Fünf Fragen an Pavel Mozhar

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem Regisseur Pavel Mozhar („Handbuch“) erzählt er mehr über seinen 30-minütigen Kurzfilm „Ungewollte Verwandtschaft“, der auf der 74. Berlinale 2024 im Rahmen des ‚Berlinale Shorts‘-Programm seine Premiere feierte, wie die Idee dazu entstand, sich selbst und die eigene Herkunft ins Spiel zu bringen und an öffentlichen Berliner Plätzen zu drehen.

Wie schnell war Dir klar, dass Du den Angriffskrieg auf die Ukraine auch filmisch thematisieren willst? Welche Schwerpunkte lagen Dir dabei am Herzen?
Die Entscheidung fiel irgendwann im Spätsommer 2022. Der allererste Schock war die Invasion am 24. Februar. Der zweite Schock war Butscha und der dritte Schock waren die ersten Berichte und Protokolle über die Kriegsverbrechen der regulären russischen Soldaten auf den besetzten Gebieten im Norden, Osten und Süden der Ukraine. Da wurde mir klar, dass Butscha kein Einzelfall, kein Affekt, keine Brutalität einer einzelnen militärischen Einheit war, sondern diese Verbrechen zu einem durchdachten System der russischen Armee gehören. Sie sind ein Teil der Kriegsführung.

Ende Juli 2022 sind Jonas Römmig, ein guter Freund und späterer Kameramann dieses Projekts, und ich dann in die Ukraine gefahren. Unsere Basis war in Lwiw und wir sind mit den Zügen ungefähr vier-fünf Stunden in Richtung Osten gefahren und dann wieder zurück. In unseren Zugabteilen habe ich mich dann mit den Menschen unterhalten. Da haben wir etwas von der Grundstimmung im Land zu spüren bekommen. Gleichzeitig gingen mir diese Protokolle nicht aus dem Kopf. Ich sah die Menschen, die vom Krieg gezeichnet waren und fühlte mich wie jemand von der Täterseite, weil der Angriff aus dem Territorium meines Heimatlandes ausgegangen ist und Belarus eine Kriegspartei ist. Bevor ich eine Unterhaltung mit den Menschen begann, sagte ich als erstes: „Entschuldigen Sie mich, ich spreche kein Ukrainisch. Ich komme aus Belarus, spreche Russisch und lebe in Deutschland. Ich bin ein Filmemacher, kann ich Ihnen ein paar Fragen auf Russisch oder Englisch stellen?“ Die meisten hatten kein Problem mit mir auf Russisch zu reden. Manche antworteten auf Ukrainisch, das ich verstehen, aber nicht sprechen kann. Aber insgesamt lag kein Hass in der Luft, zumindest habe ich ihn nicht gespürt.
Diese Reise hallte nach, aber ich dachte noch nicht an diesen Film. So aufschlussreich die erwähnten Protokolle für mich persönlich waren, fehlte mir da noch ein klarer persönlicher Zugang. Denn es stand die Frage im Raum, was ich mit einem Film über die Systematik der russischen Armee auf besetzten ukrainischen Gebieten eigentlich will. Schließlich bin ich kein Journalist, kein Berichterstatter und niemand, der das Recherchierte in filmischer Form lediglich zusammenfassen will. Auch wollte ich keinen Film nur über diesen Krieg machen – da haben ukrainische Filmemacher:innen sicherlich mehr zu sagen. Was ist also mein Standpunkt bei dieser Geschichte? Warum soll ich einen Film über diese Ereignisse machen? Habe ich überhaupt ein Recht dazu? Hinzu kommt noch, dass ich diesmal, anders als bei „Handbuch“, auf der Täterseite stand bzw. mich so fühlte.
Und dann bin ich auf Fotos von Grundschulkindern in Russland gestoßen, die im Unterricht Bilder für die Soldaten an der Front malen sollten. Es sind Bilder mit russischen Panzern oder Soldaten in Uniform. Über den Zeichnungen steht sowas wie „Lieber Soldat, ich wünsche dir viel Mut. Komm bald und gesund zurück!“ oder „Lieber Soldat, danke, dass du mich beschützt!“ und so weiter.

