Berlinale Shorts 2024

Doreen Kaltenecker
Letzte Artikel von Doreen Kaltenecker (Alle anzeigen)

15. bis 25. Februar 2024 / Berlin

Shorts-Publikum im CUBIX

Festivalbericht: Auch in diesem Jahr war die Sektion ‚Berlinale Shorts‘ ein fester Bestandteil der 74. Berlinale, die sich auch über stets gut ausgebuchte Kinosäle freuen konnte. Die Kuratorin Anna Henckel-Donnersmarck suchte dafür 20 Kurzfilme aus 12 Ländern aus, lud alle Filmemacher:innen ein, so dass man vor Ort nicht nur die Filme entdecken, sondern auch im Anschluss immer mehr über die Filme erfahren konnte, was das Filmerlebnis intensivierte. 

Francisco Lezama („An Odd Turn“)

Unter den 20 Kurzfilmen gab es sieben Animationsfilme, fünf dokumentarische Formen und acht Spielfilme. Die Filme unterscheiden sich in ihrer Länge, ihrem Stil und ihrer künstlerischen Herangehensweisen voneinander. Trotzdem korrespondierten sie in manchen Blöcken auf gelungene Art und Weise miteinander, da sie sich mit ähnlichen Themen beschäftigten oder einen ähnlichen emotionalen Grundton besaßen. Gleich zwei Spielfilme erhielten den Goldenen sowie Silbernen Bären. „An Odd Turn“ konnte den Hauptpreis für den Besten Kurzfilm erhalten. Darin erzählt der argentinische Regisseur Francisco Lezama von dem Zwischenmenschlichen und diversen Jobs in der flirrenden Hitze der Stadt Buenos Aires. Die Hitze eines Tages spielt auch eine Rolle beim Gewinner des Silbernen Bären,Remains of the Hot Day“ von Wenqian Zhang. Die Regisseurin erzählt dabei von eigenen Erinnerungen, familiären Strukturen und dem Gefühl eines Sommertages. Auch in anderen Filmen wie „Bye Bye Turtle“ ging es um Familie und wie manchmal Verbindungen entstehen, wo man sie nicht erwartet. Der Film „Wandering Bird“ beschäftigt sich darüber hinaus mit dem Thema Verlust, Schuld sowie deren Aufarbeitung und findet dafür einen ruhigen, aber gelungenen Weg.

Wenqian Zhang („Remains of the Hot Day“)

So wie „Remains of the Hot Day“ sich aus eigenen Erinnerungen speist, haben viele weitere Filme persönliche Bezüge: „Stadtmuseum“ von Boris Dewjatkin, der darin Berlin auf seine eigene Art der erkundet, und „That’s All from Me“ von Eva Könnemann, die darin wunderbar reale Aufnahmen mit einem fiktiven Briefwechsel kombiniert und so einen gelungenen Hybriden schuf. Letzterer ist zudem auch der Kandidat der Berlinale für den Europäischen Kurzfilmpreis. Das Dokumentarische und die Inszenierung sind auch Bestandteile beim neuesten Film von Pavel Mozhar („Handbuch“): In „Ungewollte Verwandtschaft“ beschäftigt er sich diesmal mit seiner erprobten Art des Nachstellens mit dem der russischen Invasion in der Ukraine. Auch der chilenische Film „Towards the Sun, Far from the Center“ verwendet die dokumentarische Form, reale Drohnenaufnahmen als lange Plansequenzen, um die Liebe zur Stadt Santiago zu zeigen, gleichzeitig aber auch eine queere Liebesgeschichte zu erzählen. Der Film „City of Poets“ der niederländisch-iranischen Regisseurin Sara Rajaei beschäftigt sich mit der Historie einer Stadt und zeigt, wie Veränderungen nach und nach die Freiheit der Einwohner:innen begrenzen.  

