29. Filmfestival Cottbus – Festival of East European Cinema

5.-10.11.2019 / Stadthalle, Kino Weltspiegel, Kammerbühne, Kino Glad-House, Obenkino, Staatstheater, Menschenrechtszentrum, Planetarium, Stadtbibliothek Zielona Gora

Festivalbericht: Zum 29. Mal fand in der brandenburgischen Stadt Cottbus das Festival of East European Cinema statt. Das im allgemeinen nur Filmfestival Cottbus genannte Festival präsentierte dabei sechs Tage lang vom 5. bis 10. November 2019 ein buntes Programm von 192 Filmen aus 45 Ländern. Am Ende wurden 18 Preise in verschiedenen Kategorien vergeben und der Zuschauer konnten wieder wunderbar seinen Horizont erweitern und an acht Spielstätten in Cottbus sowie in Zielona Gora den Blick nach Osten schweifen lassen.

Stadthalle Cottbus

Auch 2019 bestach das Cottbuser Filmfestival wieder mit einer Vielzahl an verschiedenen Reihen. Neben den bekannten, am meisten besuchten Reihen wie ‚Hits‘, ‚Spectrum‘ und dem Wettbewerb, bestach das Festival wieder mit verschiedenen Länder-Schwerpunkten u.a. Ungarn, Montenegro, Polen und Russland. Im Wettbewerb, einer der Kernstücke des Festivals traten 12 Langfilme aus 17 Ländern und Länderkooperationen gegeneinander an. Den großen Preis für den besten Film (dotiert mit 25.000 €) gewann der Film „Schwester“ der Regisseurin Svetla Tsotsorkova, der die Geschichte von drei Frauen erzählen, die ihr Gefühlszentrum um einen Automechaniker herum aufbauen. Der Preis für die ‚Herausragenden Schauspielerinnen‘ ging auch an einen Film, der stark von Frauen dominiert wurde. Gleich alle fünf Darstellerinnen des Films „Agas Haus“ wurden für ihre Darbietung ausgezeichnet und wahrlich überzeugend spielen sie ihre Rolle der zurückgelassenen Frauen, deren Männer in den Krieg gezogen sind, und die mit ihrem Leben nicht so recht etwas anzufangen wissen. Den Preis für den ‚Herausragenden Schauspieler‘ gewann Alban Ukaj, der im Film „Full Moon“ aus Bosnien-Herzegowina die Rolle eines Polizisten spielt, der gegen die Korruption seiner Kollegen vorgeht. Dieser Film gewann auch den Preis der Ökumenischen Jury. Die Jury des FIPRESCI-Preises (Preis der internationalen Vereinigung von Filmkritikern und Filmjournalisten) und das Publikum waren sich dagegen einig und wählten den herzerwärmenden Film „Die Sonne über mir geht nie unter“ der Regisseurin Lyubov Borisova, welche mit klarem Blick und einem bisschen Sentimentalität, Alter und Jugend, Fortschritt und Geschichte vereint. Den Preis für die ‚Beste Regie‘ erhielt Teodor Kuhn für seinen Film „Mit einem scharfen Messer“. Von den zehn Kurzfilmen, die man an einem Abend in Cottbus sehen konnte, wurde „Franka“ von Mitriy Semenov-Aleynikov ausgezeichnet. Leider ohne Ehrung blieb der wunderbare ukrainische Beitrag „Die Gedanken sind frei“ von Antonio Lukich, der eine skurrile aber herzensgute Geschichte erzählt. Der Regisseur hat zudem vermutlich den größten Schauspieler des Landes für diese Rolle besetzt – Andriy Lidagovskiy. Auch überzeugend war der tschechisch-deutsche Beitrag zum Wettbewerb: „Nationalstraße“ von Štěpán Altrichter, der auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Jaroslav Rudiš basiert und es schafft, einem unsympathischen Menschen eine Seele zu geben, aber trotzdem nichts zu verschleiern.  

