Elf Fragen an Jade Li

Interview: Im Zoom-Gespräch mit der deutschen Filmemacherin Jade Li konnten wir mehr über ihren mittellangen Film „Rotten Candy“, der auf dem 42. Filmfestival Max Ophüls Preis 2021 seine Premiere feierte, erfahren. Wie eine Dokumentation sie an den richtigen Ort in Schottland führte, wie Autos und das Wetter die Drehbedingungen erschwerten und warum sie sich zu fiktionalen Stoffen mehr hingezogen fühlt. 

Wie hat alles begonnen? Stehen wahre Ereignisse Deiner Geschichte Pate?

Ich war in Schottland unterwegs und habe in der Zeit viel Oscar Wilde gelesen. Die eine Kurzgeschichte – „The Fisherman and his Soul“ (1891) – hat mich so fasziniert, dass ich sie unbedingt verfilmen wollte und zwar an der Westküste Schottlands. 

Ich hab dann angefangen, das Drehbuch zu entwickeln und bin mit dem Kameramann Thorsten Schönrade zusammen nach Schottland gereist. Wir haben uns verschiedene Inseln angeschaut und sind auf Lismore Island gelandet, mit etwa 200 Einwohnern. Nächster Schritt war das Herumfahren, um mit den Bewohnern in Kontakt zu kommen. Bei dieser Recherchereise haben wir viele interessante Menschen kennengelernt, die uns ihre Geschichten erzählt haben. U.a. ein Schäfer, der in einem Wohnwagen am Rande der Insel lebt. So eine Figur wollte ich unbedingt im Film haben. Also wurde aus dem Fischer ein Schäfer. 

Der Film ist komplett auf der Insel entstanden. Zudem haben Bewohner der Insel als Darsteller mitgewirkt. Beispielsweise die Frau und das kleine Mädchen, die Ada zuerst an diesem Haus trifft und der Mann, der im Shop den Spaten verkauft. 

Während der Recherchereise ist nebenbei noch eine Dokumentation entstanden. Sie heißt „Strong Winds“ und ist 30 Minuten lang. Sobald die letzten Fragen bezüglich der Musik geklärt sind, werden wir sie auch auf Festivals einreichen.

Wie groß war euer Team? Warst Du nur mit dem Kameramann unterwegs?

Bei der Recherchereise waren es wirklich nur der Kameramann und ich. Beim Dreh selbst waren wir dann acht Personen – Produktion, Kameraassistenz, Sound und Catering kamen zu uns beiden noch hinzu. Also ein super kleines Team. Ich glaube, dies ist das kleinste Team, mit dem ich jemals gedreht habe, weil es eben budgettechnisch nicht anders ging. Der Film entstand aufgrund des Reisebudgets sehr Low Budget. Wir haben sogar so halb illegal in Hütten ohne Wasser und ohne Strom geschlafen. Es fühlte sich sehr guerilla-mäßig an. So haben wir vor Ort acht Drehtage verbracht.

Erzähl mal ein bisschen so zum Dreh selber. Wie waren die Bedingungen? Welche Herausforderungen, wie z.B. wechselndes Wetter, gab es?

Bobby Rainsbury

Ja, das Wetter war wirklich herausfordernd. Man hatte manchmal perfektes Wetter mit einem Regenbogen und dann macht man zehn Minuten später den Gegenschuss und es ist plötzlich wieder komplett bewölkt und regnerisch. Das machte es dann im Schnitt umso schwieriger. Wir haben Juni gedreht. Es war um die 14 Grad und meistens sehr windig und regnerisch – typisch schottisch. Der Wind war natürlich ein Problem für den Ton.

