28. Filmfestival Cottbus – Festival of East European Cinema

Stadthalle Cottbus, Kino Weltspiegel, Kammerbühne, Glad-House, Obenkino, Staatstheater, Planetarium, Stadtbibliothek Zielona Gora / 6.-11. November 2018

Festivalbericht: Das Filmfestival Cottbus (FFC) wurde 1991 ins Leben gerufen. Die Festivalbetreiber wollten damals verhindern, dass nach der Wende der osteuropäische Film von deutschen Leinwänden verschwindet. 28 Jahre später hat sich das Festival of East European Cinema international etabliert und wird zu den wichtigsten Festivals der Welt gezählt. Eine Woche lang konnte man an vielen Spielstätten in der knapp über 100.000 Einwohner starken brandenburger Stadt Cottbus 217 Lang- und Kurzfilme aus 45 Ländern sehen, welche man so vermutlich nie zu Gesicht bekommen hätte.

Unter der Leitung des Programmdirektors Bernd Buder entstand ein buntes Programm, was sich mit 210 Stunden Programmlaufzeit über sieben Tage verteilte. Aus 15 Einzelsektionen setzt sich das Festival dabei zusammen. Neben dem Wettbewerb für Lang- und Kurzfilme, gab es selbstverständlich ein Kinder- und ein Jugendprogramm, was es auch schaffte die Jugendlichen der Stadt in die Kinos zu locken. Hinzu kamen Länderschwerpunkte aus Georgien, der Ukraine und der Region Schlesien. Die beiden produktionsstarken Filmländer Polen und Rußland waren mit eigenen Reihen vertreten und der Publikumsmagnet ‘Hits’ brachte uns die großen Erfolge aus den osteuropäischen Länder näher, welche vermutlich weniger auf deutschen Leinwänden zu sehen sein werden. Aus diesen wurde auch der Publikumsliebling auserkoren: „Cold War – Breitengrad der Liebe“ von Paweł Pawlikowski, der mit seinem Film „Ida“ 2015 einen Oscar gewinnen konnte. So hatte der Film „Cold War“, welcher bei den diesjährigen Cannes-Festspielen den Preis der ‘Besten Regie‘ erhielt, auch die Ehre das Festival zu eröffnen und am Sonntag als einer der letzten Filme das 28. FFC abzuschließen.

Glad-House

Im offiziellen Wettbewerb traten 12 Filme aus 22 Ländern gegeneinander an. Der Gewinner war der Film „Ayka“ des Regisseurs Sergey Dvortsevoy, der gleichzeitig auch den Preis der Ökumenischen Jury erhielt. Der Hauptpreis ist mit 25.000 Euro dotiert und wird zwischen Regisseur und Produzent aufgeteilt. Der Preis für die ‘Beste Regie’ ging an den russischen Filmemacher Ivan I. Tverdovskiy für seinen Spielfilm „Jumpman“, der irrwitzigen Justizbetrug und Coming-of-Age-Geschichte vereint. Den Preis für den ‚Besten Hauptdarsteller‘ gewann Reimo Sagor für seine Rolle in „Take it or leave it“. Als beste Darstellerin wurde Martina Apostolova ausgezeichnet für ihre Rolle in „Irina“, der Film erhielt auch den Preis für den ‘Besten Debütfilm’. Unter den Wettbewerbs-Teilnehmer stach ebenfalls „Die Delegation“ von Bujar Alimani heraus, der treffsicher und berührend und ohne Kitch von vergangenen Ereignissen erzählt.

In den beiden nahezu ausverkauften Kurzfilmprogramme, bei denen elf Filme aus acht Ländern gezeigt wurden, wurde die stark differenzierenden Themen mal mit Humor, mal mit Übertreibung oder Authentizität angegangen. Der Kurzfilm „Inn. Küche – Nacht“ prangert mit Humor die Engstirnigkeit seines Landes an. „60 Kilo Nichts“ von Piotr Domalewski zeigt auf erschreckend realistische Weise, was Schwarzarbeit auch bedeutet und erhielt dafür den Spezialpreis der Cottbuser Jury. Die Kurzfilme „Mia Donna“ und „Die Bestechung“ wählten das Sonderbare und die Übertreibung, um Missstände anzuprangern. Fast alle Filme übten Kritik an der Regierung, Gesellschaft und dem Menschlichen und zeigen so, wie junge Filmemacher sich mit bedeutenden und wichtigen Themen auseinandersetzen und Missstände anprangern. Auch der Gewinner des Kurzfilmwettbewerbs – „Das Weihnachtsgeschenk“ von Bogdan Mureșanu – arbeitet mit Humor, um seine Kritik zu platzieren. Das funktioniert treffsicher und wirkt erschreckend aktuell trotz seines historischen Gewands.

Weltspiegel

In der ‘Spektrum’-Reihe werden jedes Jahr Filme aus vielen unterschiedlichen Ländern gezeigt, welche stets mit einer bunten Mischung aus Genren und Überraschungen aufwarten. So befanden sich unter den 18 Filmen auch der hollywood-taugliche „The Eternal Road“ von Antti-Jussi Annila und der spaßige Genrefilm „F20“ des oft ausgezeichneten Regisseurs Arsen Anton Ostojić. Zudem konnte man hier, neben „Müll auf dem Mars“, den zweiten Science-Fiction-Film des Festivals sehen: Der Spielfilm „Ederlezi Rising“ ist der erste seiner Art in Serbien.

