Sieben Fragen an Yuyan Wang

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Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin Yuyan Wang konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „One Thousand and One Attempts to Be an Ocean“ erfahren, der ein Beitrag des ‚Berlinale Shorts‘-Programm ist, wie aus einer persönlichen Beschäftigung mit solchen Clips der Experimentalfilm entstand, wie viele sie dafür in die Collage einbaute und wie sie das Ganze mit einem auditiven Loop abrundet.

The original english language interview is also available.

Was war der Ausgangspunkt für Deinen Kurzfilm?

Ich weiß nicht, wann ich von den stressabbauenden Videos geradezu besessen wurde, da sie mir ständig von Social-Media-Algorithmen aufgedrängt wurden. Je länger meine Augen auf diesen ozeanischen Bildern verweilen, desto mehr wird meine digitale Umgebung von diesen seltsam befriedigenden Videos überschwemmt. Ich beklagte, wie viel Zeit ich damit verbracht hatte, hypnotisiert zu werden. Also beschloss ich während des Covid-Lockdowns all diese Sequenzen zu recyceln und zu einem Film zu komprimieren, anstatt mich schuldig zu fühlen. Paradoxerweise verbrachte ich am Ende viel mehr Zeit damit, im Internet zu suchen, um diesem Teufelskreis der Befriedigung zu entkommen.

Nach welchen Kriterien hast Du die Clips ausgesucht? Wie viele hast Du insgesamt verwendet?

Basierend auf meinem Surfverlauf hat der YouTube-Algorithmus mir weiterhin neue ähnliche Inhalte oder potenzielle Inhalte, die mich interessieren würden, vorschlagen. Ich habe 1340 Clips aus einer Sammlung von über 4000 verwendet.

Nach welchem Konzept hast Du sie dann zusammengefügt? Was lag Dir dabei visuell auch am Herzen?

Der Film ist ein Wellenmuster, ein fast symmetrischer Bogen. Die Bilder sind durch eine abstrakte Erzählung organisiert, die ziemlich organisch ist. Sie wurden durch ihren Rhythmus, ihre Bewegungen, ihre Farben und ihr Thema zusammengefügt. Mein Katalog des Ozeans beabsichtigt nicht, eine objektive Wahrheit zu produzieren, sondern einen Moment der Absorption und des Entzückens. Es ist eine Dokumentation über eine unmögliche Erfahrung oder eine Erfahrung des Unmöglichen. Ich versuche, diesen vergeblichen Versuch, den Ozean mit bloßen Händen zu halten, zu verkörpern und drücke damit eine der am meisten geteilten Emotionen unserer Zeit aus: diesen Wunsch, unseren Höhenrausch angesichts der unendlichen Möglichkeiten zu bewältigen.

Der Ton trägt viel zur Wirkung des Films bei – kannst Du mir bitte mehr zu dem verwendeten Loop erzählen?

Mit Raphael Henard haben wir einen Satz aus einer ASMR-Sendung aufgegriffen und ihn durch Code dekonstruiert. Es klingt wie der Versuch, etwas stotternd zu beschreiben. Die Stimme wurde in Stücke zerlegt und in einer Dauerschleife abgespielt. Unter ständiger Wiederholung wird der Satz abstrakt, fast eine Trance-Erfahrung. 

Ich sehe in Deinem Film eine Medien-Konsum-Kritik. Aber ich denke, man kann bestimmt noch mehr rausholen. Magst Du selbst eine kleine Interpretationshilfe für Deinen Film geben?

In meinen bisherigen Arbeiten geht es mir immer um die endlose Medienproduktion, die durch die industrielle Produktivität untermauert wird. Ich möchte die Art und Weise erforschen, wie Bilder produziert, verbreitet und konsumiert werden, und dabei die soziopolitischen Bedingungen offenlegen, aus denen sie entstehen. Diese Industrialisierung von befriedigenden Bildern fasziniert mich. Sie werden so intensiv konsumiert, fanatisch produziert und ebenso inbrünstig kopiert und verbreitet. Sie werden vielleicht nicht nur genommen, um gesehen zu werden, sondern um geteilt, bewegt und manipuliert zu werden, manchmal von Menschen, häufiger aber von Algorithmen. 

