Elf Fragen an Miko Revereza und Carolina Fusilier

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Interview: Im Gespräch mit den beiden FilmemacherInnen und KünstlerInnen Miko Revereza und Carolina Fusilier konnten wir mehr über ihren Dokumentarfilm „The Still Side“, der auf dem 64. DOK Leipzig seine Deutsche Premiere feierte, erfahren, wie es zu einer gemeinsamen Filmprojekt kam, und wie sie visuell wie auch tonal die Insel auf ihre Weise erkundeten und dafür u.a. ausgeklügelte Mikrofon-Ideen entwickelten.

The original english language interview is also available.

Wie wurde das Filmprojekt zum Leben erweckt – hat es mit der Entdeckung des Ortes angefangen?

Als die Pandemie begann, beschlossen wir, die Großstadt zu verlassen und uns auf unbestimmte Zeit an der Pazifikküste Mexikos niederzulassen. Das war etwa im März 2020, und zu diesem Zeitpunkt wurden alle kulturellen Aktivitäten gestrichen und in einen Übergangsmodus überführt, der zu Online-Begegnungen führte. Carolina wurde zu einer Online-Lese-Performance eingeladen und schrieb einen Monolog in der ersten Person einer Amphibie, die an der Küste auftaucht und durch die leeren Strandclubs und die Überbleibsel der trügerischen Aktivität navigiert. Dieser Text entwickelte sich zu einem visuellen Essay, den wir gemeinsam zu einem Thriller weiterentwickelten. Wir reichten das Projekt beim ACC (Asia Culture Center) Cinema Fund ein, um eine Finanzierung zu erhalten, damit wir weiterarbeiten und das Projekt ausbauen können, und wir bekamen sie.

Wir haben Capaluco gefunden, nachdem wir einige Recherchen über Acapulco angestellt hatten: Der berühmte Drehort in den 50er Jahren für Hollywood-Stars und auch der historische Hafen der spanischen Galeone, die Asien (Manila, Philippinen) mit Amerika (Acapulco, Mexiko) seit Anfang des XVI Jahrhunderts verband. Dieser Ort ist voll von legendären Geschichten und Mythen, und wir wollten mehr darüber erfahren, also beschlossen wir, die verlassenen Stätten zu erkunden. So haben wir alle Drehorte des Films gefunden. 

Welche Schritte mussten unternommen werden, bevor ihr vor Ort drehen durftet, wie habt ihr das Audiomaterial erhalten?

Der vorherige Schritt war das Gespräch mit den Menschen vor Ort. Wir zeichneten Gespräche zwischen uns auf, in denen wir die im Film angesprochenen Themen und den konzeptionellen Rahmen des Films diskutierten. Wir führten Unterwasserexperimente mit einer Kamera durch, die uns dabei halfen, Ideen über die mythologische Kreatur zu entwickeln, die in der Erzählung des Films angedeutet wird. 

Für das Audiomaterial haben wir verschiedene Arten von Mikrofonen verwendet, die wir hatten oder die wir angepasst haben, wie ein selbstgebautes Unterwassermikrofon in einer Dose, kleine Mikrofone, die wir in Röhren, Löcher und Strukturen einbauen konnten. Wir haben auch ein elektromagnetisches Mikrofon verwendet, das unsichtbare Signale wie Antennen auffängt. Wir haben Musik zusammengestellt, die wir in Hotels und an Orten gehört haben, an denen wir häufig waren, wie z. B. im Flamingos Hotel, einem berühmten Ort, an dem einige Hollywoodfilme gedreht wurden.

Wie lange seid ihr auf der Insel gewesen? Wie viel habt ihr an Material gedreht?

Wir waren eineinhalb Monate in Acapulco und haben alles in 4/5 Wochen gedreht. Wir waren manchmal fünfmal am selben Ort zu verschiedenen Tageszeiten. Wir hatten insgesamt etwa elf Stunden Filmmaterial.

Wie fühlt es sich an so einem Ort zu sein? 

Es ist ein faszinierender Ort voller Geheimnisse, Geister und Geschichte. Wir haben Capaluco durch den Film entdeckt, und das war ein sehr spannender Prozess, denn wir wussten nicht, was wir finden würden. Wir haben uns von unserer Wahrnehmung, Neugier und Spontaneität leiten lassen, und das hat das Endergebnis des Films bestimmt. Diese Art, an ein Filmprojekt heranzugehen, kann nie scheitern und führt immer wieder zu neuen Entdeckungen. 

Was lag euch visuell am Herzen? Habt ihr nach bestimmten Motiven gesucht oder haben sie euch eher gefunden?

