Sieben Fragen an Nicolas Fattouh

Letzte Artikel von Doreen Matthei (Alle anzeigen)

Interview: Im Gespräch mit dem libanesischen Künstler und Filmemacher Nicolas Fattouh konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „How my Grandmother became a Chair“ erfahren, der auf dem 33. Filmfest Dresden im Internationalen Wettbewerb lief, wie die persönliche Geschichte zu einem fantastischen Fabel wurde und wie er denn Film auch dank des ITFS realisieren konnte. 

The original English language interview is also available.

Erzähl mir mehr zum Ursprung Deiner Geschichte – es hat was mit Deiner eigenen Familiengeschichte zu tun, richtig?

Die Idee zu diesem Film kam mir eine Woche nach der Beerdigung meiner Großmutter. Mein Onkel wollte ihr Haus vermieten, und die ganze Familie kam zu ihr zurück und hatte einen großen Streit über das Erbe ihrer Besitztümer. An diesem Tag konnte ich nicht zu ihr nach Hause gehen, da ich immer noch untröstlich war. Am Nachmittag zog Großmutters Haushälterin zu mir und brachte nichts mit außer ihrem Holzstuhl. Sie stellte ihn in die Mitte des Wohnzimmers, und je mehr ich auf dieses Möbelstück schaute, desto mehr sah ich meine Großmutter. Als hätte sie uns nie verlassen, sondern sich in ihren Holzstuhl verwandelt, um bei ihren Lieben zu sein.

Wieso hast Du Dich dafür entschieden, Deine Geschichte ins Fantastische zu übertragen mit Tierwesen etc., statt es authentisch zu erzählen?

Ich wollte in diesem Film wegen der Symbolik Metaphern verwenden. Die Großmutter verwandelt sich in ihren Stuhl, denn als sie älter wurde, wurde meine Großmutter immer schwächer und schwächer. Mit der Zeit konnte sie ihre Arme und Beine nicht mehr leicht bewegen; sie wurde steif wie ihr Holzstuhl. Die Haushälterin sah anfangs nicht menschlich aus, weil Oma sie nicht als Teil ihrer Familie betrachtete, aber als ihre Kinder sie verließen, erkannte Oma, dass ihre Haushälterin viel mehr Menschlichkeit besaß als ihre Kinder. Sie ist nicht mehr das furchteinflößende Haushaltsbiest, sondern das schöne, freundliche Familienmitglied, auf das Oma immer gewartet hat. Die Kinder verwandelten sich in Hähne, weil sie immer gieriger und gewalttätiger wurden. Die Hähne symbolisieren das in der libanesischen Kultur.

Wie verlief der Entstehungsprozess – du hast Deinen Film ja 2017 beim ITFS gepitcht?

Ich begann damit, einen ersten Entwurf beim ITFS Stuttgart im Jahr 2017 im Rahmen des Arab Animation Forum vorzustellen, wo ich meinen Produzenten Fabian kennenlernte. Nachdem ich den Preis des Arab Animation Forum gewonnen hatte, wurde das Projekt für den Filmpreis der Robert Bosch Stiftung (Berlinale 2018) nominiert, wo meine Produzenten und ich Experten hatten, die uns bei der Entwicklung des Projekts halfen. Nach dem Gewinn des Filmpreises haben mein Team und ich die Geschichte und das Bildmaterial weiterentwickelt. Der Film wurde im Libanon und in Deutschland produziert und im Jahr 2020 fertiggestellt. 

Was lag Dir visuell bei der Ausgestaltung am Herzen? 

Anfangs waren die von mir erstellten Bilder sehr detailliert und nicht ganz einfach zu animieren, aber mit der Unterstützung meines Animationsdirektors Till Machmer konnten wir die Zeichnungen vereinfachen und dabei das Gefühl für die Figuren beibehalten. Mein Team und ich entschieden uns für einfache Zeichnungen, damit sich das Publikum auf die Geschichte konzentrieren kann. Ich habe auch an der Symbolik der Farbpalette gearbeitet, zum Beispiel: Wenn die Familie (in menschlicher Form) bei der Großmutter ist, sind die Farben eher erdig und warm, aber nachdem sie sich in Hähne verwandelt haben, wird die Farbpalette grün, um ihre Giftigkeit zu zeigen. Außerdem wollte ich mit den Blumenmustern, den vielen gerahmten Porträts und den Süßigkeiten den typischen Stil eines libanesischen Großelternhauses vermitteln…

Hat Deine Familie den Film gesehen und wie hat sie drauf reagiert, da ja doch offensichtlich Kritik drin liegt. 

Vor der Produktion des Films war mein Vater etwas besorgt über die Reaktion seiner Geschwister und bat mich, sie nicht in den Film einzubeziehen, um Konflikte zu vermeiden, deshalb habe ich sie als Kinder und nicht als Erwachsene gezeichnet. Schließlich waren sie immer die kleinen Kinder der Großmutter. Aber als er den fertigen Film sah, war er von der Geschichte gerührt und bat mich sogar, einen Zeichentrickfilm über ihn zu machen.

