Sechs Fragen an Baibulat Batullin

Interview: Im Gespräch mit dem russischen Regisseur Baibulat Batullin konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Seemed“ (OT: „Pokazalos“), der auf  dem 30. Filmfestival Cottbus im Kurzfilm-Wettbewerb lief, erfahren, warum er sich entschied eine Geschichte über einen riesigen Hintern zu drehen, für was dieser steht und wie schwierig es war ihn richtig visuell umzusetzen.

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir mehr zu Deinem Kurzfilm „Seemed“ und dessen Ursprung erzählen?

In erster Linie ging es in dieser Geschichte um einen Hintern, der auf die Erde kommt. Und unser Held war der Einzige, der es bemerkte. Er war ein Astronomielehrer und versuchte, alle zu warnen, aber erst als der Hintern auf einen zentralen Platz fiel, wurde er ernst genommen. Es war eine Parodie auf den bekannten russischen Film „Fool“ unter der Regie von Y. Bykov und auf Kunstfilme im Allgemeinen. 

Als wir uns eine Synopsis ausdachten, wurde uns klar, dass diese Idee eher für einen Langfilm geeignet ist, während die Kurzform ihre eigenen Regeln auferlegt – also entschieden wir, dass der Hintern bereits in den Hof gefallen sein sollte. Die Geschichte hat davon profitiert und ist persönlicher und wahrhaftiger geworden. Es ist nun so, dass der Hintern nie vom Himmel gefallen ist. Er ist immer eine Folge von menschlichen Aktionen und Reaktionen. Das ist es, worum es in meiner Geschichte geht. 

Man kann den Hintern als eine Metapher für viele menschengemachte Probleme sehen – hattest Du ein bestimmtes Anliegen im Kopf? Ich musste an die Klimakrise denken.

Es ist alles sehr offensichtlich in diesem Film. Eine primitive Metapher, besonders für ein russisches Publikum. Ich hatte keine Angst davor. Ja, man kann diese Situation mit der Verschmutzung des Planeten und anderen Problemen vergleichen. Darin kann jeder seinen eigenen „Hintern“ finden. 

Es ist bemerkenswert, dass die Hintern-Metapher einen besonderen Platz in der russischen Kultur einnimmt. Dieses Symbol begleitet uns seit unserer Kindheit, man kann es in der Sprache, in Witzen und so weiter hören. Der Hintern assoziiert Hoffnungslosigkeit, Kämpfe und Sackgassen-Provinz. Für mich war es eine Überraschung, dass in Russland niemand auf die Idee gekommen ist, einen Film über den Hintern zu drehen – wenn wir „Hintern“ natürlich wörtlich nehmen. Schließlich geht es sowohl in Bykows „Fool“ als auch in Swjaginzews „Leviathan“ und vielen anderen russischen Filmen darum, um die Hoffnungslosigkeit, um ‚den Hintern‘. Jeder Film beleuchtet es aus einem anderen Blickwinkel. In meinem Film „Seemed“ gibt es nichts Neues, es ist nur ein anderes Genre und eine andere Perspektive. 

Für mich geht es in dieser Geschichte um die Dinge, die um mich herum passieren. Über das System, das sich in unserem Land gebildet hat. Darüber, wie schwer es ist, ein ‚Held‘ zu sein. Es ist einfacher, den ‚Hintern‘ zu ignorieren, als ob es so etwas nicht gäbe. Aber es geht nicht nur um das System der Macht. ‚Hintern‘ geht von einer bestimmten Person aus. Nehmen wir zum Beispiel die psychische Gesundheit. Wir verschließen manchmal die Augen vor dem, was innerlich schmerzt. Und wenn der Schmerz zuschlägt, kann es traumatisch sein, und vor allem zu spät. 