Kannst Du mir zum Schluss noch mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film, vor allem zu dieser experimentellen Herangehensweise, gekommen bist?

Ich habe ein Kunststudium absolviert. Ich finde den Kurzfilm als Spielplatz so reizvoll. Es ist wie ein Spiel: Man muss seine epische Geschichte mit nur einem Satz erzählen. Wir müssen etwas erfinden, das wie eine Hexerei wirkt, um die Bedeutung offen zu halten, den stabilisierten Kontexten der begrenzten Zeit zu entkommen und einen immerwährenden Zustand des Werdens zu liefern, ähnlich wie beim Schreiben eines Gedichts. Und es wird mehr Poesie gebraucht.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich bereite einen Dokumentarfilm über die nächtliche Gemeinschaft vor, die unter dem mächtigen homogenen Licht lebt, das geheimnisvollen Zonen aufdeckt. Es geht um den kapitalistischen Mythos der Immaterialität in Bezug auf die neuen Technologien und die Rückkehr des ‚Lichts‘ zu seinen irdischen Ursprüngen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „One Thousand and One Attempts to Be an Ocean


Interview: In a conversation with director Yuyan Wang, we were able to learn more about her short film “One Thousand and One Attempts to Be an Ocean“, which is a contribution to the ‘Berlinale Shorts’ program, how a personal preoccupation with such clips gave rise to the experimental film, how many she incorporated into the collage for it, and how she rounds it all off with an auditory loop.

What was the starting point for your short film? 

I don’t know when I became obsessed with the stress-relieving videos since they were continually being pushed to me by social media algorithms. The longer my eyes linger on these oceanic images, the more my digital environment gets immersed by these oddly satisfying videos. I lamented the amount of time I had spent being hypnotized. So during the covid lockdown, I decided to recycle all these sequences and compress them into a film instead of feeling guilty. Paradoxically, I end up spending much more time hunting on the Internet to escape that vicious satisfying circle.

What criteria did you use to select the clips? How many did you use in total?

Based on my browsing records, the YouTube algorithm will continue to push me new similar content or potential content that I would be interested in. I’ve used 1340 clips from a collection of over 4000.

According to which concept did you put them together? What was also important to you visually?

The film is a wave pattern, a nearly symmetric arc. The images are organized through an abstract narrative which is quite organic. They‘ve been put together through their rhythm, movements, colors, and subject. My catalog of the ocean doesn’t intend to produce any objective truth but a moment of absorption and enthrallment. It’s a documentary about an impossible experience or an experience of the impossible. I try to incarnate this futile attempt to hold the ocean with your bare hands expressed one of the most shared emotions of our time: this desire to manage our vertigo confronting infinite possibilities.

The sound contributes a lot to the effect of the film – can you please tell me more about the loop you used?

With Raphael Henard, we picked up a sentence from an ASMR broadcast, and we deconstructed it by a code. It sounds like trying to describe something in stuttering. The voice was split into pieces and looped continuously. Under constant repetition, the sentence becomes abstract, nearly a trance experience. 

I see your film as a critique of media consumption. But I think you can definitely get more out of it. Do you like to give a little interpretation help for your film yourself?

In my previous works, I’m always interested in the endless media production underpinned by industrial productivity. I want to explore the ways in which images are produced, disseminated, and consumed, exposing the socio-political conditions from which they arise. This industrialization of satisfying images fascinates me. They are so intensely consumed, fanatically produced, and just as fervently copied and spread. They might not only be taken to be seen but rather to be shared, moved, and manipulated, sometimes by humans, more often by algorithms. 

Finally, can you tell me more about yourself and how you came to the film, especially to this experimental approach?

I graduated from art school. I find the short film so attractive as a veritable playground. It’s like a game: you have to tell your epic story only with one sentence. We need to invent something like witchcraft to keep the meaning open-ended, escape the stabilized contexts of limited time, and deliver a perpetual state of becoming, much like writing a poem. And more poetry is needed.

Are there any new projects already planned?

I’m preparing a documentary on the nocturnal community living under the powerful homogeneous light which replaces mysterious zones. It is about the capitalist myth of immateriality regarding the new technologies and returning “light” to its earthly origins.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “One Thousand and One Attempts to Be an Ocean

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