Sieben Fragen an Kate McMullen

Interview: Im Gespräch mit der französischen Regisseurin Kate McCullen konnten wir mehr über ihren wunderbaren Kurzfilm „Little Berlin“ erfahren, der auf dem 28. Slamdance Film Festival zu sehen war, wie sie zur ihrer Doku-Komödie fand, wie schwierig es ist mit Kühen zu drehen und wie sie schlussendlich auch noch Christoph Waltz („Inglourious Basterds“ (2009), „James Bond 007 – Spectre“ (2015), „Alita: Battle Angel“ (2019)) zu dem Projekt dazu stieß.

The original english language interview is also available.

Wie bist Du auf das Dorf Mödlareuth gestoßen und wie ist daraus eine Filmidee entstanden.

Im Jahr 2019, als die Welt den 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer feierte, stolperte ich in einem Presseartikel über das Dorf Mödlareuth. Ich hatte noch nie davon gehört, obwohl es in Deutschland recht bekannt zu sein scheint und jährlich 80.000 Touristen anzieht. Als ich anfing, ein wenig mehr darüber zu lesen, fiel mir in einem Buch ein Satz auf, der mich innehalten ließ: Der Dorfbulle Peter war durch die neue Grenze durch das Dorf von seinen Kühen getrennt worden. Das erschien mir so absurd, dass ich einfach einen Film darüber machen musste – es war für mich unmöglich, NICHT einen Film darüber zu machen!

In welches Genre würdest Du Deinen Film selbst einordnen?

Für mich ist es eine Doku-Komödie. Es ist eine wahre Geschichte, aber die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion sind fließend. Es war schwierig, die Psychologie eines Stiers mit gebrochenem Herzen zu erforschen, ohne ein bisschen kreativ zu werden! Abgesehen davon sind einige der absurdesten Aufnahmen im Film tatsächlich echtes Archivmaterial. Zum Beispiel der Mann, der sich neben der 12 Fuß hohen Mauer sonnt, die seinen Garten durchschneidet. Manchmal ist die Wahrheit seltsamer als die Fiktion! 

Wie und wo habt ihr euren Film realisieren können?

Wir haben zwei Wochen lang mit einer Herde schöner Kühe in Wales gezeltet, wo es viel regnet. Wir haben ein paar Tage in Mödlareuth gefilmt, wo ein Stück der Mauer noch als Teil eines Freilichtmuseums existiert. Wir fanden alte Bauernhäuser im Elsass und süße Enten und Schweine in der Normandie. Es war ein sehr kleiner Dreh – ich bediente die Black Magic Pocket Kamera selbst und mein Produzent verkleidete sich als verschiedene russische und ostdeutsche Soldaten! 

Der größte Teil des Archivmaterials stammt von dem verstorbenen Fotojournalisten Arndt Schaffner, der das Leben in Mödlareuth während des Kalten Krieges akribisch dokumentiert hat. Sein Werk ist online einsehbar, und seine Familie hat uns freundlicherweise die Erlaubnis erteilt, es zu verwenden. 

Was lag Dir visuell am Herzen?

Mich reizte die Absurdität der Geschichte und des Schauplatzes, und so wollte ich die riesige Betonmauer, den Wachturm und die Panzer so unpassend wie möglich inmitten des fröhlichen Vogelgezwitschers und der friedlichen Weidehaltung des Dorfes erscheinen lassen. Und ich wollte die tragische Einsamkeit des armen Peter unterstreichen. Es gibt eine Szene, in der er so deprimiert ist, dass er stocksteif und allein auf seinem Feld steht, während der Rest der Welt in Protest und Krieg versinkt.  

 Wie war es mit den Kühen zu drehen?

Kühe sind nicht die besten Schauspieler. Das weiß ich jetzt. Sie verbringen viel Zeit mit Fressen, was nicht sehr hilfreich ist. Aber hin und wieder wird eine Kuh auf unerklärliche Weise ausdrucksstark. Plötzlich huscht ein Ausdruck des Schreckens oder der Trauer oder des Zynismus über ihr Gesicht. Ich habe keine Ahnung, was in diesem Moment in ihrem Kopf vor sich geht, aber die Bilder sind Gold wert. Ich war wie besessen davon, diese Ausdrücke einzufangen, die nur ein- oder zweimal am Tag vorkamen. Wenn man sie zusammenschneidet, kann man eine ziemlich emotionale Geschichte über den Herzschmerz von Rindern erzählen. 

Wie kam Christoph Waltz als Sprecher ins Spiel?

Von Beginn des Projekts an war es unser Traum, Christoph als Erzähler zu haben. Er ist zynisch, witzig, ein wenig distanziert – er schien einfach die perfekte Person für diese satirische Geschichte zu sein. Aber ich hätte nie gedacht, dass er tatsächlich ja sagen würde! 

