Elf Fragen an Paweł Łoziński

R.MASLOW 2014

Interview: Im Gespräch mit dem polnischen Regisseur Paweł Łoziński konnten wir mehr über seine Dokumentation „The Balcony Movie“ (OT: „Film balkonowy“) erfahren, die auf dem 64. DOK Leipzig den Preis MDR-Filmpreis gewinnen konnte, wie die Idee noch vor Corona entstand, wie es war, den HeldInnen seiner Geschichte über die Spanne von fünf Metern zu begegnen und wie sich dadurch auch die Dynamik in der Nachbarschaft geändert hat.

The original english language interview is also available.

Dein Film ist vor Corona entstanden – wie also kamst Du auf die Idee, deine Wohnung nicht zu verlassen und die Menschen, welche an Deinem Balkon vorbei gehen, zu portraitieren?

Wir lachen darüber, dass es sich um einen Film aus der Zeit vor Covid handelt, der mit einer sicheren sozialen Distanz gedreht wurde. Ich habe diesen Film eher zufällig gedreht, aus Mangel an anderen Ideen für einen Film. Ich beschloss, den Helden und das Thema für meinen neuen Film zu suchen, ohne das Haus zu verlassen. Es hat mich immer interessiert, was die Passanten unter meinem Balkon im Kopf und im Herzen haben? Manchmal saß ich dort ganz privat ohne Kamera und hörte zu, worüber sie sprachen. Der Film entstand aus reiner Neugierde: Wer sind sie? Wohin gehen sie und was ist der Sinn ihres Lebens? Es war ein Experiment für mich und für sie. Ich habe mich gefragt, ob es eine Chance gibt, einen ganzen Querschnitt von Menschen zu treffen, indem man die Kamera an einem festen Ort aufstellt. Ich habe versucht, die Spielregeln des normalen Dokumentarfilms zu ändern – dieses Mal bin nicht ich es, der den Menschen mit meiner Kamera um die Welt folgt, sondern ich warte auf sie, bis sie in mein Bild kommen. 

Wie lange hast Du gefilmt und wie viele Stunden auf deinem Balkon verbracht?

Ich wollte vier Jahreszeiten in meinem Film haben. Ursprünglich dachte ich, dass ein Jahr auf dem Balkon ausreicht. Aber ich war so sehr mit Treffen mit Leuten beschäftigt, dass ich über 2,5 Jahre gebraucht habe. Ich habe auch meinen privaten Rekord bei der Anzahl der Drehtage gebrochen – 165.

Wie viel Material ist entstanden. Wie war es im Schnitt, die richtige Mischung aus Begegnungen zusammenzustellen?

Während der Dreharbeiten habe ich etwa 2000 Gespräche mit verschiedenen Menschen geführt. Daraus haben wir im Schneideraum etwa 1000 ausgewählt. Die schwierigste Aufgabe des Schnitts war es, ein Gespräch mit den Helden so zu arrangieren, dass der Film emotional wächst, aber dabei nicht das Gefühl der Zufälligkeit dieser Treffen zu verlieren.

Wie war es Menschen vom Balkon aus anzusprechen – wie war die meisten Reaktionen?

Die Leute interessierten sich für diesen seltsamen Kerl mit der Kamera, der auf dem Balkon stand. Gleichzeitig war ich daran interessiert, wer sie sind. Zu Beginn der Dreharbeiten hatte ich ein wenig Angst, dass eine Entfernung von fünf Metern zwischen uns unsere emotionale Kommunikation erschweren würde. Es hat sich schnell herausgestellt, dass die Menschen das absolute Bedürfnis haben, gehört zu werden, von jemandem wahrgenommen zu werden. Es stört sie nicht, dass ich ein Fremder bin. Manchmal war es sogar hilfreich. Sie fühlten sich bei mir sicher, sie konnten jederzeit aus meinem Filmrahmen heraustreten und das Gespräch abbrechen.

Manche Menschen wie 5 und Robert tauchen öfters auf – sind sie die geheimen Helden deines Films? Warum hast Du Dich für die Fokussierung auf u.a. sie entschieden?

Schon im Skript des Films ging ich davon aus, dass einige Figuren in meine Filmkamera zurückkehren würden. Sie werden die Hauptfiguren sein. Diejenigen, die die Zuschauer besser kennen lernen. Frau Zosia ist unsere Hausmeisterin, sie kommt jeden Tag, um unser Gebäude zu reinigen. Sie ist eine ungewöhnliche Art von Sisyphos, die glücklich ist. Die Arbeit macht für sie den ultimativen Sinn. Am Anfang kam Robert zu mir und bat mich um Hilfe. Dann kamen wir in Kontakt und er begann, mehr über sich selbst zu erzählen. Er ist ein äußerst sensibler Held mit einem sehr schwierigen Lebensweg. Ich dachte daran, einen eigenen Dokumentarfilm über ihn zu drehen.

