Sieben Fragen an Adam Martinec

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Interview: Im Gespräch mit dem tschechischen Regisseurs Adam Martinec konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Anatomie eines tschechischen Nachmittags“ (OT: „Anatomie ceského odpoledne“), der im Kurzfilmprogramm des 31. Filmfestivals Cottbus lief, erfahren, wie eine wahre Geschichte ihn inspirierte, er aber lieber vom Menschlichen per se erzählen will und in welchem Rahmen er den Film umsetzen konnte.

The original english language interview is also available.

Erzähl mir zum Ursprung deines Films – wahre Ereignisse stehen dahinter, richtig?

Ich wurde von wahren Ereignissen inspiriert, die 2018 passiert sind. Zwei Jungen starben unter merkwürdigen Umständen, und die tschechischen Medien berichteten über die Geschichte. Von Anfang an wurde ein Narrativ der Vernachlässigung der Aufsichtspflicht verbreitet, aber später wurde alles immer komplizierter. Ich habe mich auf das Wesentliche beschränkt – zwei Jungen werden vermisst. Ich wollte nicht noch eine weitere Tragödie parasitieren, und deshalb habe ich keine weiteren echten Details übernommen. Ich wollte einfach eine Geschichte erzählen, in der nicht jeder hilfreich ist, und versuchen, die tschechischen Menschen so darzustellen, wie ich sie kenne. 

Als ZuschauerIn ist man lange im Unklaren in welche Richtung der Film verlaufen wird – anfänglich besitzt er etwas Komödiantisches. Was war Dir bei der Erzählung wichtig – auf welche Aspekte wolltest Du Deinen Finger legen?

Ich nehme die Welt um mich herum als eine Kombination aus fatalen und banalen Elementen des Lebens wahr, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort passieren. Als Drehbuchautor habe ich versucht, eine gute Geschichte zu erzählen, als Regisseur lege ich Wert auf Authentizität. Alles andere ist reine Intuition und ich habe nur sehr wenig Kontrolle darüber, aber ich weiß, dass ich es mag, wenn menschliche Dummheit lustig aussehen kann.

Kannst Du mir etwas zur Umsetzung erzählen – wie lange habt ihr gedreht und wo?

Wir hatten acht Drehtage, drei Wettertage. Wir drehten nur in der Zeit von Freitag bis Sonntag, um so viele Statisten wie möglich am Strand zu haben. Glücklicherweise habe ich einen Drehort gefunden, der nur 30 Minuten von Prag entfernt ist und im Grunde kostenlos war. Wir wurden auch von der tschechischen Filmstiftung unterstützt, und das war hauptsächlich der Grund für die sehr professionellen Bedingungen, die wir hatten. Ich hatte das Gefühl, dass alles möglich war, und das war einfach großartig – natürlich dank meiner Crew und meines Produzenten. 

Wie war es mit so vielen DarstellerInnen und Statisten zu drehen? Wie hast Du Deinen Cast zusammengestellt?

Es gibt keine Szene, in der so viele Schauspieler zu sehen sind, also war es einfach. Die Statisten waren eine Herausforderung, aber ich hatte einfach eine tolle Crew: Die großartigen Regieassistenten Marek Čermák, Miroslav Ondruš, Petr Pylypčuk und Terezia Halamová. An jedem Drehtag gab es mindestens zwei Assistenten – einen für die Statisten und einen für die Crew. Am Ende des Tages hat es Spaß gemacht. 

Was lag Dir visuell am Herzen? Greifst Du auf Vorbilder zurück?

Ich habe meinen DOP wirklich gezwungen, einen Weg zu finden, einen warmen Tag einzufangen, und dann habe ich überlegt, wie ich den Betrachter verwirren kann. Deshalb werden Schuss-Gegenschuss-Aufnahmen nicht häufig verwendet. Ich halte nichts von visuellen Anspielungen auf andere Filme. Ich denke, das ist ein Weg, die kreativen Fähigkeiten der DOPs zu missachten. Wir führten viele Kameratests durch und diskutierten dann über die Form, die wir erreichen wollten. 

