Acht Fragen an Serhat Karaaslan

Letzte Artikel von Doreen Kaltenecker (Alle anzeigen)
@Francisco J de las Heras

Interview: Im Gespräch mit dem türkischen Regisseur Serhat Karaaslan konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „The Criminals“ erfahren, gesehen auf dem 31. Filmfestival Cottbus 2021, erfahren, über die wahre Geschichte dahinter, warum er sich für einen Genremix entschied und warum es so schwierig war, die Rolle des jungen Liebespaar zu besetzen. 

The original english language interview is also available.

Erzähl mir bitte mehr zum Ursprung Deiner Geschichte? Steckt eine wahre Begebenheit dahinter?

Ja, der Film basiert auf einer wahren Geschichte, die meine persönliche Geschichte ist. Es geschah, als ich an der Universität war. Aber die wahre Geschichte ist ziemlich einfach. Ich kann sagen, dass die erste Hälfte des Films mehr oder weniger der wahren Geschichte entspricht und die zweite Hälfte der Fantasie entspringt. Die wahre Geschichte hatte das Potenzial, um damit zu spielen, deshalb ist sie mir im Laufe der Jahre im Gedächtnis geblieben.

Welche Botschaft liegt Dir am Herzen und wie wurde der Film in der Türkei aufgenommen?

Lorin Merhart und Deniz Altan

Ich möchte keine Botschaften durch meine Filme oder durch Worte vermitteln. Ich möchte mit meiner Arbeit Fragen aufwerfen. Ich glaube, dass das effektiver und wertvoller ist. Wie viele große Künstler sagen, bedeutet Kunst nicht, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Für mich drückt dieser Film aus, wie die jungen Generationen heutzutage in der Türkei leben. Wie sie sich unter der Unterdrückung durch Familie, Gesellschaft und Staat fühlen.

Du bewegst Dich mühelos durch die Genres, so dass man die Vehemenz im letzten Teil des Films nicht erwartet. Kannst Du mir mehr von dem Genre-Spiel erzählen.

Deniz Altan

Ich hätte diesen Film auch einfach als sozial-realistischen Film machen können, aber was mich daran gereizt hat, diese Geschichte zu erzählen, war das Spiel mit den Genres. Ich mag Genrefilme. Vor allem die Filme, welche die Genres mischen. Hätte ich die Geschichte nur im sozial-realistischen Stil erzählt, wäre der Film eine Aussage über die Situation in der Türkei gewesen. Ich wollte aber auch, dass es ein gutes Kinoerlebnis für die Zuschauer wird.

In welchem Rahmen und welcher Zeit konntest Du Deinen Film umsetzen?

Wir haben den Film kurz vor Ausbruch der Covid-Pandemie gedreht und waren während der ersten Quarantäne in der Postproduktion. Deshalb mussten wir die Postproduktion für ein paar Monate unterbrechen. Letztes Jahr im Sommer, als die Quarantäne vorbei war, haben wir den Film fertig gestellt. Vom Schreiben bis zum Dreh dauerte es etwa ein Jahr.

Die Bilder wirken sehr realitätsnah – was lag Dir visuell am Herzen?

Deniz Altan

Diese Geschichte spielt in einem kleinen und billigen Hotel. Und diese Art von Hotels haben kleine und leere Zimmer. Meistens gibt es nur ein Bett im Zimmer. Ich wollte, dass es realistisch und kinematografisch ist. Deshalb haben wir ein bisschen mit der Realität gespielt. Ich wollte, dass das Hotel etwas Besonderes für diesen Film ist. Wir haben lange nach Hotels gesucht, aber wir konnten nicht den richtigen Ort für diesen Film finden. Also haben wir schließlich drei verschiedene Hotels kombiniert und die Zimmer im Studio gebaut. Drehorte sind sehr wichtig, um die richtige Atmosphäre für die Geschichte zu schaffen. Ich denke, es ist notwendig, die richtige Textur und die richtigen Farben zu finden. Manchmal müssen wir mit echten Schauplätzen spielen, um realistischere Orte zu schaffen.

Wie hast Du Deine beiden HauptdarstellerInnen gefunden?

Deniz Altan und Lorin Merhart

Es war ein bisschen schwierig, passende Schauspieler zu finden. Einige waren sehr an dem Projekt interessiert, aber als sie das Drehbuch lasen, fanden sie einige Ausreden und lehnten das Projekt ab. Andere sagten, dass sie kein Problem damit hätten, in Liebesszenen mitzuspielen, aber für ihre Karriere wäre es riskant, und wenn sie in einer Liebesszene mitspielen, würden sie in der Türkei wahrscheinlich keinen Job mehr in Fernsehsendungen finden. Wieder andere verhandelten mit mir darüber, wie viel wir ihre Kumpels zeigen oder wie ich Liebesszenen drehen sollte. Viel zu oft musste ich erklären, wie ich die Liebesszenen drehen will, dabei war es auch für mich das erste Mal. Nach vielen Vorsprechen und Verhandlungen haben wir zwei tolle junge und mutige Schauspieler gefunden. Für jeden von ihnen haben wir mehr als 50 Vorsprechen durchgeführt.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Deniz Altan