Welche Überraschungen hast Du erlebt? Hättest Du Dir vorher ausgemalt, dass dir die Menschen, welche Dir fremd sind, Dir so viel Ehrlichkeit, auch Weisheiten und Offenheit entgegenbringen?

Ich habe viele wertvolle Geschenke von meinen Filmhelden erhalten. Sie haben mir ehrlich und mutig aus ihrem Leben erzählt. Einige von ihnen kamen zurück vor die Kamera, wir kamen in engeren Kontakt. Die Menschen wollen wahrgenommen werden, sie wollen für eine Weile nicht mehr unsichtbar sein und jemandem ihre Geschichte erzählen. Während ich geduldig auf dem Balkon wartete, wurde ich für sie zu einer Art weltlichem Beichtstuhl. Sie konnten mich dort immer finden und anderen Menschen durch meine Kamera von sich erzählen. Dann waren wir einander nicht mehr fremd, sondern es entstand ein Band.

Denkst Du manchmal darüber nach, wie anders Dein Film geworden wäre, wenn du ihn während der Corona-Pandemie realisiert hättest?

Während der Pandemie beendete ich die Dreharbeiten zu „The Balcony Movie“. Mir wurde schnell klar, dass das Thema des Virus die Universalität des Films beeinträchtigen würde. Aber dann drehte ich einen zehnminütigen Kurzfilm mit dem Titel „Masks and People“. Darin habe ich die gleiche Methode des Erzählens vom Balkon aus angewandt. Passanten erzählten mir von ihren Ängsten und Hoffnungen während des ersten Lockdowns.

Hattest Du die Möglichkeit, manchen ProtagonistInnen den Film zu zeigen?

Aber natürlich! Frau Zosia war bei der Premiere des Films, stolz auf ihre Rolle, und winkte dem Publikum wie die englische Königin zu. Sie sagte dann, dass viele Leute auf der Straße anfingen, „Guten Morgen!“ zu sagen. Die schüchterne Agnieszka mit dem Einkaufswagen und den Stöcken aus der Winterszene kam zunächst allein zur Vorstellung. Ich glaube, sie hat sich in meinem Film wohl gefühlt, denn dann hat sie die ganze Familie eingeladen. Ihre Mutter sagte nach dem Film, dass sie sehr stolz auf sie ist. Ich hoffe also, dass der Film auch für das Leben meiner Figuren etwas Gutes bewirkt hat. Für mich war es sehr wichtig, dass die Helden sich auf der Leinwand sehen und ihr Erscheinungsbild akzeptieren.

Hast Du zu manchen außerhalb Deines Hauses weiteren Kontakt aufbauen können?

Nach fast drei Jahren, in denen ich einen Film auf dem Balkon gedreht habe, kenne ich fast alle Nachbarn, und sie kennen mich. Manchmal ist das sehr schön. Es war eine Art soziales Experiment für das ganze Viertel. Ich habe den Eindruck, dass er den Menschen ein Gefühl dafür vermittelt hat, dass Gespräche etwas Natürliches und Wesentliches in ihrem Leben sind. Dann kam die Pandemie, und es stellte sich heraus, dass wir am meisten den Kontakt zu anderen Menschen vermissen. Wie Hannah Arendt es ausdrückte: „Die Welt ist nicht menschlich, weil sie von Menschen bewohnt wird, sondern weil sie gemeinsam über sie sprechen. Offenheit für andere ist eine Voraussetzung für Menschlichkeit“. 

Welche Möglichkeiten (auch in Deutschland) wird es geben Deinen Film zu sehen?

Sie werden den Film im nächsten Jahr auf vielen Festivals sehen können, darunter: Doc Point Helsinki im Januar, goEast Festival Wiesbaden im März, Docs Barcelona Mai und viele andere.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Vielleicht ein Balkon in einer anderen Stadt? 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „The Balcony Movie“


Interview: In our interview with Polish director Paweł Łoziński, we were able to learn more about his documentary “The Balcony Movie” (OT: “Film balkonowy”), which won the MDR Film Prize at the 64th DOK Leipzig, how the idea came about even before Corona, what it was like to meet the heroes and heroines of his story at a distance of five meters, and how this also changed the dynamics in the neighborhood.