Ivan Dobronravov

‚Hintern‘ fällt meist erst auf, wenn er eine echte Bedrohung darstellt. Wir handeln oft erst, wenn die Katastrophe bereits eingetreten ist. Zum Beispiel gab es 2018 einen Brand in einem Einkaufszentrum ‚Simnjaja Wischnja‘ in Kemerowo mit vielen Opfern, vor allem unter Kindern. Die Regierung hat nach dem Vorfall damit begonnen, die Einkaufszentren auf ihren Zustand hin zu überprüfen. Was am meisten schmerzt, ist, dass diese Aktionen, wie ich denke, nur vorübergehend und um der Sache willen waren. Wenn wir diese Tragödie aufschlüsseln, liegt der Grund, warum das passiert ist, in menschlicher Nachlässigkeit und Korruptheit. Jeder hat aus Eigennutz auf einen kleinen ‚Hintern‘ nicht geachtet. 

Letztendlich haben wir den Hintern als Kunstobjekt präsentiert. 

Ich kann sagen, dass auch das ein Teil unserer Kultur ist, eine Oberfläche von ‚etwas Gutem‘ zu schaffen und darunter einen Haufen Probleme zu verstecken. Das betrifft die Tatsache, dass die Regierung eine Menge Geld für geopolitische Spiele ausgibt, während ein normaler Mensch nicht im Vordergrund steht. 

Kannst Du mir mehr zu den Dreharbeiten erzählen?

Ivan Dobronravov

Es hat genau drei Jahre gedauert, um vom ersten Entwurf des Drehbuchs bis zum endgültigen Schnitt zu kommen. Wir haben das Drehbuch geändert. Wir suchten nach einem Protagonisten, der Winter kam, wir warteten auf den Sommer. Wir fanden einen super coolen Schauspieler, Ivan Dobronravov, der in Andrey Zvyagintsevs „Homecoming“ mitspielte.

Das Schwierigste war auch, ein Material zu finden, das der Oberfläche eines Hinterns ähneln würde. Wir hatten verschiedene Varianten von unterschiedlichen Künstlern. Wir dachten, vielleicht ist es höchste Zeit, dass wir uns nicht mehr darum kümmern, und plötzlich tauchte eine Woche vor dem Dreh das perfekte Material auf. Wir haben uns viel Zeit für die CG genommen, da wir den Film ohne die Hilfe von großen Studios gemacht haben. Grafik braucht Zeit und Geld.

Was lag Dir visuell im Allgemeinen und im Speziellen bei der Umsetzung des Objekt des Anstoßes am Herzen?

Das ist interessant: Der Hintern ist ein 3D-Modell einer echten Schauspielerin, die wir während unserer Hauptaufnahmen mit Hilfe einer weiteren Kameraeinheit gedreht haben. Es war wichtig, ihn mit demselben Licht zu filmen. 

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Von der ersten Ausbildung her bin ich Ensemblekünstler, Tänzer und doch kam ich irgendwie zur Komödie. Schon vor dem Studium an einer Filmschule, seit meinem 14. Lebensjahr, habe ich zu Hause einige Filme über mein Spielzeug, mich selbst und Freunde, die Schauspieler waren, gedreht. 2014 schrieb ich mich in der Regieabteilung der Moskauer Filmschule ein und besuchte den Kurs von Aleksei Popogrebsky. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Nach dem Studium habe ich in meinem Beruf gearbeitet: Werbung und Fernsehsendungen gedreht. Ich bin dabei, meine Technik zu beherrschen, denke ich. Ich möchte wirklich einen Spielfilm drehen, sei es ein Studio- oder Indie-Film – die Zeit wird es zeigen. Momentan drehe ich eine zweite Staffel einer TV-Show über einen Zwerg aus einer Provinzstadt, der seinen Platz in einer Hauptstadt sucht. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Seemed


Interview: In our conversation with Russian director Baibulat Batullin, we were able to learn more about his short film “Seemed” (OT: “Pokazalos”), which ran in the short film competition at the 30th Cottbus Film Festival, why he decided to tell a story about a giant butt, what it stands for, and how difficult it was to translate it properly visually.

Can you tell me more about your short film “Seemed” and its origin?

