37. Kurzfilm Festival Hamburg und 23. mo&friese 2021

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1.-7. Juni 2021 / online

Festivalbericht: Das seit 1984 in Hamburg stattfindende Kurzfilm Festival Hamburg, welches von der Kurzfilm Agentur ins Leben gerufen wurde, fand wie viele andere Festivals in diesem Jahr auch online statt. Zusammen mit dem Jugend- und Filmfestival mo&friese, ebenfalls von der Agentur betreut, wurden in der einwöchigen Ausgabe 305 Kurzfilme in drei Wettbewerben, Sonderprogrammen und Kompilations gezeigt.

 37. Kurzfilm Festival Hamburg 2021

Das diesjährige Festival stand unter dem Motto ‚I am because we are‘ und beschäftigt sich mit Themensträngen wie queere Utopien, Alltagsrassismus, Gedenkkultur und die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. In Sonderprogrammen wie in der Reihe ‚Labor der Gegenwart‘ zu u.a. afrikanischen Beiträgen (‚Afrotopia‘) fand man auch die Beschäftigung mit einzelnen Filmemachern wie Joyce Wieland in dem Sonderprogramm ‚Archiv der Gegenwart‘. Auch gab es zu den Kooperationen mit anderen Festivals wie mit dem Final Girls Film Festival Berlin, die ein feines Horror Programm präsentierten, aus dem der Film „Your Monster“ hervorstach. 

„This Day Won’t Last“

Auch in den Wettbewerben spiegelte sich viel von der Themenvielfalt wieder. Im Internationalen Wettbewerb konnte man eine Auswahl aus 42 Filmen aus 30 Ländern sehen. Drei äußerst persönliche Filme konnten dabei die Preise des Festivals gewinnen. Der Hamburger Kurzfilmpreis ging an den belgisch-tunesischen Kurzfilm „This Day Won’t Last“ von Mouaad el Salem, der darin seine Erfahrungen mit seiner Homosexualität und der tunesischen Gesellschaft schildert. Zudem gewann der Film „My Uncle Tudor“, der bereits auf der Berlinale Shorts ausgezeichnet wurde, den mit 2.000 € dotierten Deframed Preis, der immer einen unkonventionell erzählten oder poetischen Kurzfilm ehrt. Der Hamburg Short Film Candidate for the European Film Award ging an den schwedischen Film „Minnen“, der von der psychischen Krankheit der Filmemacherin spricht und dafür früheres Videomaterial zusammen mit ihren heutigen Wissen darüber kombiniert und schuf so einen ganz nahen Zugang zu diesem Krankheitsbild. Zudem stachen der indische Kurzfilm „Lata“, der auch mit dem Arte Award ausgezeichnet wurde, und „Sunrise in my Mind“ aus Kambodscha hervor. Beide Filme wählen eine stille Heldin aus dem Arbeitermilieu als ihre Hauptfigur aus und schildern so auf einfühlsame Weise das Leben selbst, die alltägliche Arbeit und auch im Ansatz gesellschaftliche Verhältnisse – vor allem bei dem Film „Lata“ war dies wunderbar zu sehen. 

„Der natürliche Tod der Maus“

Der Deutsche Wettbewerb hielt viele künstlerische, experimentelle und auch teilweise auch sehr anspruchsvolle Beiträge parat. Aus den 25 Filmen des Programms gewann der Film „Der natürliche Tod der Maus“, der bereits auf anderen Festivals u.a. auf den Bamberger Kurzfilmtagen lief und mit dem Deutschen Kurzfilmpreis ausgezeichnet wurde. Neben diesen Film gab es starke Beiträge wie die realitätsnahe Geschichte „Bambirak“ von Zamarin Wahdat, bei der ein junges Mädchen ihren Vater bei seiner Arbeit als Paketbote hilft und erfährt wie Rassismus zum Alltag gehört. Auch der experimentelle Kurzfilm „Misty Picture“ stach unter den Wettbewerbsbeiträgen hervor. Mit einer Vielzahl von Filmausschnitten erzählt der Film seine eigene Geschichte des New Yorker World Trade Centers. Zum Publikumsliebling aus beiden Wettbewerben wurde der starke Kurzfilm „Deine Straße“ von Güzin Kar gewählt. Auch den Wettbewerb Dreifacher Axel, bei dem nur Filme mit einer Spiellänge bis zu drei Minuten eingereicht werden dürfen, gewann ein deutscher Beitrag „Money the Movie“. Die Regisseurin Anna Maria Schmidt erweckt hier ein Gedicht mit Hilfe eines Geldscheins wunderbar zum Leben. 