Kammerbühne

Auch in diesem Jahr war die U18-Reihe sehr beliebt bei Jung und Alt. Alle Filme liefen dabei in der Kammerbühne des Cottbuser Staatstheaters. Darunter war auch der Gewinner des Gold-Preises der Hofer Filmtage 2019: „1986“ von Lothar Herzog zeigt, wie in der Ukraine mit dem Erbe Tschernobyls umgangen wird und erzählt gleichzeitig die Geschichte einer jungen Frau. Von den sieben Langfilmen gewann die slowakisch-tschechische Produktion „Es werde Licht“ den Preis für den ‚Besten U18-Film‘. Unter den Beiträgen stach aber besonders der Film „FOMO – Fear of missing out“ heraus. Der ungarische Spielfilm des Regisseurs Attila Hartung nimmt sich eines Themas an, dessen Verbrechen in Ungarn zu 99% ungesühnt bleiben, wählt dafür aber die Sicht des Täters und folgt ihm auf seinen Spuren. Dafür verwendet er eine moderne Optik und inszeniert einerseits klassisch und andererseits mit Handkameras, um einen typischen YouTube-Stil nachzuahmen. Hartung schuf so einen starken Film, der unter die Haut geht und garantiert zu Diskussionen anregt.

Stadthalle Cottbus

Neben der sehr begehrten Rubrik ‚Hits‘, wo man die Möglichkeit hatte, den wunderbaren finnischen Film „Aurora“ von Miia Tervo sehen zu können, der es schaffte viele Themen und eine schöne Liebesgeschichte unter einen Hut zu bekommen, erfreute sich auch in diesem Jahr die ‚Spektrum‘-Reihe großer Beliebtheit. Neben dem Gewinner des Preises für den ‚Besten Debütfilm‘ – „Das Tagebuch der Diana Budisavljević“ – fielen hier besonders die Filme „Mutterland“ und „Heiliger Knall“ auf. „Mutterland“ von Tomas Vengris überzeugte als stiller Film über die Frage nach der Heimat, wenn man in ein Land zurückkehrt, was eine Zeit lang besetzt war. Der griechische Episodenfilm „Heiliger Knall“ verbindet verschiedene Schicksale miteinander und spricht so einige gesellschaftsrelevante Themen auf einmal, aber mit viel Spannung, an.   

Stadthalle Cottbus

Besonders beachtenswert waren in diesem Jahr die ungarischen Beiträge. Neben dem starken „FOMO – Fear of missing out“ konnte man auch den ambitionierten Debütfilm „Curtiz“ sehen, der sich mit dem Dreh des Films „Casablanca“ beschäftigte und sich dabei voll und ganz auf den Regisseur Michael Curtiz, einen Exil-Ungar, fokussierte. Zudem hatte man die Möglichkeit Nimrod Antals neuesten Film „The Whiskey Bandit“ zusehen. Der Regisseur, der die Zuschauer mit dem Spielfilm „Kontroll“ (2003) über die Kontrolleure in der Budapester Metro überzeugte, erzählt in seinem 126-minütigen Werk die Geschichte eines stets betrunkenen Bankräubers, der es aber trotzdem schaffte über 20 Banken auszurauben, bevor er geschnappt wurde. Auch der Dialogpreis für die Verständigung zwischen den Kulturen ging an den ungarischen Beitrag „Deva“. Er handelt von einem Albino-Mädchen, das in einem transsilvanischen Waisenhaus aufwächst. 

Weltspiegel

Aber auch andere Länder und Regionen wie Montenegro, Russland und die Lausitz bekamen eigene Reihen, so dass man immer die Qual der Wahl hatte. Die polnischen Beiträge waren dieses Jahr wieder stark dabei. Nicht nur lief der heiße Oscarkandidat „Corpus Christi“, sondern auch der Schwarzweiß-Film „Bumerang“ von 1966, der einen anderen Blick auf die Nachkriegszeit bot, war beliebt beim Publikum. Auch das Kinderprogramm setzte sich in diesem Jahr aus vielfältigen Beiträgen zusammen. „Mein Opa vom Mars“ war einer aufregender Film mit kindgerechten Effekten und einer echten Abenteuergeschichte. Dabei hatte man hier endlich einmal das Gefühl, dass sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen gleichermaßen ernst genommen wurden. Ansonsten konnte man noch an vielen weiteren Programmpunkten teilnehmen, Ausstellungen besuchen und mit Filmemachern ins Gespräch kommen. Wunderbar an diesem Festival ist, dass es jedem offen steht, auch wenn Sprachbarrieren vorhanden sind, denn alle Filme sind englisch untertitelt. Aber nicht nur das, sondern für jene, die der englische Sprache nicht mächtig sind oder für die das Lesen der Untertitel einfach zu anstrengend ist, gab es die Möglichkeit sich am Eingang ein Audiogerät zu holen, auf dem die Übersetzungen live eingesprochen wurden. Dieser Service hebt Cottbus von anderen Festivals ab. So werden die Filme, die man sonst schwer zu Gesicht bekommen würde, von mehr Besuchern wahrgenommen und bekommen dadurch ein größeres Publikum.