Seit meiner Kindheit interessiere ich mich für das Geschichtenerzählen. Als ich zur Schule ging, wusste ich nicht, was ich im Leben machen sollte. Ich habe gerne gelesen und Filme gesehen. Dann fing ich an, darüber nachzudenken, ob ich etwas in der Filmbranche machen könnte. Ich dachte an das Schreiben von Drehbüchern. Ich habe das Kino ein bisschen spät entdeckt. Bis zur Universität habe ich nur die Filme gesehen, die im türkischen Fernsehen ausgestrahlt wurden, und das waren immer die gleichen Filme, meistens billige Komödien und Melodramen. Als ich an der Universität war, habe ich mir viele Filme angesehen, nicht nur Mainstream-Filme. Ich habe verschiedene Kinos entdeckt. Klassische Filme, europäisches Autorenkino, amerikanisches Independent-Kino und das Kino verschiedener Länder wie das iranische oder koreanische Kino usw. Gleichzeitig war ich auf der Suche nach einer Möglichkeit, Filme zu machen. Ich habe an der Universität Pharmazie studiert. Nach dem Abschluss habe ich an einigen Workshops teilgenommen, z. B. zum Thema Drehbuchschreiben und Kurzfilme, und dann habe ich meinen ersten Kurzfilm gedreht. Ich bin nicht auf eine Filmschule gegangen. Meine ersten Kurzfilme waren für mich wie eine Filmschule. Ich lernte die Grundlagen des Filmemachens, während ich sie drehte. Ich habe viel aus meinen eigenen Fehlern gelernt, das ist immer noch so. Die Erfahrung, Kurzfilme zu machen, hat mir Mut gemacht, weiterzumachen und andere Dinge auszuprobieren.

Sind bereits neue Projekte geplant? Oder hast Du vielleicht vor aus der Geschichte von „The Criminals“ einen Langfilm zu machen? 

Ja, ich arbeite gerade an einem Spielfilmprojekt. Es befindet sich in der Anfangsphase. Zurzeit schreibe ich das Drehbuch.

Man hat mir angeboten, „The Criminals“ als Spielfilm zu drehen, und ich denke darüber nach.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Criminals 


Interview: In our conversation with Turkish director Serhat Karaaslan, we were able to learn more about his short film “The Criminals“, seen at the 31st Cottbus 2021 Film Festival, the true story behind it, why he chose to mix genres, and why it was so difficult to cast the role of the young lovers. 

Please tell me more about the origin of your story. Is there a true story at the heart of it?

Yes, the film is based on a true story which is my personal story. It happened when I was at university. But the real story is quite simple. I can say that the first half of the film is more or less as it’s in the real story and the second half is imagination. The true story had a potential to play with it that’s why it had stuck in mind over the years.

What message is at your heart and how was the film received in Turkey?

I don’t like to give messages by my films or by talking. I’d like to raise questions with my work. I do believe that’s more effective and valuable. As many big artists say that art is not giving answers however ask questions. For me this film express how the young generations live in Turkey nowadays. How they feel under oppression of family, societies and state.

You move effortlessly through the genres, so one doesn’t expect the intensity in the last part of the film. Can you tell me more about the play with genres?

I could just have made this film as a social realist film as well but what made me excited to tell this story was playing with genres. I like genre films. Specifically, the films mix genres. If I had just told it in a social realist style, this movie would have been a statement about the situation in Turkey. However, I also wanted it to be a good cinema experience for the audience.

In what setting and timeframe were you able to realize your film?

We shot the film just before Covid pandemic started and we were in post-production during the first quarantine. That’s why we had to stop the post production for a few months. Last year in the summer when quarantine was over we finished the film. From writing to shooting was around one year.

The images seem very close to reality – what was your main concern visually?

This story took place in a small and cheap hotel. And these kinds of hotels have small and empty rooms. Most of the time there is only one bed in the room. I would like it to be realistic and cinematographic. So, that’s why we played with reality a bit. I wanted the hotel to be special to this film. For a long time we looked for hotels and we couldn’t find the right place for this film. So in the end we combined three different hotels and we built the rooms in the studio. Locations are very important to set the right atmosphere for the story. I think It’s necessary to find the right texture and colors. Sometimes, we have to play with real locations to create more realistic locations.

How did you find your two main actors?

It was a bit difficult to find actors. Some actors were very interested in the project but when they read the script they found some excuses and refused the project. Some actors were saying that they don’t have any problem being in love scenes but for their career it will be risky and if they act in a make love scene probably they cannot find a job in the TV shows anymore in Turkey. Some actors negotiated with me how much we were going to show their buddies or how I’m going to shoot love scenes. I had to explain to too many actors how I’m going to shoot love scenes, which was the first time for me as well. After a lot of auditions and negotiations with many actors we found two great young and brave actors. For each of them we did more than 50 auditions.

Can you tell me a bit more about yourself at the end and how you came to the film?

Since I was a kid, I’ve been interested in storytelling. At high school, I didn’t know what to do in life. I liked reading and watching films. Then I started to think about whether I could do something in the cinema. I was thinking of scriptwriting. I discovered cinema a bit late. Until university I only watched the films that were broadcasting on Turkish TVs which were always the same films, cheap comedies and melodramas mostly. When I was at the university, I watched a lot of films, not only mainstream ones. I discovered different cinemas. Classical films, European auteur cinema, American independent cinema and different countries’ cinema’s like Iranian cinema or Korean Cinema etc. At the same time, I was looking for a way to make films. I studied pharmacy at the university. After graduation, I participated in a few workshops; like script writing, short filmmaking workshops and then I made my first short film. I didn’t go to a film school. My first short films were like a film school for me. I learned the basics of filmmaking while making them. I learned a lot from my own mistakes, still it’s like that. The experience of making short films gave me courage to continue and try different things.

Are there already new projects planned? Or are you planning to turn the story of “The Criminals” into a feature film?

Yes, I’m working on a feature film project now. It’s in its early stage. Nowadays, I’m writing the script.

They offered me to make “The Criminals” as a feature film and I’m thinking about it.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “The Criminals

Kommentar verfassen