Mein erster Gedanke war: Ok, jetzt werden auch die Kinder für diesen Krieg benutzt – so weit ist es schon gekommen. Der zweite Gedanke: Warte mal, habe ich nicht auch solche oder ähnliche Bilder mit Kriegsthematik in der belarussischen Grundschule gemalt? Ich bin zu meinen Eltern gefahren, habe die alten Fotoalben durchstöbert und in der Tat Fotos von mir mit einer Militärmütze, Kinderzeichnungen für meine Großmutter zum 8. März und für meinen Großvater zum 9. Mai gefunden. Mit all den Protokollen aus dem aktuellen Krieg im Hinterkopf sah ich diese unschuldigen Kinderzeichnungen, die den Krieg nahezu feiern, mit ganz anderen Augen. Und dann kamen die Erinnerungen von den Ausflügen im Schützenpanzer, von den Veteranen und ihren Kriegsanekdoten, von den Kalaschnikows, von den Sprichwörtern, vom Militarismus, von der nationalen Überlegenheit Sowjetrusslands und von der Normalisierung der symbolischen und verbalen Gewalt auch auf institutioneller Ebene – zum Beispiel in meiner Grundschule, beim Kinderarzt, im Pionierlager.
Und das alles endete in einer Frage, die mir tatsächlich Angst gemacht hat: Wie würde ich jetzt denken und diesen Krieg sehen, wenn meine Eltern damals nicht ausgewandert wären? Ich möchte von mir glauben, dass ich genug Integrität und gesunden Menschenverstand hätte, um auf der Seite der Ukraine zu stehen, aber die Wahrheit ist leider, dass ich es nicht weiß. Denn wie eine russische oppositionelle Journalistin sagte: Die Menschen, die glauben, russische Propaganda wirke auf sie nicht, sollten noch einmal darüber nachdenken.
Im Herstellungsprozess hatte ich manchmal Zweifel bezüglich dieses Films. Ich dachte mir bezüglich der obigen Frage: Ach, vielleicht ziehst du da was an den Haaren herbei mit deiner kulturellen Verantwortung; vielleicht übertreibst du da ein bisschen und so weiter. Und dann, als wir schon im Schnitt waren, bin ich auf einen Artikel aus einem oppositionellen, russischsprachigen Medium gestoßen. Die Redaktion hat einen Aufruf gestartet: Die Leser:innen aus Russland und Belarus, die gegen Putin und gegen diesen Krieg sind, sollen der Redaktion eine E-Mail schreiben, warum sie dennoch glauben, dass Russland und Belarus diesen Krieg nicht verlieren dürfen. Es kamen mehrere Hundert E-Mails zurück und die meisten Begründungen waren: Wir hassen Putin und sein Regime, wir sind gegen diesen Krieg, aber wir dürfen ihn nicht verlieren, denn sonst müssen wir Reparationen zahlen und Schande über uns für die nächsten drei Generationen tragen. Und dann wurde mir klar: Nichts ist klar!
Ich bin jetzt etwas abgeschweift, aber im Grunde hat die Filmidee bei den Kinderzeichnungen und meinen Kindheitserinnerungen angefangen.

Die beiden Sprecher:innen tragen Schilderungen vor – vorher stammt das Material? Habt ihr die Menschen selbst interviewt?

Das Material stammt aus den Protokollen von Menschenrechtsorganisationen, Journalisten- und Aktivistengruppen, die Kriegsverbrechen dokumentieren und untersuchen. Ich habe 195 Protokolle gelesen und ausgewertet. Aus jedem Protokoll habe ich dann einzelne Sätze entnommen. Das Ziel war, jeden Satz so zu lassen, wie er ist. Zwei oder mehrere Sätze sollten nicht miteinander kombiniert werden, damit man wirklich beim Dokument bleibt und sich die unzähligen Kombinationsmöglichkeiten erspart. Deshalb mussten zu einem Thema – z.B. wie ein Zivilist von einem Soldaten durchsucht wird – so viele Sätze wie möglich aus den Protokollen extrahiert werden, damit wir dann die passendsten Sätze auswählen können. Am Ende hatte ich also ein Word-Dokument von 59 Seiten mit der jeweiligen Protokollnummer und den Sätzen in Ukrainisch oder Russisch, die aus diesem Protokoll entnommen wurden. Dann habe ich dieses Dokument ins Deutsche übersetzt, damit unser Produzent Kolja Volkmar und unser Editor Florian Seufert mit mir daran arbeiten konnten. Wir haben alles gelesen und uns dann überlegt, worauf wir den Fokus legen sollen und wie wir das alles in eine Struktur bringen können.
Der zentrale Punkt, der aus der Masse dieser Protokolle ersichtlich wird, ist die Tatsache, dass es Russland bei diesem Krieg um die Vernichtung einer (nationalen) Identität geht, die von der eigenen Norm abweicht. Es geht darum, die Menschen in der Ukraine nicht so leben zu lassen, wie sie wollen; ihnen jede Möglichkeit und jedes Recht auf ihre ukrainische Identität, ihre Bürgerposition und ihre Stimme zu nehmen. Und das ist im Kern ein ähnliches Prinzip der Gewalt, das in Belarus im August 2020 angewendet wurde, nur in einer viel schlimmeren Dimension. Die Menschen in der Ukraine haben Putin gesagt, dass sie anders leben wollen, auf ihre Weise, ohne ein Teil von Russland zu sein. Dafür haben sie einen Krieg bekommen. Und ich schäme mich dafür, dass es die großangelegte Invasion von 2022 gebraucht hat, bis ich verstanden habe, welche Ziele Russland in der Ukraine wirklich verfolgt. Das war dann auch ein wichtiger Teil meiner Motivation, diesen Film zu machen.