Stadthalle Cottbus

Fazit: Auch in diesem Jahr bot das 29. Filmfestival Cottbus eine bunte Palette an Filmen aus 45 Ländern, sodass die Auswahl stets schwierig war. Auch viele Genres wurden bedient: Neben klassischen Dramen und Komödien, gab es auch Ausflüge ins Actionfach, zum Horrorfilm und als Biopic. Die Vielzahl der Filme, welche an neun Spielstätten gezeigt wurden, zusammen mit der Möglichkeit sie übersetzt zu genießen, machten auch dieses Mal wieder viele Säle ausverkauft und belebte die brandenburgische Stadt eine Woche lang unter dem stetigen Motto ‘Cottbus ist bunt’.

Der Festivaltrailer, der auch unter diesem farbigen Motto steht, gibt es hier:

geschrieben von Doreen Matthei

Fotografien von Michael Kaltenecker, Doreen Matthei

Quellen:

Alle Filme aus dem Bericht:

  • „1986“ (OT: „1986“, Regie: Lothar Herzog, Deutschland, 2019)
  • „Agas Haus“ (OT: „Shpie e Agës“, Regie: Lendita Zeqiraj, Kosovo/Kroatien/Frankreich/Algerien, 2019)
  • „Aurora“ (OT: „Aurora“, Regie: Miia Tervo, Finnland, 2019)
  • „Bumerang“ (OT: „Bumerang“, Reige: Leon Jeannot, Polen, 1966)
  • „Corpus Christi“ (OT: „Boże Ciało“, Regie: Jan Komasa, Polen, 2019) 
  • „Curtiz“ (OT: „Curtiz“, Regie: Tamás Yvan Topolánszky, Ungarn, 2018)
  • „Das Tagebuch der Diana Budisavljević“ (OT: „Dnevnik Diane Budisavljevic“, Regie: Dana Budisavljević, Kroatien/Slowenien/Serbien, 2019)
  • „Deva“ (OT: „Deva“, Regie: Petra Szőcs, Ungarn, 2018)
  • „Die Gedanken sind frei“ (OT: „Moi Dumky Tykhi“, Regie: Antonio Lukich, Ukraine, 2019)
  • „Die Sonne über mir geht nie unter“ (OT: „Min Urduber Kyun Khahan da Kiirbet“, Regie: Lyubov Borisova, Russland, 2019)
  • „Es werde Licht“ (OT: „Nech je Svetlo“, Regie: Marko Škop, Slovakei/Tschechische Republik, 2019)
  • „FOMO – Fear of missing out“ (OT: „FOMO – Megosztod, és Uralkodsz“, Regie: Attila Hartung, Ungarn, 2019)
  • „Franka“ (OT: „Franka“, Regie: Mitriy Semenov-Aleynikov, Bulgarien, 2018)
  • „Full Moon“ (OT: „Pun Mjesec“, Regie: Nermin Hamzagić, BA, 2019)
  • „Heiliger Knall“ (OT: „Holy Boom“, Regie: Maria Lafi, Griechenland/Albanien, 2018)
  • „Mein Opa vom Mars“ (OT: „Moj Dida je Pao s Marsa“, Regie: Dražen Žarković & Marina Andree Škop, Kroatien/Slowenien/Slowakei/Luxemburg/Norwegen/Tschechische Republik/Bosnien und Herzegowina, 2019)
  • „Mit einem scharfen Messer“ (OT: „Ostrým Nožom“, Regie: Teodor Kuhn, Slovakei/Tschechische Republik, 2019)
  • „Mutterland“ (OT: „Gimtine“, Regie: Tomas Vengrisd, Litauen/Lettland/Deutschland/Griechenland, 2019)
  • „Nationalstraße“ (OT: „Národní Třída“, Regie: Štěpán Altrichter, Tschechische Republik/Deutschland, 2019)
  • „Schwester“ (OT: „Sestra“, Regie: Svetla Tsotsorkova, Belgien/Katar, 2019)
  • „The Whiskey Bandit – Allein gegen das Gesetz“ (OT: „A Viszkis“, Regie: Nimród Antal, Ungarn, 2017)

Die Testkammer hat folgende Filme auf dem 29. FFC gesehen:

Langfilme:

Interviews mit Regisseuren deren Filme, auf dem Filmfestival Cottbus liefen:

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