23. mo&friese 2021

Das fast gleichzeitig mit dem Kurzfilmfestival stattfindende Kinder- und Jugendfestival ‚Mo & Friese‘ bewies ein großes Geschick für das Online-Format und präsentierte ein für Jung und Alt wunderbar kuratiertes Programm mit 63 Filmen aus 26 Ländern. Die zehn Programme wurde dabei in Altersgruppen geteilt und hielten für ZuschauerInnen ab fünf Jahren viele Filme parat. Unter der Leitung von Lina Paulsen und Laura Schubert wurden die Kinder samt Einleitungen und Interviews durch die Filme geführt. 

„Mitch Match Series #22“

Neben einem Filmblock, bei denen Kinder-FilmemacherInnen ihre Werke zeigen durften und auch hier Preise gewinnen konnten, setzte sich das Programm aus 53 professionellen Filmen zusammen. Hier wurden zwei Preise vergeben, der Friese-Preis ging an den ungarischen Filmemacher Géza M. Tóth für seinen Streichholzfilm „Mitch-Match Series #22“, der als Teil einer Reihe von 52 Kurzfilmen mit wenigen Mitteln (nur Streichhölzer) Alltagsgeschichten erzählt. Der Mo-Preis ging an den wunderbaren Kurzfilm „Vanille“ von Guillaume Lorin, der bereits auf dem ITFS lief. Zudem konnten man in den Programmen viele weitere Kinderfilme entdecken. Darunter waren Spielfilme wie der einfühlsame „Shower Boys“ von Christian Zetterberg, aber auch Dokumentationen wie der niederländische Kurzfilm „#Lockdocs“, in dem Kinder erzählen, wie sich der erste Lockdown für sie angefühlt hat. Aber auch viele Animationsfilme waren im Programm vertreten. Darunter die Stop-Motion-Filme „Ciel Électrique“, der die unsichtbare Macht des Stroms auf entzückende Weise einfängt, oder „Lea Salvaje“, der von der Notwendigkeit spricht, mutig zu sein. Auch Zeichentrickfilme, klassisch in 2D, waren zahlreich zusehen. So auch der schweizer Kurzfilm „Bemol“, der von der beruhigenden Wirkung eines kleinen Gesangstalents erzählt.   

„Warum bist du nicht für mich geblieben“

In der Jugendfilmreihe #Neon konnte man in dem Programm aus 16 Filmen viele Perlen entdecken. Sanfte einfühlsame Geschichten über die erste Liebe („Nova“), Trauerarbeit („A Holiday from Mourning“), das Verlassen des heimischen Nestes („Trou Noir“) und dem Verfolgen seiner Träume („Numero 10“). Auch gab es starke gesellschaftskritische Filme wie der Film „Sestre“ aus Slowenien, wo Frauen immer noch als Söhne erzogen werden, wenn die Familie es verlangt. Aber das Programm wurde auch von heiteren Filmen wie „Pussy Boo“, der die Schwierigkeit das richtige Geschenk für die Enkelin zu finden beschreibt, aufgelockert. Besonders zwei Animationsfilme blieben aus dem gesamten Programm im Gedächtnis. Zum einen der amüsante „Awkward“, der Vignetten unangenehmer Situationen einfängt, die jeder schon einmal erlebt hat, und das Musical „Meow or Never“, das mit seiner ungewöhnlichen Geschichte genauso überzeugt wie mit seinen schmissigen Songs. Im #Neon-Wettbewerb gewann der bewegende Dokumentarfilm „Warum bist du nicht für mich geblieben?“ von Milou Gevers, der sich mit Hilfe von Stop-Motion und Interviews damit auseinandersetzt, wie Kinder mit dem Selbstmord eines Elternteils umgehen. 