Auch in diesem Film stellst Du mit Darsteller:innen das Vorgehen nach – diesmal aber außerhalb deiner Wohnung – wie kam die Berliner Außenwelt dazu?

Die Berliner Außenwelt kam nahezu von allein dazu. Als ich die Protokolle zwischen September und Dezember 2022 las, habe ich immer wieder Spaziergänge gemacht. Das meiste, was die Ukrainer:innen beschreiben, ist auf den Straßen und öffentlichen Plätzen ihrer Städte und Dörfer passiert. Wenn ich an diesen Aspekt jetzt zurückdenke, so hat es mich am meisten aufgewühlt, als die Menschen von ihren Städten und Dörfern erzählten, von den Orten, die sie mochten, von den Verbesserungen, die in den letzten Jahren stattfanden; davon, dass sie sich in ihren Städten wohlfühlten und, dass es diese jetzt nicht mehr gibt. Wenn man dann durch seinen Kiez läuft, so fragt man sich, wie wohl diese ukrainischen Städte vor der Invasion ausgesehen haben und projiziert das irgendwie auf die eigene Realität hier in Berlin. Auch die Tatsache, dass viele Orte durch den Krieg zweckentfremdet oder umcodiert werden. Zunächst verschwindet der Strom, dann das Wasser, mit dem Wasser auch die Heizung, dann das Gas und zum Schluss das Internet und die Telekommunikation. Plötzlich ist der beste Platz in der Wohnung der Flur oder das Bad, weil man dort vor der Explosionswelle am besten geschützt ist. Ein guter Keller spielt eine zentrale Rolle, um sich vor Bombardements zu schützen. Blumenbeete und Spielplätze eignen sich plötzlich am besten, um die Leichen zu begraben, weil der Boden weich ist. Und dieses Bild mit den Spielplätzen und Sandkästen traf mich am meisten. An sowas denkt man ja nicht, wenn man in einer friedlichen, funktionierenden Großstadt lebt. Dieser Spielplatz, der im Film vorkommt, der befindet sich bei mir um die Ecke. Und als ich da immer wieder vorbeiging, sah ich ihn plötzlich mit anderen Augen. Und das gleiche passierte dann auch irgendwie mit den anderen Orten im Kiez.
Alle Orte, die wir im Film sehen, sind aus meinem oder aus dem Nachbarkiez. Mir war schnell klar, dass ich keine industriellen Orte irgendwo in Spandau oder Schöneweide oder sonst wo suchen will. Der Film muss in meiner eigenen Umgebung spielen. So haben dann Jonas Römmig (Kamera) und ich drei Wochen mit Locationscouting verbracht und alle möglichen Orte wie Spielplätze, Kreuzungen, Brücken, Hausfassaden, Hinterhöfe, Garagenstraßen in Neukölln mit einer Kamera unter die Lupe genommen. Es war spannend zu sehen, wie man seinen eigenen Kiez, den man ja gut zu kennen scheint, nochmal neu sehen kann. Mit der Garagenstraße und dem Hinterhof war es etwas einfacher, aber gerade bei den Bildern im Prolog und Epilog, wo man den menschenleeren Kiez im Morgengrauen sieht, haben wir uns ziemlich lange den Kopf zerbrochen: Welche Bilder sind da gültig? Sollen wir mit Schwenks arbeiten? Vielleicht sogar mit 360-Grad-Schwenks? Oder arbeiten wir mit Details einer Hausfassade? Gibt es einen roten Faden? Wie soll man sich durch den Kiez bewegen?

Kannst Du mir zu den Sandkasten-Szenen erzählen?