Als der Schnitt fertig war, schickten wir einen Teaser an Christophs Agentin in Berlin. Am nächsten Tag antwortete sie, dass Christoph das Projekt charmant fand und gerne mitmachen würde. Ich bin fast umgefallen. 

Wir haben nur eine Stunde mit Christoph in der Film & Fernseh Synchron Berlin aufgenommen. Er war genau so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte – höflich, freundlich und äußerst professionell. Er hat mir einige wunderbare Komplimente über den Film gemacht und sich wirklich Zeit genommen, um die Erzählung richtig hinzubekommen. Ich hoffe, Du stimmst mir zu, dass er einen tollen Job gemacht hat. 

 Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich interessiere mich für die Folgen politischer Entscheidungen im Allgemeinen – die Art und Weise, wie sich willkürliche oder eigennützige Maßnahmen auf normale Menschen auswirken. Der Brexit war das beste Beispiel dafür in meinem Leben, und als leidender Brite bin ich versucht, das für mein nächstes Projekt zu untersuchen…  

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Little Berlin


Interview:  In a conversation with French director Kate McCullen, we were able to learn more about her wonderful short film “Little Berlin“, which was screened at the 28th Slamdance Film Festival, how she found her docu-comedy, how difficult it is to shoot with cows and how she eventually had Christoph Waltz (“Inglourious Basterds” (2009),  “James Bond 007 – Spectre” (2015), “Alita: Battle Angel” (2019)) join the project.

How did you come across the village of Mödlareuth and how did a film idea emerge from it?

In 2019, when the world was celebrating the 30th anniversary of the fall of the Berlin Wall, I stumbled across the village of Mödlareuth in a press article. I hadn’t heard of it, although it seems to be quite well known in Germany and attracts 80,000 tourists a year. When I started reading a bit more about it, there was one sentence in a book that stopped me in my tracks: the village bull, Peter, had been separated from his cows by the new border through the village. This seemed to me so completely absurd, that I simply had to make a film about it – it was impossible for me NOT to make a film about it!

In which genre would you yourself classify your film?

For me it’s a docu-comedy. It’s a true story, but the lines between fact and fiction are blurred. It was difficult to explore the psychology of a heart-broken bull without getting a bit creative! That said, some of the more absurd shots in the film are in fact real archival footage. For example, the man sunbathing next to the 12 foot wall which cuts through his garden. Sometimes the truth is stranger than fiction! 

How and where were you able to realize your film?

We spent two weeks camping with a herd of beautiful cows in Wales, where it rains a lot. We filmed for a few days in Mödlareuth, where a piece of the wall still exists as part of an open air museum. We found old farm buildings in Alsace and cute ducks and pigs in Normandy. It was a very small-scale shoot – I operated the Black Magic Pocket camera myself and my producer dressed up as various Russian and East German soldiers! 

Most of the archive footage was shot by the late Arndt Schaffner, a photojournalist who meticulously documented life in Mödlareuth during the Cold War. His work is viewable online, and his family kindly gave us permission to use it. 

What was visually close to your heart?

I was attracted to the sheer absurdity of the story and the setting, so I wanted to make the huge concrete wall, watch tower, and tanks feel as incongruous as possible amongst the blissful tweeting birds and peaceful grazing of village life. And I wanted to emphasise the tragic loneliness of poor Peter. There is one scene where he is so depressed that he just stands stock still, alone in his field, while the rest of the world is ablaze with protest and war.  

 How was it to film with the cows?

Cows aren’t the best actors. I know this now. They spend a lot of time eating, which isn’t very helpful. But every now and then, a cow becomes inexplicably expressive. Suddenly, a look of terror or grief or cynicism comes over her face. I have no idea what is going on in her head during that moment, but they are film gold. So I became obsessed with catching these expressions, which only happened once or twice a day. When you cut them together, you find you can tell quite an emotional story about a bovine heart-break. 

How did Christoph Waltz come into play as the narrator?

From the beginning of the project, it was our dream to have Christoph narrating. He’s cynical, witty, a little detached – he just seemed to be the perfect person for this satirical story. But I never thought he would actually say yes! 

When the edit was finished, we sent a teaser to Christoph’s agent in Berlin. The next day, she replied saying Christoph found the project charming and was happy to do it. I nearly fell over. 

We spent just an hour recording with Christoph at Film & Fernseh Synchron Berlin. He was exactly as I had imagined – polite, kind and extremely professional. He gave me some wonderful compliments about the film, and really took his time to get the narration right. I hope you agree, he did an amazing job. 

 Are there any new projects already planned?

I’m interested in the consequences of political choices more generally – the way arbitrary or self-serving policies impact ordinary people. Brexit has been the biggest example of this in my lifetime, and as a suffering Brit, I’m tempted to dig into that for my next project…  

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “Little Berlin

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