Meine Tanten und Onkel haben den Film noch nicht gesehen, aber ich werde sie sicher einladen, ihn zu sehen, wenn er in Beirut gezeigt wird.

Kannst Du mir am Schluss noch mehr von Dir erzählen und ob Du dem Animationsfilm treu bleiben wirst?

Ich bin nicht nur ein Animationsregisseur, sondern auch ein bildender Künstler. Da ich in Monsef lebe, einem winzigen libanesischen Dorf, in dem es überhaupt keine Unterhaltung gibt, war das einzige, was ich tun konnte, um die Zeit totzuschlagen, Geschichten zu erzählen. Die Geschichten, die ich erzählte, entstammten nicht unbedingt meiner Fantasie, sondern eher den realen Abenteuern der Menschen in meinem Dorf. Ich erinnere mich, dass ich von meinen Eltern oft Hausarrest bekam, weil ich ihre Geschichten durch Übertreibungen interessanter machte. Später beschloss ich, mein Talent, Geschichten zu erzählen, in eine weniger schädliche Form zu investieren, also begann ich, Theaterstücke zu schreiben und sie mit Hilfe meiner Schwestern und Schulfreunde auf unserer kleinen Terrasse aufzuführen. Wir haben die Dekoration und sogar den Soundtrack des Stücks selbst entworfen.  Als meine Schwestern und Freunde erwachsen wurden, hatten sie mehr zu tun und keine Zeit mehr für mich. Ich wandte mich dann einer neuen Form der Kunst zu, der bildenden Kunst. Meine Eltern Chucrallah Fattouh und Samia Basbous, die bekannte libanesische Künstler sind, haben mich in diesem Bereich sehr unterstützt; sie haben mir immer einen Raum gegeben, um meine Kunst in ihren Ausstellungen zu zeigen, auch wenn ich anfangs sehr jung und nicht sehr talentiert war. Später habe ich an mir gearbeitet und meinen eigenen künstlerischen Ausdruck gefunden. Ich habe an vielen lokalen und internationalen Ausstellungen und Auktionen teilgenommen, darunter 2016 bei Bonham’s (London). Im Jahr 2019 habe ich unser Familienatelier in einen temporären Ausstellungsraum umgewandelt und die Fattouh Art Gallery eröffnet. Dort habe ich meine erste Einzelausstellung „Les Vieux“ gemacht. Im Jahr 2012 begann ich, Animation zu studieren. Es verbindet meine Leidenschaften für das Geschichtenerzählen und das Zeichnen. Es ermöglicht mir, meinen Zeichnungen Leben einzuhauchen und gleichzeitig Geschichten zu erzählen. 2017 schloss ich mein Studium als Jahrgangsbester ab und drehte meinen Debütfilm „How my Grandmother became a Chair“ („Wie meine Großmutter zum Stuhl wurde“), der Film wurde auf mehr als 50 Festivals ausgewählt und gewann viele Preise mit dem Film. 2019 gewann mein zweites Kurzfilmprojekt „Rien que pour l’Amour des gens“ den Hauptpreis des Annecy Mifa Pitching Wettbewerbs bei Beirut Animated und wurde später bei Animation du Monde ausgewählt. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, ich arbeite an meinen beiden neuen Kurzfilmen: „Rien que pour l’amour des gens“, der die Geschichte einer Familie erzählt, die nicht in der Lage ist, sich am Leben zu erfreuen, ohne von Menschen umgeben zu sein, und „The Little Blue House at the Beach“, der im Rahmen der NEF-Residency (Abbaye de Fontevraud, Frankreich) ausgewählt wurde, erzählt die Geschichte von Geschwistern, die sich um das Haus ihrer Kindheit streiten und am Ende alle Bande zerstören, die sie zusammengeführt haben. Wie „How my Grandmother became a Chair“ stellen diese Kurzfilmprojekte die gleiche Frage: „Was ist die wahre Bedeutung einer Familie?“ Ich habe immer an Familiengeschichten gearbeitet, weil ich meine Familie immer als eine kleine Version der Welt gesehen habe. Ich glaube, wenn wir an einem besseren Ort leben wollen, sollten wir zuerst lernen, wie wir mit unserer eigenen Familie leben können.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „How my Grandmother became a Chair


Interview: In a conversation with Lebanese artist and filmmaker Nicolas Fattouh, we were able to learn more about his short film “How my Grandmother became a Chair“, which was screened in the International Competition at the 33rd Filmfest Dresden, how the personal story became a fantastic fable and how he was able to realize his film thanks to the ITFS. 

Tell me more about the origin of your story – it has something to do with your own family history, right?

