Fünf Fragen an Yves Paradis

Interview: Der kanadische Regisseur Yves Paradis erzählt uns im Gespräch mehr über den improvisierten Entstehungsprozesses seines Animationsfilms „M52“, der auf vielen Festivals zu sehen war, u.a. auf den 30. Bamberger Kurzfilmtagen, warum er sich für eine farbig reduzierte Gestaltung entschied und wer seine Vorbilder waren.

Ich habe gelesen, die Entwicklung von „M52“ begann mit dem Bild ‚Ein Mann schiebt einen Würfel‘, stimmt das? Und wie ging es dann von diesem Punkt weiter?

Genau. Dieses abstrakte Bild hatte ich nachts im Kopf. Etwas ohne Sinn, aber mit einem besonderen kreativen Potenzial. Und das hat mir als sehr guter Startpunkt für das Projekt gefallen.

Eigentlich war die Originalidee, dass ich einen neuen Kurzfilm mit anderen Produktionsprozessen machen würde als normalerweise. Schaffen mit Improvisation und so wenig Vorbereitung / Pre-Produktion wie möglich waren die Grundlinien für das Projekt. Und auch wichtig: Keine Geschichte, Designs, Storyboard oder Drehbuch standen am Anfang. Alles entstand jede Woche Schritt für Schritt. Und es war auch wichtig, dass ich jede Woche eine neue Szene auf meinem Tumblr-Blog poste. Dafür heißt das Projekt „M52“. Für die 52 Wochen des Produktionsjahr 2017. 

Die erste Frage war, wohin diese Figur den Würfel bringt? Warum dann? Und langsam hatte ich die Richtung und das Universum des Films aufgebaut. Das Entwicklung vom ersten Bild bis zum dem Punkt, an dem ich eine ungefähre Idee von der Geschichte hatte, dauerte ca. drei Monate. Danach habe ich noch mir ein bisschen Raum für Improvisation gegeben und nur grobe Geschichtspunkte gegeben, den ich folgte. Und ich hatte auch das Ende des Films im Auge, damit ich in der letzten Woche des Jahr die richtigen letzten 52 Szenen machen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war es eine Mischung schrittweisen Improvisierens und eines geplanten Rückwärtsprozesses.  

Möchtest Du für die Interpretations-Muffel eine Erklärung mit auf den Weg geben?

Gern. Die Hauptfigur muss eine Reihe von Aufgaben aus dem Puzzle des Würfels erledigen, um es freizuschalten. Einmal freigeschaltet, bringt es den Charakter in eine andere Welt, in der weiterentwickelte fortgeschrittene Lebensformen und Natur immer noch im Gleichgewicht miteinander existieren. Der Film besitzt auch verschiedene mögliche Interpretationen. Einer meiner Lieblingsansätze ist, dass der Würfel die Figur nicht in eine andere Welt bringt, sondern stattdessen die Natur der gegenwärtigen Welt belebt, in der die Hauptfigur lebt. Daher ist das am Ende des Films gezeigte Bild der Natur ein Bild von der Zukunft dessen, was aus dieser Welt werden wird.

Eine andere Nebengeschichte des Films ist, dass die Welt, die wir sehen, eine ferne Zukunft unserer menschlichen Zivilisation ist, in der das Ökosystem zusammenbrach und schließlich zum Fall der Menschheit führte, die sich nun als roboterhafte Lebensform entwickelt hat.

Erzähl mir mehr zur visuellen Ausgestaltung: Warum hast Du Dich z.B. auf wenige Farben beschränkt? 

Es war wichtig, dass das Visuelle einfach zu produzieren war und mit wenig Arbeit so gut wie möglich zusammen passte. Ich denke auch, dass mit ein paar Farben manchmal mehr Kontrast zur Komposition ins Spiel gebracht wird. Das sehr geometrische Design macht mir auch immer Spaß, damit zu arbeiten. 

Hattest Du bei der Entwicklung Deines Films Vorbilder im Kopf? Wer oder was inspiriert Dich?

In dem Independent-Animation-Umkreis entstehen immer sehr viel gute Filme, die mich inspirieren. Zum Beispiel, „Power Hungry“ bei Benjy Brooke, „Scavengers“ bei Charles Huttner & „Born in the Void“ bei Alex Grigg und auch der Gesamtarbeit von Jonathan Djob Nkondo.

Aber der Haupteinfluss waren zwei Herausforderung-Animationsprojekte: „30 Days of animation“ bei Geoff King und „Mythical Mondays“ bei Greg Gunn. Beide hatten diesen Improvisationsfaktor und ich hatte einfach Bock so etwas auf meine Art zu probieren.

Daneben war die allgemeine Perspektive der modernen Entwicklung der menschlichen Zivilisation im Gegensatz zum Tod der natürlichen Ökosysteme eine Inspiration.

Erzähl mir bitte mehr zur musikalischen Ausmalung.

Die Musik ist am Ende des Projekts dazugekommen. Ich traf den Musiker [Anm. d. Red. Alexander Hohaus] in Halle, wo ich wohne, bei der Premiere eines Theaterstücks eines Freundes, von dem er das Musik- und Sounddesign machte. Sein Style hat mir einfach sehr gefallen. Ich habe ihn sofort gefragt, ob er Interesse hat, mit mir an meinem Film zu arbeiten. Es war seine erste Filmproduktion. Ich bin erstaunt und sehr dankbar für seine wundervolle Arbeit mit der Musik. Es gab dem Film eine weitere, stärkere Emotionsebene.

Zum Schluss noch etwas mehr von Dir. Wie hast Du die Liebe zum Animationsfilm entdeckt und wie hat es Dich nach Deutschland verschlagen?

Ich habe mich während meines Studiums im Animation-Kino wirklich für Animationen begeistert. Es brachte mich dazu, einen neuen Weg zu finden, Universen zu erschaffen, die für meine Vorstellungskraft spezifisch sind, und öffnete meinen Horizont für die Filmproduktion im Allgemeinen. 

Mich hat es nach Deutschland verschlagen, weil ich meine Freundin, die aus Deutschland stammt, in Montreal gefunden habe. Es war auch eine gute Zeit für mich, meine Heimatstadt zu verlassen und im Ausland leben.

Gibt es es schon neue Projektpläne?

Auf jeden Falls. Seit letztem Jahr arbeite ich an einem neuen Filmprojekt. Dieses mal mehr realistisch, persönlich und mit einer Doku-Perspektive.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „M52

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