Fazit: Das kombinierte Festivalpaket bestehend aus dem 37. Kurzfilm Festival Hamburg und dem 23. mo&friese bat den Online-BesucherInnen eine bunte Mischung aus viele Kurzfilmen aus vielen Ländern in den verschiedensten Spielarten. Hier wurden alle Stile sowie Genre bedient und zudem ein Schwerpunkt auf Filme gesetzt, welche den narrativen Rahmen ihrer Geschichte ausweiten und um künstlerische Formen erweitern. Das vielfältige Programm beider Festivals bestach mit der Möglichkeit seinen eigenen Schwerpunkt aus dem großen Angebot selbst aussuchen konnte, den eigenen Blick zu erweitern und das Persönliche und Gesellschaftsrelevante in vielen Geschichten zu entdecken und zu verbinden.

geschrieben von Doreen Matthei

Alle oben erwähnten Filme:

  • „#Lockdocs“ (OT: „#Lockdocs“, Niederlande, 2020, Regie: Sanne Rovers)
  • „A Holiday from Mourning“ (OT: „A Holiday from Mourning“, Niederlande, 2020, Regie: Zara Dwinger)
  • „Awkward“ (OT: „Awkward“, USA, 2020, Regie: Nata Metlukh)
  • „Bambirak“ (OT: „Bambirak“, Deutschland/USA, 2020, Regie: Zamarin Wahdat)
  • „Flat“ (ET: „Flat“, Schweiz, 2021, Regie: Oana Lacroix)
  • „Ciel Électrique“ (ET: „Electric Sky“, Frankreich, 2020, Regie: Clothilde Hiron)
  • Deine Straße“ (OT: „Deine Straße“, Deutschland, 2020, Regie: Güzin Kar)
  • „Der natürliche Tod der Maus“ (ET: „The Natural Death of a Mouse“, Deutschland, 2020, Regie: Katharina Huber)
  • „Lata“ (OT: „Lata“, Indien, 2020, Regie: Alisha Tejpal)
  • „Lea Salvaje“ (ET: „Wild Lea“, Kolumbien, 2020, Regie: María Teresa Salcedo)
  • „Meow or Never“ (OT: „Meow or Never“, UK, 2020, Regie: Neeraja Raj)
  • „Minnen“ (OT: „Minnen“, Schweden, 2020, Regie: Kristin Johannessen)
  • „Misty Picture“ (OT: „Misty Picture“, Deutschland, 2021, Regie: Matthias Müller)
  • „Mitch-Match Series #22“ (OT: „Mitch-Match Series #22“, Ungarn, 2020, Regie: Géza M. Tóth)
  • Money the Movie“ (OT: „Money the Movie“, Deutschland, 2021, Regie: Anna Maria Schmidt)
  • „My Uncle Tudor“ (OT: „Nanu Tudor“, Belgien/Ungarn/Portugal, 2020, Regie: Olga Lucovnicova)
  • „Nova“ (OT: „Nova“, Niederlande, 2020, Regie: Luca Meisters)
  • „Numéro 10“ (ET: „Number 10“, Frankreich, 2020, Regie: Florence Bamba)
  • „Pussy Boo“ (OT: „Pussy Boo“, Frankreich, 2020, Regie: Remi Parisse)
  • „Sestre“ (ET: „Sisters, Slowenien, 2020, Regie: Katarina Rešek)
  • „Shower Boys“ (OT: „Shower Boys“, Schweden, 2021, Regie: Christian Zetterberg)
  • „Sunrise in my Mind“ (OT: „Sunrise in my Mind“, Kambodscha, 2020, Regie: Danech San)
  • „This Day Won’t Last“ (OT: „This Day Won’t Last“, Belgien/Tunesien, 2020, Regie: Mouaad el Salem)
  • „Trou Noir“ (ET: „Black Hole“, Schweiz, 2020, Regie: Tristan Aymon)
  • „Vanille“ (OT: „Vanille“, Frankreich/Schweiz/Guadaloupe, 2020, Regie: Guillaume Lorin)
  • „Warum bist du nicht für mich geblieben?“ (OT: „Waarom Blijf Je Niet Voor Mij?“, Niederlande, 2020, Regie: Milou Gevers)

Filme die in der Testkammer schon rezensiert wurden:

  • Deine Straße“ (OT: „Deine Straße“, Deutschland, 2020, Regie: Güzin Kar)

Quellen:

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