Your film was made before Corona – so how did you come up with the idea of not leaving your apartment and portraying the people walking by your balcony?

We laugh that this is a pre-Covid movie made with a safe social distance. I did this film a bit by chance, accidentally from the lack of other ideas for the film. I decided to look for the hero and the topic for my new film without leaving the house. I was always interested in what the passers-by under my balcony have in their heads and hearts? Sometimes I sat there privately without a camera and overheard what they were talking about. The film came from simple curiosity – who they are? Where they are going and what is the meaning of their life? It was an experiment for me and for them. I was asking myself, is there a chance to meet an entire cross-section of people by putting the camera in a fixed place? I was trying to change the rules of the normal documentary game – this time it’s not me following the people with my camera around the world, but me waiting for them till they enter my frame. 

How long did you film and how many hours did you spend on your balcony?

I wanted to have 4 seasons in my movie. Initially, I thought that one year spent on the balcony is enough. But I got so engaged in meetings with people that I spent over 2.5 years. I also beat my private record in the length of shooting days – 165.

How much footage was created? What was it like in the edit to put together the right mix of encounters?

During the shooting I’ve made about 2000 chats with different people. From them we chose about 1000 in the editing room. About 80 protagonists entered the film.The most difficult editing task was to arrange a chat with heroes so that the film would grow emotionally, but not to lose on the occasion of the sense of randomness of these meetings.

What was it like to approach people from the balcony – what were most of the reactions?

People were interested in this strange guy with the camera standing on the balcony. At the same time I was interested in who they are. In the beginning of shooting I had a little fear that a distance of 5 meters between us would make our emotional communication harder. It quickly turned out that people have the entire need to be listened to, to be noticed by somebody. It does not bother them that I was a stranger. Even sometimes it helped. They felt safe with me, they could step out from my film frame at any time and stop the conversation.

Some people like Pani Zosia and Robert show up often – are they the secret heroes of your film? Why did you choose to focus on them?

Already in the script of the film, I assumed that some characters would return to my film camera. They will become the main characters. Those whom viewers get to know better. Mrs. Zosia is our caretaker, she comes to clean our building every day. He is an unusual character of Sisyphus who is happy. The work makes the ultimate sense for her. At the beginning, Robert came to me for help. Then we got in touch and he started talking more about himself. He is an extremely sensitive hero with a very difficult life path. I was thinking of making a separate documentary about him.

What surprises did you encounter? Would you have imagined beforehand that people who are strangers to you would show you so much honesty, wisdom and openness?

I have received many valuable gifts from my movie heroes. They told me about their lives honestly and courageously. Some of them came back to the camera, we caught closer contact. People need to be noticed, they want to stop being invisible for a while and tell their story to someone. While waiting patiently on the balcony, I became a kind of secular confessional for them. They could always find me there and tell other people about themselves through my camera. Then we ceased to be strangers to each other, a bond was formed.

Do you ever think about how different your film would have been if you had made it during the Corona pandemic?

During the pandemic, I finished shooting “The Balcony Movie”, I quickly realized that the virus theme would take away the universality of this film. But then I made a short 10-minute film called “Masks and People”. I used the same ‘balcony’ method of storytelling in it. Passers-by told me about their fears and hopes during the 1st lockdown.

Did you have the opportunity to show the film to some of the protagonists?

Of course! Mrs. Zosia was at the premiere of the film, proud of her role, and waved her hand to the audience like the English queen. She then said that a lot of people on the street started saying “good morning!” The shy Agnieszka with a shopping cart and poles from the winter scene first came to the show alone. I think she liked herself in my film, because then she invited the whole family. Her mom said after the movie that she is very proud of her. So I hope the movie did some good to my characters’ lives as well. It was very important for me that the heroes saw each other on the screen and accepted their image.

Were you able to establish further contact with some of them outside your home?

After almost 3 years of making a movie from the balcony, I know almost all the neighbors, and they know me. Sometimes it is very nice. It was a kind of social experiment for the whole district. I have the impression that he has built people a sense that conversation is something natural and essential in their lives. Then came the pandemic and it turned out that what we miss most is contact with other people. As Hannah Arendt put it, “The world is not human because it’s inhabited by people, but because they talk about it together. Openness to others is a prerequisite for humanity”. 

Which possibilities (also in Germany) will there be to see your film?

You will be able to see the film next year at many festivals, including: Doc Point Helsinki January, Wiesbaden March, Docs Barcelona May and many others.

Are there already new projects planned?

Maybe a balcony in another city? 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the film “The Balcony Movie”

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