Zehn Fragen an Stéphane Manchematin und Serge Steyer

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit den beiden französischen Regisseuren Stéphane Manchematin und Serge Steyer konnten wir mehr über ihre Dokumentation „Suzanne from Day to Day“ (OT: „Suzanne jour après jour“) erfahren, die ihre Weltpremiere auf dem 66. DOK Leipzig 2023 feierte, wie sie Suzanne kennengelernt haben, wie es war, vor Ort mit ihr zu drehen und was man als Zuschauer:in von Suzanne und ihrem Leben lernen kann.

The original english language interview is also available.

Wie habt ihr Suzanne kennengelernt und was hat euch daran gereizt, ihr Leben zu porträtieren?

Jedes Mal, wenn wir einen neuen Film beginnen, wollen wir das Kinoerlebnis, das wir dem Zuschauer bieten, weiter ausbauen. Eine existenzielle Erfahrung, die mit den Möglichkeiten der gestreckten Zeit und der Stille spielt. Eine Einladung, unserer Figur so nahe wie möglich zu kommen.

Nach Patrick Neu (für den Film „Le Complexe de la salamandre“) und Marc Namblard (für den Film „In the Stillness of Sound“) ist Suzanne Claudel die dritte Figur, die in den Vogesen lebt und um die wir einen Film gebaut haben. Es war Marc Namblard, der uns Suzanne 2019 vorstellte, und wir waren sofort von ihrer Art zu sein, ihrer Lebensweise und der Umgebung, in der sie lebt, fasziniert. Suzanne nimmt das Leben, wie es kommt, mit einer sehr einfachen Formel: „Wir werden sehen!“ Suzanne ist sehr fröhlich, sie lacht viel.

Ihr habt über ein ganzes Jahr gedreht – wie oft wart ihr vor Ort? Habt ihr auch dort übernachtet und so das Leben in den Vogesen hautnah erlebt?

Wir haben etwas mehr als ein Jahr lang gefilmt, zu jeder Jahreszeit, denn Suzannes Leben richtet sich nach den Jahreszeiten. Wir haben etwa dreißig Tage dort verbracht, oft ein paar Tage hintereinander, manchmal einen einzelnen Tag.

Wir haben nie in ihrem Haus geschlafen, zum einen, weil das Haus aus drei Räumen besteht: dem Wohnzimmer, der Küche und ihrem Schlafzimmer, aber vor allem, weil wir Suzannes Privatsphäre und ihre Ruhe respektieren wollten. Wir kamen morgens an (Suzanne steht mit der Sonne auf) und unsere Tage endeten mit dem abendlichen Aperitif, den sie uns stets anbot. Danach verabschiedeten wir uns und suchten uns ein Haus, in dem wir die Batterien unserer Geräte wieder aufladen und die Aufnahmen des Tages ansehen konnten.

Wenn man, wie wir es taten, den Alltag von Suzanne teilt, hat man das seltsame Gefühl, diesen für die Kindheit typischen Zeitfluss wiederzuentdecken und zu erleben. Bei Suzanne sind die Tage „lang“. Wir erleben eine Art Gefühl der wiedergefundenen Zeit.

Was die Vogesen betrifft, so sind sie seit unserer Kindheit unser Spielplatz. Da wir aus Metz und Straßburg stammen, haben wir als Kinder die meisten unserer Ferien in den Vogesen verbracht.

Könntet ihr euch selbst so ein Leben in Abgeschiedenheit vorstellen?

Wir hatten bereits Menschen getroffen und gefilmt, die abseits der Gesellschaft oder in der Natur leben. Wir waren also nicht von diesem Aspekt von Suzannes Leben überrascht, sondern eher von ihrer Art, großzügig und unermüdlich heiter zu sein. Was ihre Einsamkeit betrifft, so ist sie nur relativ. Natürlich lebt Suzanne allein, aber sie ist nicht isoliert. Ihre Tür steht immer offen, sowohl für Familienangehörige als auch für Besucher, ob bekannt oder unbekannt. Unmöglich, bei Suzanne vorbeizukommen, ohne etwas zu trinken. Im Sommer kocht sie Dutzende Töpfe mit Marmelade, von denen die meisten verschenkt werden.

Was lag euch am Herzen, was sollen die Menschen aus dem Film mitnehmen?

Wir wollen dem Zuschauer ein Erlebnis bieten: eineinhalb Stunden in der Gesellschaft einer Frau zu verbringen, die wir für außergewöhnlich halten. Für uns verkörpert und verwirklicht sie gewollte Einfachheit, eine Haltung, die uns in der heutigen Zeit als die einzig vernünftige erscheint.

