„Mindhunter“ (Staffel 1, 2017)

Serienkritik: „Mindhunter“, zu sehen auf Netflix, ist eine von David Fincher produzierte und von ihm auch in vier Folgen Regie geführte Serie über der Anfang der Kriminalpsychologie. Sie verbindet eine fiktive Geschichte, basierend auf einer Buchvorlage, mit real existierenden Serienmördern. 

In den 70er Jahren machten in den USA immer mehr Mörder die Städte unsicher, welche wiederholt und scheinbar grundlos töten. Der junge, engagierte FBI-Agent Holden Ford (Jonathan Groff) kann seinen Kollegen Bill Tench (Holt McCallany) davon überzeugen, dass man versuchen sollte, diese Handlungen und die Köpfe dieser brutalen Männer zu ergründen und so beginnen sie Interviews mit diesen zu führen und Muster daraus zu erstellen. Das stößt auf das Interesse der Psychologin Wendy Carr (Anna Torv), welche von ihrer Universität zu ihnen ins Team wechselt und mit ihnen zusammen eine formale Grundlage für diese Untersuchungen entwickelt.

Merrick Morton/Netflix

Cameron Britton und Jonathan Groff

„Mindhunter“ wurde von Joe Penhall (*1967) kreiert und von der großen Regielegende David Fincher (*1962), bekannt für Filme wie „Fight Club“ (1999), „The Social Network“ (2010) und „Mank“ (2020), produziert, der auch in vier Folgen selbst die Regie übernahm. Die Serie basiert auf dem Erlebnisbericht „Die Seele des Mörders“ (OT: „Mindhunter: Inside the FBI’s Elite Serial Crime Unit“, 2002) von John E. Douglas und Mark Olshaker und erzählt die Geschichte der Entstehung der Kriminalpsychologie und des Profilings. Doch statt sich für seine Handlung Serienmörder, der Begriff wird erst innerhalb der Staffel entwickelt, auszudenken, verwendet die Serie real existierende Mörder wie Edmund Kemper, Jerry Brudos, Richard Speck und Charles Manson und greift auf real existierende FBI-Interviews zurück. Die Figuren des Teams wurden ebenfalls nach realen Figuren geschaffen. Mit diesem Rückhalt in der Realität kann „Mindhunter“ wunderbar von den Anfängen der Kriminalpsychologie erzählen. Wie sich die Ermittler immer mehr vortasten, Muster erkennen, Begriffe finden und versuchen, alles in ein Schema einzuordnen ist dabei der zentrale Erzählstrang. Doch dabei bleiben die Figuren keineswegs eindimensional, sondern die Serie räumt ihnen genug Freiraum ein, sich auch privat zu entwickeln. Besonders die zunehmend unangenehme Entwicklung der Hauptfigur Holden, der nach und nach immer besessener wird und nur zu gern die Grenzen überschreitet, ist sehr gut in die Serie eingearbeitet. So bieten die zehn Folgen eine interessante Mischung aus einem gelungenen Zeitportrait, einer Charakterstudie und der historischen Annäherung an diese damals neuen Entwicklungen.

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Holt McCallany und Anna Torv

Die fesselende Geschichte des Ermittler-Gespanns wird von einer absichtlich entschleunigten Darstellung untermauert. Mit viel Zeit werden hier die Charaktere, die Vorbereitungen der Gespräche und die Interviews selbst eingefangen. Hinzu kommt eine reduzierte Bildsprache, die sich stark an der Realität orientiert und alles in einen grau-blauen Schleier hüllt. Dabei erinnert die Serie an die Fincher-Werke „Zodiac – Die Spur des Killers“ (2007) und „Verblendung“ (2011) und erhält so den gewissen Fincher-Charme. So wurde nicht nur die Geschichte von der Realität inspiriert, sondern auch die optische Ausgestaltung, welche so zeitgleich ein Gefühl für diese Jahre vermittelt. Dabei verzichten der Serienmacher auf jegliche Bebilderung der Taten, sondern schafft es, das Grauen allein mit Worten einzufangen. Die Bilder dazu entstehen in den Köpfen des Publikums. In diesem Rahmen finden sich die SchauspielerInnen wunderbar ein. Allen voran Jonathan Groff, den man bis dato vor allem als Bühnen-Darsteller (u.a. in „Hamilton“ (2020)) und in der Serie „Glee“ (2010-2014) erleben konnte, gibt hier eine düstere Vorstellung des jungen FBI-Agenten, der sich immer mehr ins Extreme entwickelt. Besonders einprägsam ist auch Anna Torv als Psychologin, welche man aus der Serie „Fringe – Grenzfälle des FBI“ (2008-2013) kennt. Sie schafft es, ihre Rolle wunderbar auszubalancieren und zeigt auch, welche Probleme es mit sich bringt, eine Frau, dazu noch lesbisch, in dieser Zeit zu sein. Im Gesamten ist die erste Staffel eine spannende Buchadaption, welche mit einer dichten Atmosphäre, einer entschleunigten Erzählweise, spannenden Charakteren und der Darstellung real existierender Gespräche, welche von Zeit zu Zeit die ZuschauerInnen erschaudern lassen, da sie konkrete Bilder in den Köpfen erzeugen, ohne das jemals eine direkte Bebilderung der Morde gibt, zu überzeugen.

Patrick Harbron/Netflix

Jonathan Groff und Holt McCallany

Fazit: Die von Joe Penhall entwickelte und von David Fincher produzierte Serie „Mindhunter“ schafft es mit einer entschleunigten Erzählweise, realen Hintergründen und einer reduzierten Bildsprache die BetrachterInnen in den Bann zu ziehen und mit der richtigen Mischung aus psychologisierender Tiefe und Spannung die Anfänge des Profiling zu beleuchten. 

Bewertung: 4/5

Trailer zur Staffel 1 der Serie „Mindhunter“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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