Joung Yumi („Circle“)

Mit sieben Animationsfilmen war auch dieser Bereich stark vertreten. Besonders in Erinnerungen blieben dabei die beiden schwarz-weiß Kurzfilme „Circle“ der südkoreanischen Filmemacherin Joung Yumi („House of Existence“), der einfängt, wie gut es sein kann, auch einmal aus Beschränkungen auszubrechen, sowie der japanische Beitrag „Kawauso“ von Akihito Izuhara, der mit einem kleinen Mädchen und einem Fischotter, der seit 2012 in Japan als ausgestorben gilt, von Abschied erzählt. Beide Filme sind handgemachte 2D-Zeichnungen, aber auch andere Techniken konnte man sehen. So wendete Ulu Braun bei „Pacific Vein“ eine Collage-Technik an und Philip Ullman bei seinem Film „Preoperational Model“ 3D-Animationen. Der französische Kurzfilm „Lick a Wound“ setzt ebenfalls auf 3D-Animationen, die aufgrund ihrer Realitätsnähe kaum als solche erkennbar sind. Mit einem extrem hohen Grad an Realismus zeigt der Film Tiere, welche sich im Abfall und den Resten der menschlichen Zivilisation durchschlagen, und lässt sie anhand von Projektionen ihre Gedanken mit dem Publikum teilen. Dem Regisseur Nathan Ghali gelang damit ein berührender, schöner Film, der mit seiner Machart und Erzählweise gleichermaßen fasziniert. 

Anna Henckel-Donnersmarck

Fazit: Die 20 Kurzfilme der diesjährigen ‚Berlinale Shorts‘, die im Rahmen der 74. Berlinale 2024 stattfand, zeigten wieder eine gelungener Querschnitt durch die zahlreichen Spielarten von Film, seien es Spiel- und Animationsfilme oder dokumentarische Formen. Dabei verwischen die Grenzen der Genres von Zeit zu Zeit und in den einzelnen Blöcken gingen die Filme untereinander auch in den Dialog. Der Kuratorin Anna Henckel-Donnersmarck ist wieder eine gelungene Auswahl an ungewöhnlichen, poetischen und künstlerischen Filmen gelungen, die zum Mitdenken und Mitfühlen einladen. 

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Fotografien von Michael Kaltenecker

Liste aller Filme der Berlinale Shorts Reihe:

  • „An Odd Turn“ (OT: „Un movimiento extraño“, Argentinien, 2024, Regie: Francisco Lezama)
  • „Baldilocks“ (OT: „Kaalkapje“, Belgien, 2023, Regie: Marthe Peters)
  • „Bye Bye Turtle“ (OT: „Adieu tortue“, Frankreich / Türkei, 2024, Regie: Selin Öksüzoğlu)
  • „Circle“ (OT: „Circle“, Südkorea, 2024, Regie: Joung Yumi)
  • „City of Poets“ (OT: „City of Poets“, Niederlande, 2024, Regie: Sara Rajaei)
  • „Goodbye First Love“ (OT: „Jing guo“, USA, 2024, Regie: Shuli Huang)
  • „Kawauso“ (OT: „Kawauso“, Japan, 2023, Regie: Akihito Izuhara)
  • „Lick a Wound“ (OT: „Les animaux vont mieux“, Frankreich, 2024, Regie: Nathan Ghali)
  • „Pacific Vein“ (OT: „Pacific Vein“, Deutschland, 2024, Regie: Ulu Braun)
  • „Preoperational Model“ (OT: „Preoperational Model“, Niederlande, 2024, Regie: Philip Ullman)
  • „Remains of the Hot Day“ (OT: „Re tian wu hou“, Volksrepublik China, 2024, Regie: Wenqian Zhang)
  • „So viel von mir“ (ET: „That’s All from Me“, Deutschland, 2024, Regie: Eva Könnemann)
  • „Sojourn to Shangri-La“ (OT: „Shi ri fang gu“, Volksrepublik China, 2023, Regie: Lin Yihan)
  • „Stadtmuseum“ (OT: „Moi Rai“, Deutschland, 2024, Regie: Boris Dewjatkin)
  • „Tako Tsubo“ (OT: „Tako Tsubo“, Österreich / Deutschland, 2024, Regie: Fanny Sorgo, Eva Pedroza)
  • „The Moon Also Rises“ (OT: „The Moon Also Rises“, Frankreich, 2024, Regie: Yuyan Wang)
  • „Towards the Sun, Far from the Center“ (OT: „Al sol, lejos del centro“, Chile, 2024, Regie: Luciana Merino, Pascal Viveros)
  • „Ungewollte Verwandtschaft“ (ET: „Unwanted Kinship“, Deutschland, 2024, Regie: Pavel Mozhar)
  • „Wandering Bird“ (OT: „Oiseau de passage“, Belgien, 2023, Regie: Victor Dupuis)
  • „We Will Not Be the Last of Our Kind“ (OT: „We Will Not Be the Last of Our Kind“, Frankreich, 2024, Regie: Mili Pecherer)

Quellen:

Kommentar verfassen