Sieben Fragen an Tereza Vejvodová

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Interview: Im Gespräch mit der tschechischen Regisseurin Tereza Vejvodová konnten wir mehr über ihren Film „Delimitation“, der auf dem 27. Slamdance Film Festival seine nordamerikanische Premiere feierte, erfahren, wie sie ihre Geschichte aus persönlichen Erfahrungen speiste, die Choreographien hinzukamen und was ihr visuell dabei am Herzen lag.

The original english language interview is also available.

Was war der Ursprung für Deinen Kurzfilm?

Nach meinem Abschluss an der Filmhochschule hatte ich das Gefühl, dass ich doch nichts gelernt habe. Ich meine – es gab keinen sicheren Raum, in dem ich meine wahren Visionen wirklich öffnen oder meinen natürlichen Ausdruck entdecken konnte. Jeder war darauf vorbereitet, nur Sozialdrama zu drehen, denn das war die einzige Art, wie Film gemacht werden muss. So konnte ich, glücklicherweise und traurig zugleich, etwas wirklich Eigenes nach der Schule machen. Aber ich hatte nicht erwartet, dass es so schwer sein würde – natürlich war es schwer, weil man das Geld nicht sofort von der Schule bekommt, aber noch schwerer in dem Sinne, dass ich es nicht gewohnt war, auf meine eigene Stimme zu hören. Ich habe mich gefragt, wie sieht etwas aus, das ich wirklich gerne auf der Leinwand sehen würde. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich getraut habe, mir das vorzustellen, aber schließlich lautet die Antwort: „Delimitation“. 

Auch alles im Film hat viel damit zu tun, mein inneres Gefühl zu dieser Zeit einzufangen. Ich versuchte, eine anständige und bezahlbare Wohnung in Prag zu finden, und ich fühlte mich so allein in der Stadt, obwohl sie voller Menschen war, die ich kannte. Ich hatte das Gefühl, dass der Großteil der menschlichen Bewegung oder Existenz um mich herum durch Geld motiviert ist. Und das macht die Welt irgendwie zu einem leeren und stressigen Ort. Der Film ist also meine Gegenüberstellung dieses melancholischen Gefühls und von etwas, das ich versuche, als Gegenpol abzurufen. Eine Form von Nähe, oder sagen wir Liebe.

Die Choreographien mit denen die Tänzerin ihre Umgebung erkundet sind fantastisch. Magst Du mir darüber erzählen?

Markéta Jandová

Es war eine reine Kooperation. Ich hatte das Konzept in einem kurzen atmosphärischen Exposé geschrieben und habe mit Marketa [Anm. d. Red.: Tänzerin im Kurzfilm] darüber gesprochen. Ich liebe es, dass wir jedes Mal, wenn wir etwas zusammen machen, dazu neigen, über das Thema zu tagträumen, bis zu dem Punkt, an dem man nicht sagen kann, ob das Arbeit oder Freizeitkontemplation ist. Ich hatte meine Gefühle in Worten oder poetischen verbalen Analogien und Marketa unterhielt sich mit mir durch ihre Körperbewegung. Es war ein Dialog von zwei verschiedenen Medien. Es war vorbereitet, aber offen für alles, was wir finden könnten.

Kannst Du mir mehr zum Dreh selbst erzählt. Wo und wie lange habt ihr gedreht?

Wir haben eine Woche lang in Prag gedreht. Es war eine Low-Budget-Sache, bei der alle Beteiligten sehr enge Freunde waren, die auf einer tiefen Ebene miteinander in Einklang standen. Es gibt für mich immer noch keinen anderen Weg, etwas Sinnvolles zu machen – alle müssen dabei sein und auf deiner Seite stehen.

Was lag Dir auf visueller und tonaler Ebene am Herzen?

Markéta Jandová

Visuell ging es darum, Leben im scheinbar Leblosen zu finden. Und auf der Audioebene wollte ich Geräusche und echtes Stadtambiente auf eine Art und Weise verwenden, wie normalerweise Filmmusik eingesetzt wird. Das fühlte sich einfach wahrer an. Wenn man bedenkt, dass wir auf 16mm gedreht haben, war das auch ein Teil des Konzepts – es gibt einen gewissen Duft des Lebendigen im Filmmaterial, da das Korn immer in Bewegung ist, es erinnert an das Prinzip eines Blutflusses, definitiv gegen die mechanische Natur des Digitalen.

Hast Du Deine Hauptdarstellerin Markéta Jandová über ein Casting gefunden? Hast Du speziell Tänzerinnen gesucht?

Wir kannten uns schon von dem vorherigen Tanzprojekt „The Servant“. Ich habe „Delimitation“ mit Marketa vor meinen Augen geschrieben. Ich suche niemanden speziell, ich habe nur nach Leuten gesucht, die ich vor die Kamera stellen und mit ihrer spezifischen Energie arbeiten kann.