In the first place this story was about a butt coming to Earth. And our hero was the only one who noticed it. He was an astronomy teacher and tried to warn everyone, but it was only when the butt dropped on a central square he was taken seriously. It was a parody of a well-known Russian film “Fool” directed by Y. Bykov and art films in general. 

When we came up with a synopsis, we realized that this idea is more suitable for a full film, while short form imposes its own rules – so we decided that the butt should have already fallen or be in a yard. The story has benefited from it and became more personal and truthful. It’s just… the butt never comes from the skies. It is always a consequence of human actions and reactions. That is what my story is about. 

You can see the butt as a metaphor for many man-made problems – did you have a specific concern in mind? I had to think of the climate crisis, for example.

It is all very obvious in this film. A primitive metaphor, especially for a Russian audience. I wasn’t afraid of it. 

Yes, you can compare this situation with pollution on the planet and other problems. Everyone can find its own “butt” in this. 

It’s worth noticing that a butt metaphor occupies a special place in Russian culture. This symbol has followed us since childhood, you can hear it in speech, jokes and so on. The butt associates with hopelessness, struggles, and dead-end province… For me it was a surprise that no one came up with the film about the butt in Russia – if we take “butt” in a literal sense, of course. After all, both Bykov’s “Fool” and Zvyagintsev’s “Leviathan” and many other Russian films are about it, hopelessness, “the butt”. Each film examines it from a different angle. There is nothing new in my movie “Seemed”, it’s just another genre and another perspective. 

For me this story is about the things happening around me. About the system that formed in our country. About how hard it is to be a «hero». It is easier to ignore the “butt” as if there is no such thing. 

But it’s not only about the system of power. “Butt” starts from a particular person. Take mental health, for example. We sometimes turn a blind eye on what hurts inside. And when the pain strikes, it can be traumatic, and more importantly, too late. 

“Butt” usually attracts attention when posing a real threat. 

We often take actions after disasters have already taken place. For example, in 2018 there was a fire in a mall “Winter Cherry” in Kemerovo with many casualties, especially among children. The government started checking the malls to see if they are in a suitable condition after the incident. What’s most hurtful is that these actions, I think, were temporary and for the sake of it. 

If we take this tragedy and break it down, the reason why this happened lies in human negligence and corrupcy. 

Everyone didn’t pay attention to a small “butt” for his or her own profit. Finally we presented the butt as an art object. I can say that this also is a part of our culture to create a surface of “something good” and hide a bunch of problems underneath. This concerns the fact that the government spent a lot of money on geopolitical games, while an ordinary man is not of the priority.  But again, everything that I’m thinking about. My thoughts are so trite, it’s awful. 

Can you tell me more about the filming?

It took exactly three years to make it from a first draft of the script to the final video editing. We changed the script. We were looking for a protagonist. Winter arrived. Waited for summer to come. Found a super cool actor, Ivan Dobronravov who starred in Andrey Zvyagintsev’s “Homecoming”.

The hardest part also was in finding a material that would resemble a surface of butt. We had different variants from different artists. We thought, maybe it was high time we stopped caring about it, and suddenly a perfect choice emerged a week before shooting. We took a lot of time doing CG, since we’ve made it without the help of big studios. Graphics takes time and money…

What was on your mind visually in general and specifically in the realization of the object of contention?

It’s interesting: “Butt” is a 3D-model of a real actress, which we shot during our main shootings with the help of a parallel unit. It was important to film it with the same light. 

Finally, can you tell me a bit more about yourself and how you came to film?

By first education I am an ensemble artist, dancer and yet somehow, I was involved in comedy. Even before studying in a cinema school, since I was 14, I have filmed at home some movies about my toys, myself, and friends who were actors. In 2014 I enrolled in a directing department of Moscow Film School. The course of Aleksei Popogrebsky. 

Are there already new projects planned?

After graduation I have been working by profession: filming advertisements and TV shows. I’m mastering my technique, I guess. I really want to shoot a feature film, be it a studio or indie one – time will tell. Currently I am filming a second season of the TV show about a midget from a provincial town, who is looking for his place in a capital. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Seemed“ 

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