Vor einigen Jahrzehnten mag Suzannes Lebensstil archaisch erschienen sein, heute erscheint uns ihr Lebensstil bahnbrechend, da er zwischen dem Wesentlichen und dem Überflüssigen unterscheidet. Für Suzanne liegt das Glück woanders als in materiellen Gütern.

Es scheint uns, dass wir von Suzanne und ihrer Lebenserfahrung viel lernen können: 

  • Glückliche Nüchternheit
  • Nicht zu überladen werden
  • Zeit zurückgewinnen
  • Offenheit entwickeln

Die Art und Weise, wie Suzanne ihr Leben lebt, ist für uns beispielhaft für ein schwindendes Verhältnis zur Zeit, für ein einfaches Verhältnis zur Existenz, für einen Konsum, der sich auf das Wesentliche beschränkt, für ein spontanes, respektvolles Verhältnis zur Umwelt.

Euer Film erzählt viel durch Alltagsbeobachtungen, aber auch durch Unterhaltungen mit Suzanne direkt. Wie viel Material habt ihr im Gesamten aufgenommen und was war euch beim Schnitt wichtig, vor allem was die Balance dieser verschiedenen Szenen angeht?

Wir haben etwa zweihundert Stunden an Material gedreht, was etwa fünfzig Sequenzen entspricht. Beim Schnitt suchen wir nach einem roten Faden, der die wichtigsten Sequenzen miteinander verbindet. Das war ein langer Dekantierungs-Prozess, der auch mehr als ein Jahr dauerte. Insbesondere mussten wir ein Gleichgewicht und einen Verlauf zwischen den Momenten finden, die Suzanne allein mit sich selbst verbrachte, und denen, in denen sie mit anderen Menschen interagiert.

Was lag euch visuell am Herzen?

Für die Innenszenen hatten wir die Hell-Dunkel-Malerei des lothringischen Malers Georges de la Tour im Sinn, aber auf einer allgemeineren Ebene geht es uns um die Frage der Zeit, ihre Ausdehnung und den Raum, der freizugeben ist, damit der Zuschauer auch die Klangkonstruktion des Films hören kann. Es ist diese Beziehung zwischen Bild und Ton in einer bestimmten Zeitlichkeit, welche die Ästhetik unserer Filme ausmacht.

 

Hat Suzanne den Film schon gesehen und wenn ja, was sagt sie dazu?

Suzanne hat den Film natürlich gesehen. Sie hat uns sogar bei den ersten Kinovorführungen des Films begleitet. Suzanne hat sich in dem Porträt, das wir von ihr gemacht haben, wiedererkannt. Sie reagierte nicht mit einer Art ‚verlegenem Ego‘, wie es oft bei Menschen der Fall ist, die sich selbst auf der Leinwand entdecken. Ihre Sorglosigkeit und Bescheidenheit haben dazu geführt, dass sie ihr Porträt mit sehr zurückhaltenden Gefühlen aufnahm.

Als wir ihr mitteilen, dass es viele äußerst positive und begeisterte Rückmeldungen zum Film gibt, lacht sie (wie so oft, im Film wie im Leben) und fügt hinzu: „Umso besser, wenn es sich gut anfühlt!“ Wir könnten noch hinzufügen, dass unser Film in gewisser Weise den Begriff des Porträts selbst in Frage stellt (man denke an die Art und Weise, wie der Film beginnt, man denke an die Intervention des Fotografen usw.).

Könnt ihr noch kurz erzählen wie ihr zusammen gefunden habt und wie ihr zum (Dokumentar-)Film gekommen seid?

Wir begannen unsere Zusammenarbeit im Jahr 2000 in Metz mit einem Porträt des französischen Ökologen Jean-Marie Pelt. Seitdem haben wir bei etwa zehn Filmen zusammengearbeitet, allesamt Dokumentarfilme.

Wisst ihr schon, wann und wie man euren Film in Deutschland sehen werden kann?

Nein.

Habt ihr schon neue Projekte geplant?

Natürlich.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Suzanne from Day to Day 


Interview: In our conversation with the two French directors Stéphane Manchematin and Serge Steyer, we learned more about their documentary „Suzanne from Day to Day“ (OT: „Suzanne jour après jour“), which celebrated its world premiere at the 66th DOK Leipzig 2023, how they got to know Suzanne, what it was like to shoot with her on location and what viewers can learn from Suzanne and her life.

How did you get to know Suzanne and what attracted you to portraying her life?

Each time we start a new film, we want to push the cinema experience we offer the viewer further. An existential experience playing on the registers of dilated time and silences. An invitation to get as close as possible to our character.