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Markéta Jandová

Ich begann mit Poesie. Es war der einfachste und unmittelbarste Weg, meine Emotionen auszudrücken. Dann habe ich das öffentlich in einer Gruppe junger Dichter in Prag gelesen und war ganz begeistert von den Möglichkeiten der Kunst, des Schaffens. Also wusste ich, dass das mein Weg sein würde. Der Film war für mich etwas weniger Einsames und Komplexes, also stürzte ich mich hinein mit der Absicht, ihn mit den Prinzipien der Poesie zu verschmelzen. Aber beim Film ist es ein Kapitel für sich, sich wenigstens ein bisschen von der Freiheit zu erkämpfen, die man beim Schreiben hat, weil man dafür kein Geld braucht. Und andere Leute machen es mit einem, also kann das sehr anspruchsvoll sein. Es gibt viele andere Dinge als nur den Prozess des eigentlichen Schaffens. Ich kann sagen, dass ich damit vielleicht zwei Mal mehr gekämpft habe, als ich tatsächlich erschaffen habe.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Markéta Jandová

Im Moment ist mein größtes Projekt, zur Ruhe zu kommen. Das Filmemachen hat mich an den Workaholismus gewöhnt, der in unserer produktorientierten Gesellschaft ein Trend zu sein scheint, aber ich finde ihn definitiv nicht cool. Es gibt einen Moment, in dem man einfach nicht mehr aufhören kann, etwas zu erschaffen, und man beginnt zu denken, dass die Arbeit der Wert ist, den man hat. Außerdem bekommt man diese Angst, etwas zu verpassen usw. Deshalb ist es für mich jetzt eine Herausforderung, glücklich zu sein, ohne etwas Produktives zu tun, mich wieder ein bisschen mehr mit mir selbst zu verbinden und offen für neue Lebensmöglichkeiten zu sein, wie zum Beispiel in ein anderes Land zu ziehen.

Aber wenn wir über etwas sprechen, was gerade in der Entwicklung ist, ich habe ein balladeskes Märchen geschrieben, das auf slawischen Folklore-Traditionen basiert. Es ist ein ehrgeiziges, lebendiges, symbolisches erzählendes Gedicht, in dem sich ein kleiner Junge zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Tod versöhnt. Es ist so wertvoll für mich, dass ich fand, dass es sich nicht lohnt, sich zu beeilen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Delimitation


Interview: In a conversation with Czech director Tereza Vejvodová, we were able to learn more about her film “Delimitation,” which had its North American premiere at the 27th Slamdance Film Festival, how she fed her story from personal experiences, added the choreography, and what she cared about visually.

What was the origin for your short film?

After graduating from film university, I felt I didn’t learn anything after all. I mean – there was no safe space where I could really open my true visions or discover my natural expression. Everybody was prepared to consult just social drama, as it was the only way film has to be made. So luckily and sadly at the same time, I could do something truly mine out of school. But I didn’t expect it to be so hard – of course it was hard because you don’t get the money right away from the school, but harder in the sense that I wasn’t used to listening to my own voice. I asked myself, how does something I would really like to see on screen look like. It took me a while to dare to imagine, but finally the answer is “Delimitation

Also everything in the film has to do a lot with capturing my inner feeling at that time. I was trying to find a decent and affordable flat in Prague and I felt so alone in the city even though it was full of people I knew. I felt like the majority of human movement or existence around me is motivated by money. And that makes the world kind of an empty and stressful place to be. So the film is my comparison of this melancholic feeling and of something that I’m trying to recall as an opposite. A form of closeness, or let’s say love.

The choreography with which the dancer explores her surroundings are fantastic. Would you like to tell me about it?

It was pure cooperation. I had the concept written in a brief atmospheric synopsis and I talked to Marketa about it. I love that every time we do something together, we tend to daydream about the topic to the point you couldn’t say if that is working or leisure contemplation. I had my feelings in words or poetic verbal analogies and Marketa was conversing with me through her body movement. It was a dialogue of two different media. It was prepared but open to anything we might find.

Can you tell me more about the shoot itself? Where and how long did you shoot?

We shot in Prague for a week. It was a low budget thing where everybody involved were very close friends resonating with each other on a deep level. There is still no other way for me to make something meaningful – everybody has to be present and on your side.

What were your main concerns on a visual and audio level?

Visually, it was all about finding life in the seemingly lifeless. And on the audio level, I wanted to use sound and real city ambience in a way film music is normally used. It just felt more true. If we consider the fact we shot on 16mm, that was also a part of the concept – there’s a certain scent of life in the film material, as the grain is always moving, it recalls the principle of a blood flow, definitely against the mechanical nature of digital.

Did you find your leading actress Markéta Jandová through a casting? Did you specifically look for dancers?

We already knew each other from the previous dance project The Servant. I wrote “Delimitation” with Marketa in front of my eyes. I don’t look for no one specifically, I just looked for people to put in front of the camera and work with their specific energy.

Finally, can you tell me a bit more about yourself and how you came to film?

I started with poetry. It was the easiest and most instant way to express my emotion. Then I read that in public with a group of young poets in Prague and got quite excited by the possibilities of art, creation. So I knew that’s going to be my path. Film was something less lonely and complex for me, so I jumped into it with an intention of melting it with the principles of poetry. But in film, it’s a chapter itself just to fight for at least a bit of that freedom you have in writing, as you don’t need no money for that. And other people are doing it with you so that could be very demanding. There are many other things than just the process of actually creating. I can say I have fought this maybe two times more than I actually created.

Are there any new projects planned?

At the moment my biggest project is to rest. Filmmaking got me used to workaholism, which seems to be a trend in our product-oriented society, but I definitely think it’s not cool. There’s a moment where you just can’t stop to create and you start to think that your work is your worth. Besides you get this fear of missing out etc. So it’s a challenge for me now to be happy without doing anything productive, to connect with myself a little more again and to be open to new life possibilities, as for example moving to a different country.

But if we talk about something, what’s in development right now, I wrote a feature balladic fairytale based on slavic folklore traditions. It’s an ambitious, vivid, symbolic narrative poem, where a little boy reconciles death at the beginning of the 20th century. It is so precious to me, that I found it worth not to hurry.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “Delimitation

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