Acht Fragen an Lars Mulle

Interview: Im Gespräch mit dem schweizer Regisseur Lars Mulle konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Fish Fingers“, der im Programm ‚Narrative Shorts‘ des 28. Slamdance Film Festivals, erfahren, wie und wo er seinen Abschlussfilm umsetzen konnte und wie er seine Geschichte über Freibad kurz vor der Schließung im Herbst fand. 

Erzähl mir bitte mehr zum Ursprung für deinen Kurzfilm „Fish Fingers“? Sind es skurrile Anekdoten aus dem wahren Leben?

Im Sommer 2020 besuchten mich meine litauischen Freunde Rokas Sydeikis (Kamera) und Jurga Andzeviciute (Kostüm) im Dorf meiner Kindheit am Vierwaldstädtersee. Wir lagen dort wochenlang im kleinen Freibad. 

Uns fiel eine ältere Frau auf, die sich jeden Tag mit der Luftmatratze in die pralle Sonne warf. Sie war immer schon da, wenn wir kamen, und blieb auch noch lange nach uns zurück. Wir sahen sie oft auch noch in der Dämmerung auf dem Wasser treiben, wenn wir auf einer Dachterrasse mit Seeblick grillierten. 

Irgendwann wurde es Herbst und das Freibad leerte sich. Die letzten Badegäste teilten sich die Wiese mit dem gefallenen Laub. Die Dame mit der Luftmatratze erschien immer noch täglich. Das Bild dieser Frau, die sich zwischen dem Laub in der Herbstsonne versucht zu bräunen, wollte ich irgendwie filmisch festhalten.

Das Episodenhafte in der Erzählart gefiel mir sehr gut – wie kam es dazu?

Mir kamen die fünf Sterbephasen von Elisabeth Kübler Ross in den Sinn. In diesem Modell durchlebt eine sterbende Person vor ihrem Tod verschiedene Phasen: Nicht-Wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Depression und erreicht am Schluss bestenfalls die Akzeptanz. Ich dachte, vielleicht durchlebt ein Freibad am Ende der Saison etwas ähnliches. Ich wollte verschiedene Figuren zeichnen, die alle etwas unterschiedlich mit der unfreiwilligen Veränderung ihrer Routine umgehen.

In welchem Rahmen konntest Du Deinen Kurzfilm realisieren?

Der Film entstand als Diplomfilm im letzten Jahr meines Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste. 

Wo habt ihr gedreht und wie lange hattet ihr dafür Zeit?

Wir fanden mit dem Dolder Bad in Zürich die ideale Location für die Geschichte. Wir hatten dort einen Vorbereitungstag, wo wir das Bistro einrichteten, Laub sammelten und einen Schiedsrichterstuhl vom Tennisplatz vors Pool schleppten. Gedreht haben wir dann zwei Tage.

Was lag Dir visuell am Herzen? Hast Du auf Vorbilder referenziert?

Visuell wollten wir nostalgische Postkarten kreieren, die aber schon etwas an Lebensfreude verloren haben. 

Dein Cast ist wunderbar – wie hast Du ihn zusammengestellt?

Der Cast ist eine bunte Mischung aus ausgebildeten SchauspielerInnen, Laien und SchulfreundInnen, die zum ersten Mal vor der Kamera standen. Die meisten Rollen habe ich während dem Schreibprozess schon mental gecastet und hatte Glück, dass viele dann auch wirklich verfügbar und motiviert waren.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist.

Ich wurde 1995 in Luzern (Schweiz) geboren und bin wenig entfernt in Merlischachen aufgewachsen. Im Gymnasium experimentierte ich mit 2D-Animations- und Stop-Motion-Filmen und erstellte als Maturaarbeit einen  drei-minütigen Animationsfilm. Nach der Matura besuchte ich 2016 den Filmstudiengang an der Zürcher Hochschule der Künste, wo ich die Regie für mich entdeckte. Im Sommer 2021 schloss ich mit dem Bachelor ab. Zur Zeit wohne und arbeite ich in Zürich.

Sind bereits neue Projekte geplant? 

Ich bin Teil eines kleinen Kollektivs von Film- und Kunstschaffenden. Unter dem Arbeitstitel „Swissmess“ schreiben wir absurde Parabeln zu aktuellen Themen, die in der Schweiz brodeln, mit dem Ziel einen Episodenfilm auf die Beine zu stellen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Fish Fingers

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