Fünf Fragen an Bernd Schoch

Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher Bernd Schoch, der als Kollektiv ‚Die Glitzies‘ zusammen mit  das Musikvideo „Nackenwirbel“ für MinaeMinae kreierte, erzählt er uns mehr zur Entstehung des Projekts, warum sich für Wackeldackel entschieden haben und wie sie dann die dokumentarischen Bildern in Einklang mit der elektronischen Musik gebracht haben.  

Erzähl mir zur Entstehung des Musikvideos „Nackenwirbel“. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Musiker MinaeMinae?

MinaeMinae ist Bastian Epple. Mit Bastian hatte ich in den Nullerjahren Film an der HfG Karlsruhe studiert. Ich bin dann 2008 nach Hamburg gezogen, um an der hiesigen Hochschule für bildende Künste einen Job als künstlerischer Mitarbeiter anzunehmen. Bastian, der nach mir sein Studium in Karlsruhe begonnen hatte, machte dort noch einen interessanten Abschlussfilm in 3D über das Spielcasino in Baden Baden, ehe er im Anschluss hauptsächlich als Cutter für den SWR und private Filmproduktionsfirmen arbeitete. Was ich nicht wusste, war, dass Bastian in der Zeit nach seinem Filmstudium und neben seiner beruflichen Arbeit begonnen hatte Musik zu machen. Er experimentierte viel mit analogen modularen Synthesizern und nahm künstlerische Freiheiten in Anspruch, die ihm in seiner Arbeit als Cutter verwehrt waren. Nach ein paar Jahren des Experimentierens begann er dann auch seine Musik auf unterschiedlichen Labels zu veröffentlichen. Im September 2019 rief Bastian mich unerwartet an, um mich zu fragen, ob ich mir vorstellen könne für eine Neuveröffentlichung seiner Musik auf dem Label Marionette ein Musikvideo zu machen. Bastian wurde vom kanadischen Labelbetreiber Ali gefragt, ob er jemanden kenne, der möglicherweise in Frage käme ein Musikvideo für die Plattenveröffentlichung herzustellen. Da er die Musikvideos kannte, die ich für das Kammerflimmer Kollektiv gemacht habe, schlug er mich vor und schickte mir ein Reihe von noch ungemasterten und teils unbetitelten Stücken, die für die Veröffentlichung vorgesehen waren.

Wie früh bei der Entstehung war euch klar, dass der Wackeldackel eine Rolle spielen soll?

Der erste Impuls war, dass das Musikvideo in kollektiver Arbeit von Freunden für einen Freund hergestellt werden soll. Geld gab es ja sowieso keines, also sollte der Herstellungsprozess zumindest Spaß machen. Der Wackeldackel kam dann über André Siegers ins Spiel. Er und Nina Werner sind dann im Internet auf die kleine familienbetriebene Manufaktur Rakso in Nordbayern gestoßen. Als Bild hatte sich uns das allen sofort erschlossen. Die verkitschte, ziemlich deutsche Figur des Wackeldackels hat ja auch etwas charmantes und vor allen Dingen eine rhythmisierende Eigenschaft.

Wie war es in der Fabrik zu drehen? Wie wurde das Projekt aufgenommen?