Besonders gut war auch das U18-Programm für ein jüngeres Publikum. Neben dem Gewinner „Die Tochter des Trainers“ von Łukasz Grzegorzek bestachen die beiden Langfilme „Zurück nach Hause“, dessen Geschichte ein unbegreifliches Gefühl hinterließ und „Lass uns abhauen“ von Isa Micklitza, ein deutscher Beitrag, der es schafft nah an der Realität zu bleiben und dabei gute Laune zu verbreiteten. Aber auch zwei kürzere Werke stachen aus dem Filmangebot hervor: Der Dokumentar-Animationsfilm „Tracing Addai“ und der deutsch-österreichische 44-minütige Film „Bester Mann“, welche beide Antworten auf die Frage „Wie kann es dazu kommen?“ suchen.

Stadthalle

Neben der große Filmauswahl, mit 10 Weltpremieren, 33 internationalen Premieren und 65 Deutschlandpremieren, konnten die Zuschauer in den 15 Festival-Kategorien in der Festivalwoche auch noch drei Ausstellungen sowie eine Lesung besuchen und natürlich der Eröffnung und der Preisverleihung beiwohnen. Die 18 Preise waren insgesamt mit 80.750 Euro dotiert. Wunderbar war es, dass bei fast allen Screenings immer die Filmemacher für ein anschließendes Q&A zur Verfügung standen. Mit dem gut ausgebauten Synchronsprecher-System (13 Dolmetscher waren vor Ort) wurde jeder Film und Talk auch ins Deutsche übertragen, so dass es das Festival souverän schafft, alle Altersklassen und auch Menschen, welche nicht dem Englischen mächtig sind, anzusprechen. Dass das Festival sich auch mit dem Thema Heimat beschäftigte, zeigt der Film „Wenn wir erst tanzen“, welcher von einer Laientanzgruppe aus Hoyerswerda berichtet und eindringlich zum Diskurs über Heimat einlädt und vor allem die Frage in den Raum wirft, was man gegen den Verfall von kleineren Städten im Osten unternehmen kann an. Im Gesamten hat das 28. Cottbuser Filmfestival eine bunten Schatz an Filmen bereitgehalten, bei dem es viele tolle Entdeckungen und Anregungen gab. Gerade der Mut zu vielen politischen und gesellschaftsrelevanten Themen zeichnete das Festival in seiner Fülle aus.

Fazit: Auf dem 28. Filmfestival Cottbus – Festival of East European Cinema – wurde in 15 Sektionen eine riesige Bandbreite an Filmen präsentiert. Aus vielen Ländern kamen die Beiträge, welche historische und zeitgenössische, witzige und ernste sowie realistische und fantastische Geschichten erzählten. Ergänzt durch viele interessante Filmgespräche nach den Filmen bot das Festival einen optimalen Einblick in die Strömungen des osteuropäischen Kinos und gab den Zuschauern die Möglichkeit deren Werke im Kino zu entdecken. Das machte das 28. FFC 2018 zu einer lohnenswerten Woche voller Kino und Entdeckungen, sodass man gern im nächsten Jahr wiederkommt.

Hier könnt ihr euch den von Axel Ranisch gestalteten Trailer anschauen:

geschrieben von Doreen Matthei

Fotografien von Michael Kaltenecker, Doreen Matthei

Quellen:

Alle Filme aus dem Bericht:

  • „60 Kilo Nichts“ (OT: „60 Kilo Niczego“, Polen, 2017, Piotr Domalewski)
  • „Ayka“ (OT: „Ayka“,  Russland/Deutschland/Polen/Kasachstan/China, 2018, Sergey Dvortsevoy)
  • „Bester Mann“ (OT: „Bester Mann“, Österreich, 2018, Florian Forsch)
  • „Cold War – Breitengrad der Liebe“ (OT: „Cold War“, Polen/Großbritannien/Frankreich, 2018, Paweł Pawlikowski)
  • „Das Weihnachtsgeschenk“ (OT: „The Christmas Gift“, Rumänien, 2018, Bogdan Mureșanu)
  • „Die Bestechung“ (OT: „Vzyatka“, Russland, 2018, Alexey Kharitonov)
  • „Die Delegation“ (OT: „Delegacioni“, Albanien/Frankreich/Griechenland/Kosovo, 2018, Bujar Alimani )
  • „Die Tochter des Trainers“ (OT: „Córka Trenera“, Polen, 2018, Łukasz Grzegorzek)  
  • „Ederlezi Rising“ (OT: „Ederlezi Rising“, Russland/USA, 2018, Lazar Bodroža)
  • F20“ (OT: „F20“, Kroatien, 2018, Arsen Anton Ostojić)
  • „Inn. Küche – Nacht“ (OT: „Int. Kitchen. Night“, Ukraine, 2018, Arkasha Nepytaliuk)
  • „Irina“ (OT: „Irina“, Bulgarien, 2018, Nadejda Koseva)
  • „Jumpman“ (OT: „Podbrosy“,Russland/Irland/Frankreich/Litauen, 2018, Ivan I. Tverdovskiy)
  • Lass uns abhauen“ (AT: „Let me in the Woods“, Deutschland/Dänemark/Norwegen, 2018, Isa Micklitze)
  • „Mia Donna“ (OT: „Mia Donna“, Ukraine, 2018, Pavlo Ostrikov)
  • „Müll auf dem Mars“ (OT: „Trash on Mars“, Tschechische Republik, 2018, Benjamin Tuček)
  • „Take it or leave it“ (OT: „Take it or leave it“, Estland, 2018, Liina Trishkina-Vanhatalo)
  • „The Eternal Road“ (OT: „The Eternal Road“, Finland/Schweden/Estland, 2017, Antti-Jussi Annila)
  • „Tracing Addai“ (OT: „Tracing Addai“, Deutschland, 1028, Esther Niemeier)
  • „Wenn wir erst tanzen“ (OT: „Wenn wir erst tanzen“, Deutschland, 2018, Dirk Lienig/Dirk Heth/Olaf Winkler)
  • „Zurück nach Hause“ (OT: „Powrót“, Polen, 2018, Magdalena Łazarkiewicz)

