„The Balcony Movie“ (2021)

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Filmkritik: Wie lernt man andere Menschen kennen, auch wenn eine gewisse Distanz zwischen ihnen und einem selbst liegt? Mit dieser Frage haben sich sicher viele in der Corona-Pandemie beschäftigt. Doch der polnische Filmemacher Paweł Łoziński hat das bereits vor der Pandemie zur Ausgangsbedingung für „The Balcony Movie“ (Polen, 2021, OT: „Film Balkonowy“) gemacht und schuf so einen wunderschönen und berührenden Film, der auf dem 64. DOK Leipzig mit dem MDR-Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Im Jahr 2018 stellte der Filmemacher Paweł Łoziński eine Kamera auf seinen Balkon, sprach die vorbeiziehenden Menschen an, fragte sie nach ihrem Leben und nach der ein oder anderen Weisheit, welche sie ihm mit auf den Weg geben wollen. Dabei begegnete ihm die Menschen oft mehrmals, er lernte die Nachbarschaft auf ganz neue Weise kennen u.a. die Hausmeisterin Pani Zosai und auch den ehemaligen Gefängnisinsassen Robert, der dabei ist sich ein neues Leben aufzubauen. Über die Jahreszeiten knüpft der Regisseur Kontakte, erzählt aus dem Kosmos seiner Nachbarschaft und findet gleichzeitig das Universelle darin.

Noch vor Corona schuf der polnische Regisseur Paweł Łoziński (*1965), der bereits mit diversen Preisen ausgezeichnet wurde, einen Dokumentarfilm, der von seiner Machart her nicht Corona-konformer sein könnte, aber gleichzeitig auch das Bedürfnis nach menschlichem Kontakt – auch über die Distanz hinweg – zeigt. Mit großer Neugierde und seinem warmherzigen Wesen begegnet er seinen Nachbarn, grüßt sie freundlich und fragt sie nach ihrem Tag. Dabei bleiben viele stehen, sind ebenfalls neugierig und erzählen aus ihrem Leben. Über die Jahreszeiten begegnen uns auf dem Stück Fußweg Personen mehrmals, erzählen wie es ihnen in der Zwischenzeit ergangen ist und geben die ein oder andere Weisheit an den Regisseur und so auch die ZuschauerInnen weiter. Trotz der Distanz von fünf Metern schafft er es oft in die Seele seine GesprächspartnerInnen zu schauen und das Publikum ist bewegt von der Offenheit, mit der sie ihm begegnen. Auch die beiden stillen Helden des Films – Pani Zosia und Robert -, die immer wieder auftauchen, schaffen es eine emotionale Bindung zu erzeugen. Vor allem die Hausmeisterin Pani Zosia, welche sich unermüdlich und ohne sich zu beschweren, um das Haus kümmert, hat man schnell ins Herz geschlossen. Doch der Film ist nicht nur gefühlvoll, sondern auch oft amüsant und stets leichtfüßig. Die Wärme und das ernsthafte Interesse des Regisseurs an seinen Mitmenschen werden greifbar und übertragen sich auf das Publikum. Er fordert es auf, auch mal links und rechts zu schauen und neue Bekanntschaften zu wagen. Er belebt das Gefühl, dass wir alle Teil einer Gemeinschaft sind, die den Kontakt zueinander braucht, was auch die Pandemie noch einmal deutlich machte. Kein Wunder also, dass diese wunderbare Dokumentation auf dem 64. DOK Leipzig zu den absoluten Lieblingsfilmen des Publikums zählte. 

Fazit: Der Dokumentarfilm „The Balcony Movie“ ist ein persönlicher Film, in dem der Regisseur Paweł Łoziński die Menschen in seiner Nachbarschaft, welche den Fußweg vor seinem Balkon passieren, anspricht und so Kontakte knüpft. Überraschend und warmherzig ist das Portrait dieser Menschen, welche sich dem Regisseur öffnen oder auch nur mal grüßen aber von Zeit zu Zeit auch eine kleine Weisheit zurücklassen. Ein starker, leichtfüßiger Film, der die Liebe zum Leben und zu den Menschen, die uns meist unbemerkt umgeben, offenbart und so tief das Publikum berühren kann.

Bewertung: 9,5/10

Trailer zum Film „The Balcony Movie“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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