Nina Werner und André hatten den Kontakt zu Rakso aufgenommen und ihnen in einer ausführlichen Mail mitgeteilt, was wir vorhatten. Die fanden das gut und unterstützten unser Vorhaben. Da unsere Eigenmittel sehr bescheiden waren, einigten wir uns auf einen Drehtag mit der Möglichkeit notfalls ein weiteren halben Drehtag anhängen zu können. Als eingespieltes Team – André, Simon Quack, der die Kamera machte und ich hatten bereits an einigen gemeinsamen Filmprojekten gearbeitet – schien uns das auch machbar. Mit unserem Mietauto erreichten wir nachts unsere gemietete Monteurswohnung ein paar Kilometer von der Manufaktur entfernt. Schlafen war nicht drin, da wir uns um 3 Uhr in der früh vor der Fabrik mit Herrn Ehrlicher, dem Chef von Rakso, verabredet hatten. Wir hatten uns zuvor einen groben Drehplan erstellt, der die wichtigen Arbeitsschritte der Produktion und einen gewissen Freiraum für Inszenierung und Improvisation enthielt. Herr Ehrlicher war sehr zuvorkommend, erklärte uns den Produktionsprozess noch einmal vor Ort an den jeweiligen Maschinen, ehe dann um 4 Uhr die ersten Arbeiter eintrudelten und wir von da an in die Maschinerie eingebunden waren. Ausnahmslos alle Mitarbeiter waren uns gegenüber offen und hilfsbereit und es war spürbar ein gutes Arbeitsklima vorhanden. Vielleicht rührt diese Offenheit unserem Projekt gegenüber teilweise auch daher, dass die Fabrik in der Vergangenheit schon öfters mit Künstlern zusammengearbeitet hat. 

Nachdem wir uns zu Beginn des Drehs noch sehr zurückhaltend verhalten hatten, um den Produktionsprozess so wenig wie möglich zu stören, so haben wir uns im Laufe des Tages dann doch auch mehr inszenatorische Eingriffe erlaubt. Ab einem bestimmten Moment haben wir dann beispielsweise eine Boombox aufgestellt und das Musikstück, für das wir die Filmaufnahmen machten im Loop abgespielt, um die Bewegungen der Arbeiter ein Stück weit mit der Musik synchronisieren zu können. Die wippende Bewegung des Wackeldackels sollte sich über die Musik quasi auf die ganze Manufaktur übertragen. Eine Vorführung des fertiggestellten Musikvideos vor Ort konnten wir dann aufgrund der Corona Pandemie leider nicht bewerkstelligen, aber natürlich hatten wir das fertige Video zugesendet. Das Feedback lautete: „Das Video ist klasse geworden, tolle Arbeit und viel Erfolg in Oberhausen, wir drücken die Daumen.“

Kannst Du mir zum Verhältnis von Musik zu den Filmaufnahmen erzählen. Was lag euch dabei am Herzen? 

In der Regel ist es doch so, dass abstrakte Musik abstrakte Visuals evozieren. Dem wollten wir entgegen arbeiten. Auch der Tatsache, dass das Dokumentarische eher selten in Musikvideos in Betracht gezogen wird. Der Ausgangspunkt war, wie bereits beschrieben, die wippende Kopfbewegung der Wackeldackel. Da gibt es einen direkten Bezug zur Geschichte des Musikvideos. Man kennt ja z.B. die nickenden Köpfe zum Beat in Hip-Hop-Videos. Bei dem von uns ausgewählten Musikstück von MinaeMinae handelt es sich um elektronische Musik, die analog produziert wird*. In der Herstellungsweise des Wackeldackels liegt eine schöne Verbindung zu dieser Form der Musikproduktion. In beiden ist das Serielle, wie auch das Handgemachte, präsent.

* So dachten wir zumindest, als wir das Video produzierten. Erst später erfuhren wir, dass es einer von zwei Songs auf der Platte ist, der rein digital entstanden ist.

Kannst Du mir zum Schluss noch etwas mehr über Dich und euch ‚Die Glitzies‘ erzählen? Stehen bereits neue Projekte an?   

Was die Glitzies betrifft, so verweise ich auf unsere offizielle Bandbiografie:

Die Glitzies waren eine Band, die 2020 gegründet wurde. Die Gruppe strebte raschen kommerziellen Erfolg an. Nach dessen Ausbleiben ging die Band dazu über Musikvideos zu produzieren. Mittlerweile hat die Gruppe sich aufgelöst. Nina Werner arbeitet heute als Schuhmacherin. Die verbleibenden Drei versuchen weiterhin in der Filmbranche Fuß zu fassen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Nackenwirbel

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