Wir interessierten uns besonders für Ruinen und verlassene Orte, denn so haben wir uns Capaluco vorgestellt, eine fiktive Insel, die wir selbst zu erschaffen versuchen. Die Orte, die wir fanden, waren besser als erwartet, und die Themen entwickelten sich aus den Geschichten und Mythen, die an diesen Orten präsent waren. Bei der Zusammenarbeit war uns klar, dass jeder von uns eine andere Art von Bild/Sequenz wollte. Miko würde sehr detaillierte Objekte mit einem Mikroobjektiv betrachten, in dem alles eine Stimme hat. Carolina war eher für die bewegte Kamera und die Navigation durch die Architektur zuständig. Und dann mussten wir diese beiden Visionen miteinander verbinden. 

Könnt ihr mehr zu dem roten Faden erzählen, der eure Bilder verbindet?

Wir haben versucht, ein metonymisches Puzzle zu erstellen, das durch eine Art mentale Landkarte verbunden wird. Da Capaluco eine imaginäre Insel ist, dachten wir, dass der Zuschauer die unsichtbaren Punkte verbindet, um die Insel zu unterstreichen. Aber das war nur ein Vorschlag, und man kann sich auch in den Details verlieren. Die Art und Weise, wie wir gefilmt haben, wurde durch unsere eigene Neugier und Wahrnehmung beim Entdecken der Orte bestimmt. Normalerweise besuchten wir einen Ort zum ersten Mal und filmten ihn noch am selben Tag. Dadurch blieben unsere Augen und unsere Aufmerksamkeit sehr offen und wir nahmen jedes gefundene Detail wahr. Dies ist der rote Faden, der unsere Bilder miteinander verbindet. 

Der Ton trägt ebenfalls viel zur Wirkung des Films bei – könnt ihr mir mehr zu eurem Sounddesign erzählen?

Ja, der Ton ist sehr wichtig in diesem Film. Wir haben ein ganz bestimmtes Set von Mikrofonen entwickelt, um unsichtbare Geschichten, spektrale Entitäten an jedem Ort zu dokumentieren. Wir haben das Geräusch von Termiten aufgenommen, die das Holz einer verlassenen Diskothek fressen, wir haben auch die Luft und die Wasserkanäle im Inneren der Rohre eingefangen. Diese Orte sind zwar menschenleer, aber sie atmen, dehnen sich aus, werden von der Feuchtigkeit des Ozeans aufgefressen und sind von mikroskopischen Lebensformen bewohnt. Wir wollten dies hörbar machen. 

Die Lautsprecher sind ein technologisches Überbleibsel, das aus dem vergangenen Leben der Insel hervorgegangen ist. Sie sind die Stimmen einer Binsenweisheit, die ausbeuterisch ist und Tiere und Landschaft kapitalisiert hat. Das ist das verlorene Imperium, durch das der Film navigiert. 

Habt ihr auch eine Botschaft, die ihr den ZuschauerInnen mitgeben wolltet?

Es gibt keine explizite Botschaft. Es könnte Botschaften geben, derer wir uns nicht bewusst sind und die völlig subjektiv sind. Es gibt viele interessante Schlussfolgerungen über den Film, aber wir lassen alles offen für Interpretationen. Es ist ein Film über Entdeckungen, und es ist wichtig, dass wir diese Tür für das Publikum offen lassen, das zuschaut. 

Wo wird man die Möglichkeit haben euren Film sehen zu können?

Zurzeit wird der Film auf Festivals gezeigt, aber es ist zu hoffen, dass er in Zukunft auf einigen Streaming-Plattformen zu sehen sein wird.  

Könnt ihr mir am Schluss noch ein bisschen mehr von euch, wie ihr zum Film gekommen seid und zu eurer Zusammenarbeit zu erzählen?

Wir haben uns im Februar 2020 kennengelernt und uns sehr schnell entschieden, ein gemeinsames Projekt zu starten. Carolina ist eine bildende Künstlerin, die mehr mit Malerei, Video und Installation arbeitet, und Miko ist ein experimenteller Filmemacher. Das Thema des Films hat einen starken Einfluss auf uns beide und unsere eigenen individuellen Praktiken, und wir waren von Anfang an sehr engagiert bei der Sache. Es war eine sehr einfache Zusammenarbeit mit einem großen kreativen Fluss und wir haben beide voneinander gelernt. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, es gibt einige Projekte, die wir zusammen machen wollen, aber das ist alles noch in einem sehr frühen Stadium.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Dokumentarfilms „The Still Side


Interview:  In conversation with the two filmmakers and artists Miko Revereza and Carolina Fusilier, we were able to learn more about their documentary “The Still Side“, which celebrated its German premiere at the 64th DOK Leipzig, how it came to a joint film project, and how they visually as well as tonally explored the island in their own way and developed sophisticated microphone ideas for it, among other things.