Eine andere Hürde war unser Auto. Es ist die ganze Zeit auseinandergefallen. Einen Tag vor Drehbeginn ist uns das erste Auto komplett zusammengebrochen. Der Produzent, der Kameramann und ich sind dann über die ganze Insel gefahren und haben alle Leute gefragt, ob sie uns ein Auto zur Verfügung stellen können. Und weil die Leute eben so hilfsbereit sind, hat es auch geklappt. Aber das war dann leider auch schrottreif. Und zwar so Schrott, dass wir alle paar Stunden die Batterie neu aufladen mussten. Und es hatte vorne im Fußraum auch ein Loch, durch das man die Straße sehen konnte. Wir haben die ganze Zeit nur gebetet, dass dieses Auto die acht Drehtage durchhält. 

Und wie viel Arbeit musstet ihr noch reinstecken, was die Herrichtung der Locations wie den Wohnwagen angeht? 

Viel entstand in der Vorarbeit. Wir konnten nur wenig aus Deutschland mitbringen wie die Kostüme und ein bisschen Grundausstattung für das Szenenbild. Das meiste mussten wir uns auf der Insel zusammensuchen. Dann drehten wir auch noch an Live-Locations, wie in dem Geschäft, wo wir die Drehgenehmigung brauchten und bei dem Familienhaus, wo wir auch im Garten einiges verändern durften. Auch der verlassene Wohnwagen, den wir fast grundsaniert haben, war eine Herausforderung. Wir fanden in dem verlassenen Wohnwagen u.a. Vogelnester und einen Tierkadaver, so steckten wir viel Arbeit allein ins Saubermachen. Der Wohnwagen sieht ja im Film heruntergekommen aus, in Wirklichkeit war es zehnmal schlimmer. Aber wir haben es hinbekommen, ihn aufzuwerten. Im Gesamten hat sich das Drehen vor Ort angefühlt wie in einer Community, denn alle haben irgendwie mitgemacht und alle hatten auch Interesse uns zu helfen. Das war sehr schön.

Es ist auffällig, dass dein Film kein Happy End besitzt. Ganz oft ist es ja so, dass Vater und Tochter sich irgendwie dann doch zusammenraffen. Warum hast du dich dafür entschieden, das eben nicht zu machen?

Ich habe viel recherchiert und über Adoptionsfälle gelesen, wo die Kinder später im Leben versuchten ihre leiblichen Vater (oder Mutter) ausfindig zu machen. Ich habe auch mit einigen Bekannten gesprochen, u.a. mit einem Freund der nach China gereist ist, die dasselbe erlebt haben. Und in den wenigsten Fällen gibt es wirklich ein Happy-End, denn es gab meistens Gründe, warum die Elternteile nichts mit den Kindern zutun haben wollten. Und leider ist es in vielen Fällen dann wirklich so, dass die Kinder ankommen, hohe Erwartungen haben und dann aber zurückgewiesen werden. Und ich hatte das Gefühl dem gerechter zu werden, wenn wir das so erzählen, weil genau diese Seite oft nicht beleuchtet wird. Ein Happy-End hätte sich irgendwie falsch angefühlt, vor allem nachdem ich so viele Geschichten gelesen habe, wo das eben nicht der Fall ist.

Passend dazu ist auch der Look des Films. Dein Film ist sehr authentisch inszeniert. Lag Dir das visuell am Herzen?

Gilly Gilchrist und Bobby Rainsbury

Da wir bereits vorher diese Dokumentation gedreht hatten, hatten der Kameramann und ich uns da schon ein bisschen in den Look und die Farben eingegroovt. Wir haben dann beschlossen, dass der Film genauso aussehen soll. Bei der Kameraarbeit bestehen viele Einstellungen nur aus dem Folgen der Hauptdarstellerin. Wir verzichteten auf viele Schuss-Gegenschuss-Einstellungen und habe den Film eher dokumentarisch geschnitten. Dadurch wirkt alles echter und das ist, was wir erreichen wollten, auch wenn es nicht in jeder Einstellung perfekt funktioniert hat.

Nachdem ihr acht Tage vor Ort gedreht habt, wie viel Arbeit kam noch danach?