Testkammer hat folgende Filme auf dem 28. FFC gesehen:

Langfilme:

  • „Cold War – Breitengrad der Liebe“ (OT: „Cold War“, Polen/Großbritannien/Frankreich, 2018, Paweł Pawlikowski)
  • „Die Delegation“ (OT: „Delegacioni“, Albanien/Frankreich/Griechenland/Kosovo, 2018, Bujar Alimani )
  • „Ederlezi Rising“ (OT: „Ederlezi Rising“, Russland/USA, 2018, Lazar Bodroža)
  • „Ewiges Leben“ (OT: „Zhizn Vechnaya“, Russland, 2017, Alexey Telnov)
  • F20“ (OT: „F20“, Kroatien, 2018, Arsen Anton Ostojić)
  • „Jumpman“ (OT: „Podbrosy“,Russland/Irland/Frankreich/Litauen, 2018, Ivan I. Tverdovskiy)
  • Lass uns abhauen“ (AT: „Let me in the Woods“, Deutschland/Dänemark/Norwegen, 2018, Isa Micklitze)
  • „Müll auf dem Mars“ (OT: „Trash on Mars“, Tschechische Republik, 2018, Benjamin Tuček)
  • „Paradies ’89“ (OT: „Paradise 89“, Lettland/Deutschland, 2018, Madara Dišlere)
  • „The Eternal Road“ (OT: „The Eternal Road“, Finland/Schweden/Estland, 2017, Antti-Jussi Annila)
  • „Wenn wir erst tanzen“ (OT: „Wenn wir erst tanzen“, Deutschland, 2018, Dirk Lienig/Dirk Heth/Olaf Winkler)
  • „Zurück nach Hause“ (OT: „Powrót“, Polen, 2018, Magdalena Łazarkiewicz)

Kurzfilme:

  • „60 Kilo Nichts“ (OT: „60 Kilo Niczego“, Polen, 2017, Piotr Domalewski)
  • „Beben“ (OT: „Drżenia“, Polen, 2018, Dawid Bodzak)
  • „Bester Mann“ (OT: „Bester Mann“, Österreich, 2018, Florian Forsch)
  • „Das Weihnachtsgeschenk“ (OT: „Cadoul de Craciun“, Rumänien, 2018, Bogdan Mureșanu)
  • „Der Autounfall“ (OT: „DTP“, Russland, 2018, Anna Dezhurko)
  • „Die Begegnung“ (OT: „Seznámení“, Tschechische Republik, 2017, Lubomír Ballek & Terézia Halamová)
  • „Die Bestechung“ (OT: „Vzyatka“, Russland, 2018, Alexey Kharitonov)
  • „Die Möwe“ (OT: „Pescărușul“, Rumänien, 2018, Maria Popistașu & Alexandru Baciu)
  • „From a great height“ (OT: „From a great height“, Weißrussland, 2018, Vlada Senkova)
  • „Inn. Küche – Nacht“ (OT: „Int. Kitchen. Night“, Ukraine, 2018, Arkasha Nepytaliuk)
  • „Mia Donna“ (OT: „Mia Donna“, Ukraine, 2018, Pavlo Ostrikov)
  • „Plus minus eins“ (OT: „Plus minus unu“, Republik Moldau, 2018, Ion Borș)
  • „Sie“ (OT: „Ajo“, Kosovo, 2018, More Raça)
  • „Straße der rauschenden Bäume“ (OT: „“, , 201?)
  • „Tracing Addai“ (OT: „Tracing Addai“, Deutschland, 1028, Esther Niemeier)

Interviews mit Regisseuren deren Filme, die auf dem Cottbuser Filmfestival liefen:

4 Gedanken zu “28. Filmfestival Cottbus – Festival of East European Cinema

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