After Patrick Neu (for the film „Le Complexe de la salamandre“) and Marc Namblard (for the film „In the Stillness of Sound“), Suzanne Claudel is the third character living in the Vosges around whom we are building a film. It was Marc Namblard who introduced us to Suzanne in 2019, and we were immediately seduced by her way of being, her way of life and the environment in which she lived. Suzanne takes life as it comes, with a very simple formula: „We’ll see!“. Suzanne is very happy, she laughs a lot.

You shot over the course of a year – how often were you on location? Did you also spend the night there and experience life in the Vosges up close?

We filmed for a little over a year, in each season, because Suzanne’s life is regulated by the seasons. We spent around thirty days there, often a few consecutive days, sometimes an isolated day.

We never slept at her house, firstly because the house consists of three rooms: the living room, the kitchen and her bedroom, but above all because we wanted to respect Suzanne’s privacy and tranquility. We arrived in the morning (Suzanne rises with the sun) and our days ended with the evening aperitif that she systematically offered us. After which we took our leave and found a house where we could recharge the batteries of our devices and watch the day’s rushes.

Sharing, as we did, Suzanne’s daily life provides a strange feeling of rediscovering and experiencing again this flow of time specific to childhood. At Suzanne’s, the days are ‚long‘. We experience a sort of sensation of rediscovered time.

As for the Vosges, it has been our playground since childhood. Being from Metz and Strasbourg, it was in the Vosges that we spent most of our holidays when we were children.

Could you imagine such a life in seclusion?

We had already met and filmed people who live away from society, in nature. We were therefore not surprised by this aspect of Suzanne’s life, but rather by her way of being, generous and unfailingly serene. As for his solitude, it is only relative. Of course, Suzanne lives alone, but she is not isolated. His door is always open, both to members of his family and to visitors, known or unknown. Impossible to stop by Suzanne’s without having a drink. In summer, she prepares dozens of pots of jam, most of which will be given away.

What was important to you, what do you want people to take away from the film?

We want to offer the viewer an experience: spending an hour and a half in the company of a woman who we consider exceptional. For us, it embodies and implements voluntary simplicity, an attitude which seems to us to be the only one that is reasonable in the current state of things.

A few decades ago, Suzanne’s lifestyle might have seemed archaic, today, her lifestyle seems pioneering to us, in that it distinguishes between the essential and the superfluous. For Suzanne, happiness lies elsewhere than in material goods.

It seems to us that we can learn a lot of things from Suzanne and her life experience: 

  • Happy sobriety
  • Don’t get too cluttered,
  • Reclaiming time
  • Develop your open-mindedness

For us, Suzanne’s way of ‚living life‘ is exemplary of a relationship with time that is disappearing, of a simple relationship to existence, of consumption which is limited to essential needs, of a spontaneously respectful relationship with the environment.

Your film tells a lot through everyday observations, but also through conversations with Suzanne directly. How much footage did you shoot in total and what was important to you in editing, especially in terms of balancing these different shots?

We shot around two hundred hours of rushes, the equivalent of around fifty sequences. During editing, we look for the common thread that connects the most significant sequences. It is a long decanting process which also lasts more than a year. In particular, we had to find a balance and progression between the moments that Suzanne spends alone with herself, and those where she interacts with other people.

What was important to you visually?

For the interior scenes, we had in mind the chiaroscuros of the Lorraine painter Georges de la Tour, but on a more general level, what concerns us is the question of time, its stretching and space to be released so that the viewer can also listen to the sound construction of the film. It is in this relationship between image/sound in a certain temporality that makes up the aesthetics of our films.

Has Suzanne seen the film yet and if so, what does she say about it?

Suzanne has of course seen the film. She even accompanied us during the first theatrical screenings of the film. Suzanne recognized herself in the portrait we made of her. She did not have a ‚misplaced ego‘ type reaction, as is often the case with people who discover themselves on screen. Her carelessness and modesty meant that she received her portrait with very restrained emotion.

When we inform her that there is a lot of extremely positive and enthusiastic feedback on the film, she laughs (as she often does, in the film as in life) and adds: „So much the better if it feels good!“ We could add that, in a certain way, our film questions the very notion of portrait (think of the way in which the film begins, think of the intervention of the photographer, etc.)

Can you briefly tell us how you got to work together and how you came to (documentary) film?

We started working together in 2000 in Metz, on a portrait of the French ecologist Jean-Marie Pelt. Since then, we have collaborated on around ten films, all documentaries.

Do you know when and how your film will be shown in Germany?

No

Do you have any new projects planned?

Of course

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the movie „Suzanne from Day to Day

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