Pavel Mozhar (Ungewollte Verwandtschaft)

In diesen nahezu 200 Protokollen bin ich auf unglaublich starke, herzzerreißende persönliche Geschichten gestoßen, die in mir bis heute noch nachhallen. Aus vielen dieser Geschichten könnte man dutzende Filme machen, die sich mit den Eigenschaften ihrer Charaktere, mit ihrer Tapferkeit, Liebe, Sturheit, Entschlossenheit und vielem mehr beschäftigen. Es sind hunderte, einzelne menschliche Schicksale, die einen berühren.
Mein Fokus und mein Interesse lagen aber woanders. Ich wollte herausfinden, aus welchen Elementen das Besatzungssystem der russischen Armee besteht, worauf es abzielt und was dieses System mit meiner eigenen Sozialisation zu tun hat. Denn diese Verbrechen wurden nicht von kaltblütigen Mördern einer dafür speziell trainierten Einheit verübt, sondern von regulären, einberufenen Soldaten.
Jetzt ist die Frage, welche Bilder man dafür findet, um diese Systematik zu untersuchen und zu entschlüsseln, gerade wenn man selbst eine kulturelle Komplizenschaft spürt. Und ich glaube, um ein System aufzuzeigen, muss man eben einen Schritt von der Emotionalität zurückgehen. Ich glaube, das Strukturelle wird durch eine kühle, distanzierte Betrachtung viel besser sichtbar. Da mir der Spielplatz mit dem Sand nicht aus dem Kopf ging, hatte ich ein Bild vor Augen von diesen leeren Städten, die mit Hilfe von Modellhäusern, Modellfahrzeugen und Figuren hier rekonstruiert werden. Mir war bewusst, dass die Tatsache, dass ein Filmteam diesen Krieg in einem Sandkasten nachstellt, verstörend wirken könnte, aber gleichzeitig ist es auch ein bitterer Teil unser aller Realität, den wir ansprechen wollten.
Als nächstes wurde mir auch sehr schnell klar, dass ich mich nicht hinter gut komponierten Bildern verstecken will, wenn ich schon meine eigene Komplizenschaft anspreche. Ich hätte ja das Meiste einfach mit dem Voice-Over und gesetzten Bildern lösen können. Das fühlte sich für mich aber irgendwie feige an. Deshalb wollte ich eine zweite Kamera dabei haben, die das Team und mich bei diesem Prozess dokumentiert. Auch, um zu zeigen, dass es eben ein Prozess ist und dass wir mit unseren Bildern keinen Anspruch auf eine abschließende Deutung haben. Die Grundfrage des Films lautet ja eben: Was hat dieser Krieg mit mir zu tun?

Kannst Du schon sagen, mit welchen Themen Du Dich in Deinem nächsten Projekt beschäftigen wirst?

Filmemacher:innen von Ungewollte Verwandtschaft

Ich würde auf diese Frage gern so antworten: Als ich an der Filmuni im Bachelor studierte, fragte mich mal eine Lehrende, warum ich denn keinen Dokumentarfilm in meiner Heimat Belarus oder in einem anderen postsowjetischen Land machen möchte. Und ich dachte: Ja, ich spüre da so ein Interesse, stimmt, warum eigentlich nicht? Und dann habe ich erstmal hier aus der Entfernung recherchiert und bin dann 2018 nach Belarus gefahren und habe weitere Ideen gesammelt. Und da ich Kontakt zu einer Spedition hatte, war eine der Ideen, mit einem LKW von Frankfurt/ Main über Belarus, Russland, Kasachstan bis in die Mongolei zu fahren. Ich dachte, ich nehme eine kleine Kamera mit, die Sony X-70, fahre drei Wochen mit einem belarussischen LKW-Fahrer in der Kabine, beobachte dabei alle möglichen Situationen und schaue, was dabei herauskommt. Und es wird so ein Essayfilm, schön poetisch, ne? An sich eine nette Idee. Nur die Sache ist, dass es im Jahr 2018 war. Zu dem Zeitpunkt befand sich die Ukraine schon seit vier Jahren im Krieg gegen Russland, Putin seit 18 Jahren und Lukaschenko seit 24 Jahren an der Macht. Man brauchte auch nicht genauer hinzuschauen, um zu sehen, dass die beiden zu diesem Zeitpunkt bereits skrupellose Mörder waren. Obwohl mir viele dieser Tatsachen und Umstände bewusst waren, veranlassten sie mich nicht dazu, in diese Richtung zu recherchieren. Da fand schon so etwas wie ein selektives Ausblenden statt. Da hat es erst die Proteste von 2020 in Belarus und den 24. Februar 2022 gebraucht, damit ich über die wirklich wichtigen Fragen nachdenke, wenn es um Belarus, Russland und meine Identität geht. Und dafür schäme ich mich natürlich.
Kurz nachdem wir Picture Lock hatten, bin ich nochmal zu meinen Eltern gefahren. Und da habe ich nochmal diese alten nostalgischen Fotoalben aus der Sowjetzeit durchgeblättert (ich komme aus einer belarussisch-russischen Familie, 50-50) und ich spürte, wie sich mein Blick auf viele dieser Fotos stark verändert hat. Da wusste ich, dass ich mit diesem Film den Finger in die Wunde gelegt habe.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Ungewollte Verwandtschaft“

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