The idea of the film came to me one week after my grandmother’s funeral. My uncle wanted to put her house for rent, and the entire family came back to her place and had a big fight over the inheritance of her possessions. That day I couldn’t go to her place since I was still heartbroken. In the afternoon, grandma’s housekeeper moved to my house and brought with her nothing except her wooden chair. She posed it in the center of the living room, and the more I looked into that piece of furniture, the more I saw my grandma. As if she never left us, but instead transformed into her wooden chair to stay with her loved ones.

Why did you decide to make your story fantastical with animal creatures and so on, instead of picking a more realistic approach?

I wanted to use metaphors in this film because of the symbolism. The grandmother transforms into her chair because while getting older my grandma was becoming weaker and weaker. With time, could no longer move her arms or legs easily; she became stiff just like her wooden chair. As for the housekeeper she didn’t look human in the beginning because grandma didn’t see her as part of her family but when her children abandoned her, grandma realized that her housekeeper had much more humanity then her kids. She is no longer the scary housekeeping beast but the beautiful, kind family member grandma was always waiting for. As for the children, they transformed into roosters because they were becoming more and more greedy and violent. The roosters symbolize that in Lebanese culture.

What was the creation process like – you pitched your film at ITFS in 2017?

I started by pitching a first draft of the story at ITFS Stuttgart in 2017, part of the Arab Animation Forum, where I met my producer Fabian. After winning the Arab Animation Forum prize, the project was nominated for the film prize of the Robert Bosch Stiftung (Berlinale 2018), where my producers and I had experts help us to develop the project. After winning the film prize, my team and I continued to develop the story and the visuals. The film was produced between Lebanon and Germany and was finished in 2020. 

What did you care about visually in the process of making it? 

In the beginning, the visuals I created were very detailed and not very easy to animate, but with the support of my director of animation Till Machmer we were able to simplify the drawings while keeping the feel of the characters. My team and I decided to go for simple drawings so that the audience could focus on the story. I also worked on the symbolism of the color palette, for example: when the family (in human form) is around grandma the colors are rather earthy and warm, but after transforming into roosters, the color palette becomes green to show their toxicity. I also wanted to give a typical Lebanese grandparents’ house style in the art direction with the floral patterns, the many framed portraits, the candies…

Has your family seen the film and how did they react to it, since there is obvious criticism in it after all?

Before producing the film, my father was a bit worried about the reaction of his sibling and asked me not to include them in the film to avoid conflicts, therefore I drew them as children instead of adults. After all, they were always grandma’s little children. But when he saw the final film, he was moved by the story and even asked me to do an animated film about him.

My Aunts/Uncles didn’t see the film yet, but I will surely invite them to see it when it is screened in Beirut.

Can you tell me more about yourself at the end and if you will stay true to animated films?

In addition to being an animation director, I am also a visual artist. Living in Monsef, a tiny Lebanese village where there is nothing amusing, the only thing I could do to kill time was telling stories. The stories I used to tell weren’t necessarily taken from my imagination but rather from the real adventures of the people from my village. I remember that I was often grounded by my parents because of the spices I used to add (exaggerations) to make their stories more interesting. Later, I decided to invest my talent of telling stories in a less harmful form, so I started writing stage plays and performing them on our little terrace with the help of my sisters and school friends. We used to create ourselves the decors and even the soundtrack of the play.  When my sisters and friends grew up, they got busier and could no longer have time for me. I then moved to a new form of art, visual art. My parents Chucrallah Fattouh and Samia Basbous who are renowned Lebanese artists supported me a lot in that field; they always gave me a space to show my art in their exhibitions even if I was very young and not very talented in the beginning. Later I have worked on myself and found my own artistic expression. I have participated in many local and international exhibitions and auctions, including Bonham’s (London) in 2016. In 2019 I transformed our family atelier into a temporary exhibition space and opened the Fattouh Art Gallery. There I made my first solo exhibition “Les Vieux”. In 2012 I started studying animation. It combines my passions for storytelling and drawing. It allows me to give life to my drawings while telling stories. I graduated first of my class in 2017 with a masters degree, then made my debut film “How my Grandmother became a Chair“, the film was selected in more than 50 festivals and won many awards with the film. In 2019 my second short project “Rien que pour l’Amour des gens” won the grand prize of the Annecy Mifa pitching competition at Beirut Animated and was later selected at Animation du Monde. 

Are there any new projects planned?

Yes I am working on my two new shorts: “Rien que pour l’amour des gens” which tells the story of a family unable to take pleasure in life without being surrounded by people, and “The Little Blue House at the Beach”, selected at the NEF Residency (Abbaye de Fontevraud, France) tells the story of sibling fighting over their childhood house and ending up destroying all the ties that bring them together. Just like “How my Grandmother became a Chair“, these short film projects ask the same question: “What is the real meaning of a family?” I always worked on family stories because I have always seen my family as a small version of the world. I believe that if we want to live in a better place, we should first learn how to live with our own families.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “How my Grandmother became a Chair

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.