How did the film project come to life – did it start with the discovery of this place?

When the pandemic started, we decided to leave the big city and settle for undefined time in the Pacific coast of Mexico. This was around March 2020 and by that time all cultural activities were being cancelled in a transition mode of becoming online encounters. Carolina was invited to do an online reading performance and she wrote a monologue in first-person of an amphibian that emerges to the coast and navigates the empty beach clubs and leftovers of truism activity. This text evolved into a visual essay that we developed together into a thriller. We submitted the project to ACC (Asia Culture Center) Cinema Fund so we have some funding to keep working and expanding this project and we got it.

We’ve found Capaluco after doing some research on Acapulco: The famous truistic location in the 50’s for Hollywood stars and also the historical port of the Spanish Galleon that connected Asia (Manila, Philippines) with America (Acapulco, Mexico) since beginning of XVI Century. This location was full of legendary stories and myths and we wanted to know more about it, so we decided to go and explore it’s abandoned sites. This is how we found all the locations of the film. 

What steps had to be taken before you were allowed to shoot on location, how did you get the audio material?

The previous step was talking to local people around the sites. We would record sessions of conversations between us where we discussed the topics addressed in the film and its conceptual framework. We did experiments underwater with a camera that helped us develop ideas about the mythological creature suggested in the narrative of the film. 

For the audio material we used several types of mics that we had or that we customize like an underwater homemade mic inside a can, small mics that we could fit inside tubes, holes, structures. We also used an electromagnetic mic that captured invisible signals like antennas. We compile music that we heard in hotels and places we would frequently go like the Flamingos Hotel, a famous location where some Hollywood films were made.

How long were you on the island? How much material did you shoot?

We were in Acapulco for a month and a half and we shot everything in 4/5 weeks. We would go to the same location sometimes 5 times during different moments of the day. We had around 11 hours of footage total.

How does it feel to be in a place like that? 

It’s a fascinating place full of mysteries, ghosts and history. We discovered Capaluco through the film and this was a very exciting process because we didn’t know what we were going to find. We were driven through perception, curiosity and spontaneity and this defined the final result of the film. This way of addressing a film project can never fail and is always flourishing into new explorations. 

What were you visually interested in? Were you looking for specific subjects or did they tend to find you?

We were specifically interested in ruins and abandoned locations, because that is the way we imagined Capaluco, a fictional island that we try to create ourselves. The places we found were better than expected and the subjects started growing from the stories and myths present in the locations. As a collaboration it was very clear that the type of image/ sequence that each of us wanted was different. Miko would be looking at very detailed objects in a micro-lens where everything had a voice. Carolina would be more in charge of the moving camera, and navigating the architecture. And then we had to combine these two visions. 

Can you talk more about the common thread that connects your images?

We were trying to build a metonymic puzzle to be connected through some kind of mental map. As Capaluco is an imaginary island, we figure that the spectator will be connecting the invisible dots to underline the island. But it was only a suggestion, and one can also get lost in the details. The way we film was pulled by our own intrigue and perception while discovering the places. Usually, we would visit a location for the first time and also film that same day. This would keep our eyes and attention very open and aware of every detail found. This is the thread that connects our images. 

Sound also contributes a lot to the impact of the film – can you tell me more about your sound design?

Yes. Sound is very important in the film. We developed a very specific set of microphones with the intention of documenting invisible stories, spectral entities in each location. We captured the sound of termites eating the wood of an abandoned Discotheque, we also captured the air and the water channels in the inner world of the pipe tubes. These places, though empty of human life, are fully breathing, expanding, eaten up by the humidity of the ocean, inhabited by microscopic lifeforms. We wanted to make this audible. 

The speakers are a technological survival that emerges from the past life of the island. They are the voices of a truism that is exploitative and has capitalized animals and landscape. This is the lost empire that the film navigates through. 

Do you also have a message that you wanted to give to the audience?

There is no explicit message. There could be messages that we are not conscious about and are completely subjective. There are many interesting conclusions about the film but we leave everything open to interpretations. It’s a film about discovery and it’s important that we leave that door open to the audience that is watching. 

Where will people have the opportunity to see your film?

Right now the film is screening in festivals, but hopefully it could be found in some streaming platforms in the future.  

In the end, can you tell me a bit more about yourselves, how you came to the film and your collaboration?

We met in February of 2020 and it was very fast that we decided to start a project together. Carolina is a visual artist that works more with painting, video and installation and Miko is an experimental filmmaker. The topic of the film has a strong impact for both of us and our own individual practices and we were very much committed since the beginning of the process. It was a very easy collaboration with a great creative flow and we were both learning from each other. 

Are there any new projects planned?

Yes there are some projects we want to do together, but it’s all in a very early stage still. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “The Still Side

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