederaufbau Berlins). Man kann es als einen Kommentar über das Leben in einer Stadt betrachten, in der eine handvoll Menschen eine enorme undemokratische Macht besitzen, die die Stadt als ihren Spielplatz und eine Fassade des Erfolgs betrachten, den sie sich selbst vorführen. Das ist die eine Sache. Der andere Aspekt sind die letzten etwa 80 Jahre der russischen Geschichte, die sich in der Architektur widerspiegeln und in deren Form die nachfolgenden historischen und ideologischen Entwicklungen dargestellt werden: das stalinistische Reich, das Tauwetter von Chruschtschow und der gegenwärtige Hyperkapitalismus.  

Hast Du eine besondere Verbindung zu Moskau?

Die Stadt hatte einen geheimnisvollen Charme für mich, als ich Ende der 90er Jahre zum ersten Mal hierher kam. Nach außen sah sie nicht nach etwas Interessantem aus, alles war verborgen, all die interessanten Aktivitäten und Menschen galt es zu suchen und zu entdecken. Heute würde ich sagen, ist es das Gegenteil: Alles ist in Sichtweite, die Stadt hat mir ihre Türen geöffnet, aber es gibt nichts mehr, kein Geheimnis. Der Geist der Stadt, den ich in meiner Jugend gerne festhalten wollte, hat sich von den Stadtlandschaften in die Erinnerungen der Menschen verwandelt, die ihre besseren Tage gesehen haben. Sie wurde systematisch durch Entwicklung zerstört, ohne anderen Sinn und Zweck als reine Gier. Ich mag es nicht, wohin das führt. Es ist widerwärtig für mich.

Kannst Du mir zur visuellen Umsetzung erzählen und wie das aus technisch umgesetzt hast?

Wir haben es ein bisschen im Guerillastil mit einem DIY-Kamerakran auf einem Auto gedreht. Wir verwendeten eine Red-Kamera mit dem Red-Zoomobjektiv, das überraschenderweise die besten Ergebnisse lieferte. Der größte Teil des Films wurde Anfang Mai gedreht, als das Licht am frühen Morgen subtil ist und die Wolken hoch sind und eine Illusion eines blauen Ozeans erzeugen, wenn man das Bild umkehrt. Die Herausforderung bestand darin, die langen Aufnahmen flüssig zu machen, dafür haben wir dort ein spezielles Steadicam-Rigg verwendet.

Kannst Du mir zum Schluss noch mehr von Dir und von anstehenden Projekten erzählen?

Ich habe eine Ausstellungseröffnung im Antwerpener M.KHA-Museum namens Gravity Control, wo ich vier Filme aus den letzten Jahren zeigen werde, darunter eine neue Arbeit, die ich gerade fertiggestellt habe und die auf einem Volleyballspiel basiert, das mit einer Hochgeschwindigkeits-Phantom-Kamera aufgenommen wurde.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Gimny Moskovii


Interview: Russian filmmaker Dimitri Venkov tells us more about the creation and message of his experimental film „Gimny Moskovii“ (ET: „Anthems of Moscovia“), which was shown in the International Competition of the 31st Dresden Film Festival. He also talks about his relationship with Moscow and how they shot the film.

How did you develop the idea for your film „Gimny Moskovii„? Does it have a musical origin?

It started with the sound of the Soviet anthem playing in my head while I was driving on a highway just outside Moscow. It was irrational, since nothing Soviet was around me at the time. I originally planned the film as a trip from the airport through the pompous city architecture and into the grim and faceless suburbs. As I worked on the idea, I settled for the three architectural styles, which correspond historically with the evolution of the anthem: the music has stayed the same but the lyrics changed three times roughly matching the architectural periods in my film. 

Can you provide a little interpretation aid – can it also be interpreted politically?

It has a political and a historical dimension. Grandiose architecture with little human presence is associated with authoritarian or totalitarian contexts. You can see this in Pyongyang, Astana, Naypyitaw. An authoritarian government operates in large scale urban projects (think of Hitler’s plans for the reconstruction of Berlin). You can take it as a commentary on living in a city where enormous undemocratic power is always held by a handful of people who consider the city as their playground and a facade of success they present to themselves. That’s one thing. Another thing is the last 80 years or so of Russia’s history reflected in architecture in whose form are cast the successive historical and ideological developments: stalinist empire, Khrutschev’s thaw, and the current hyper capitalism.  

Do you have your own connection to Moscow?

The city had a secret charm to me when I first came to live here in the late 90s. On the outside it didn’t look like anything interesting, everything was hidden, all the interesting activity and people were to be sought after and discovered. Now, I would say it’s the reverse: everything is in plain sight, the city has opened its doors to me but there is nothing there anymore, no mystery. The spirit of the city I was eager to capture in my youth has moved from the cityscapes into the memories of the people who saw it’s better days. It was systematically destroyed by development with no other sense and purpose than sheer greed. I don’t like where it is going. It’s distasteful to me.

Can you tell me about the visual implementation and how it was technically implemented?

We filmed it somewhat in a guerrilla style with a DIY Russian arm system mounted on a car. We used a Red camera with the Red zoom lens, which, surprisingly, gave the best results. Most of the film is shot in early May when the light is subtle early in the morning and clouds are high creating an illusion of a blue ocean when you flip the image. The challenge was to get the long shots smooth, for that there we used a custom steadicam rigg.

Can you tell me more about you and your upcoming projects?

I have a show opening at Antwerp’s M.KHA museum called Gravity Control where I will be showing four films from the recent years including a new work I have just finished, which is based on a volleyball game shot with a high-speed Phantom camera.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Gimny Moskovii“ 

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