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich komme aus einer sehr kleinen Stadt, und in meiner Familie gibt es niemanden, der sich in irgendeiner Weise mit Kunst beschäftigt. Ich habe mein Studium an der FAMU im Alter von 26 Jahren begonnen. Es war ein sehr krummer Weg, aber ich fühle mich sehr glücklich, dass ich das tun kann, was ich wirklich liebe. Es ist lustig, dass meine ländliche Herkunft sogar in meinen Filmen eine große Rolle spielt. Mein einziges Lebensziel ist es, so frei wie möglich zu sein – persönlich und kreativ. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich möchte im März einen weiteren Kurzfilm drehen und im Herbst mein Spielfilmdebüt geben. Daumen drücken! Natürlich gibt es noch ein paar andere Projekte und Drehbücher, an denen ich arbeite, aber die Zukunft dieser Projekte ist noch in weiter Ferne.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Anatomie eines tschechischen Nachmittags


Interview:  In a conversation with Czech director Adam Martinec, we were able to learn more about his short film “Anatomy of a Czech Afternoon” (OT: “Anatomie ceského odpoledne”), which was screened in the short film program of the 31st Cottbus Film Festival, how a true story inspired him, but how he prefers to tell about the human condition as such, and in which setting he was able to realize the film.

Tell me about the origin of your film – true events are behind it, right?

I was inspired by true events that happened in 2018. Two boys died under weird circumstances and Czech media covered the story. From the beginning they pushed a narrative of neglect of responsibility but later on it was all more and more complicated. I kept just the basics – two boys are missing. I didn’t want to parasitize another tragedy and that is why I didn’t keep any real stuff. I just wanted to tell a story where not everyone is helpful and trying to portray Czech people as I know them. 

As a viewer you are not sure for a long time in which direction the film will go – at the beginning there is something comedic about it. What was important to you in the narration – which aspects did you want to focus on?

I perceive the world around me as a combination of fatal and banal elements of life happening at the same time in the same place. As the scriptwriter I was trying to tell a good story, as a director I am focusing on authenticity. Everything else is just intuition and I have very little control over it, but I know that I like the way human stupidity can look funny.

Can you tell me about the realization – how long did you shoot and where and how was it? 

We had eight shooting days, three weather days. We shoot just during some time from Friday to Sunday to have as many extras as possible on the beach. Fortunately enough I found a location just 30 minutes from Prague and it was basically for free. We were also supported by the Czech Film Found and mainly that was the reason for the very professional conditions we had. I felt that everything was possible and that was just great – of course thanks to my crew and producer. 

What was it like shooting with so many actors and extras? How did you assemble your cast?

There is no scene where there are that many actors in shot, so it was easy. Extras were challenging but I just had a great crew. Great ADs Marek Čermák, Miroslav Ondruš, Petr Pylypčuk and Terezia Halamová. Every shooting day there were at least two assistants – one for the extras and one for the crew. At the end of the day it was fun. 

What was visually important to you? Did you draw on role models?

I was really forcing my DOP to find a way to capture a warm day and then I was thinking about how to disorient the viewer. That is why shot/reverse shots aren’t frequently used. I don’t believe in visual references to other movies. I think it is a way to disrespect DOP creative abilities. We are doing a lot of camera tests and then discussing the form we want to reach. 

Can you tell me a bit more about yourself at the end and how you came to film?

I am from a very small city and in my family there is no one who is doing art in any sense. I started my studies at FAMU at age 26. It was a very crooked way but I feel very fortunate to be able to do what I really love. it is funny that my rural origin is very fundamental even in my movies. My only life goal is to be as free as possible – personally and creatively. 

Are there already new projects planned?

I want to make another short film in March and a feature debut in the fall. Fingers crossed! Of course there are few other projects and scripts I am working on but the future of those is much more in the distance.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “Anatomy of a Czech Afternoon

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