Ich glaube, wenn man alles zusammen rechnet, also mit Schnitt, Musik, Tonmischung und Farbkorrektur dauerte die Fertigstellung noch über ein Jahr. Das ganze Projekt ging tatsächlich über mehrere Jahre. Gedreht haben wir ja bereits vor vier Jahren. Vor allem die Musik hat noch viel Zeit gefordert, u.a. haben wir den Komponisten noch einmal gewechselt und wir brauchten lange um die Songrechte für „Just Like Honey“ von ‚The Jesus and Mary Chain‘, welcher ein recht bekannter Song ist, u.a. bei „Lost in Translation“ verwendet wird. Der Song war mir sehr wichtig, weil er die Zeit repräsentiert, in der der Vater jünger war. Zum Glück hatte ich einen tollen Musik Supervisor, Markus Linde, der mir das möglich gemacht hat. 

Der Film lebt natürlich auch von den beiden großartigen Schauspielern. Wie hast du sie gefunden?

Bobby Rainsbury

Ich habe mit einer schottischen Casterin aus Edinburgh zusammengearbeitet. Wir haben lange über die Geschichte und die Charaktere geredet. Und ich hab gesagt, mir sind zwei Sachen wichtig. Erstens: Dass die Hauptdarstellerin sowohl etwas Erwachsenes als auch etwas sehr Kindliches besitzt. Zweitens, dass die beiden wirklich verwandt aussehen. Und beide haben diese großen braunen Augen. Erst später erfuhr ich, dass sie schon in einer BBC-Serie Vater und Tochter gespielt haben. Dadurch kannten sich die beiden auch schon und das war ebenfalls sehr gut für ihr Spiel. So konnten sie sich leichter in ihre Rollen einfinden.

Hattet ihr die Möglichkeit den Inselbewohnern, die euch ja tatkräftig unterstützt haben, bereits den Film zu zeigen?

Leider noch nicht. Wir hatten immer vor, den Film vor Ort in der Townhall zu zeigen. Das ist im Moment natürlich unmöglich. Ich hab den Film so nur an ein paar Leute geschickt. Aber in der Nähe gibt es jedes Jahr so ein kleines Filmfestival und wir hatten überlegt den Film dort einzureichen, so dass die Menschen dort hinfahren können. Mal sehen.

Wie geht es mit dem Film im Allgemeinen weiter? Hast du ihn schon bei anderen Festivals eingereicht?

Das Filmfestival Oberhausen hat angefragt, ob sie den Film zur Sichtung haben können, sprich da könnte er zu sehen sein. Möglicherweise, wenn wir Glück haben, auch in der WDR-Kurzfilmnacht, da dort schon einmal ein Film von mir lief. Und dann haben wir ihn noch bei diversen, britischen Festivals eingereicht. Genau sagen kann ich es leider noch nicht, da 30 Minuten lange Filme immer schwieriger angenommen werden, als kürzere.

Wie ging es nach „Rotten Candy“ weiter? Welche neue Filme sind entstanden oder in der Planung? 

Nach „Rotten Candy“ habe ich in Deutschland noch meinen Abschlussfilm „Rot, Rot, Rot“ gedreht. Zur Zeit bin ich in London und mache meinen Master an der National Film and Television School. Bisher habe ich hier drei Kurzfilme gedreht und bereite jetzt meinem Abschlussfilm vor, der im Sommer gedreht wird. 

Zudem bin ich natürlich dabei mein Debüt zu entwickeln. Dies wird auch wieder ein fiktionaler Stoff sein. Ich habe zwar mit Dokus angefangen (u.a. habe ich in China, Tibet und Afrika gedreht), aber ich merke, dass ich, auch weil ich es selbst studiert habe, dem Schauspiel sehr zugetan bin. Mir macht die Arbeit mit Schauspielern viel Spaß, schon deswegen möchte ich im fiktionalen Bereich bleiben.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Rotten Candy

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