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Interview: Im Gespräch mit dem kanadischen Regisseur und Drehbuchautor Eric K. Boulianne konnten wir mehr seinen Kurzfilm „Making Babies“ (OT: „Faire un enfant“) erfahren, der den Internationalen Wettbewerb des 24. Landshuter Kurzfilmfestivals 2024 gewinnen konnte. Er erzählt, warum Realismus und Humor für die Geschichte gleichermaßen wichtig waren, wie die 16mm der Optik Wärme verleiht und warum Nacktheit in dieser Form hier ebenso elementar war.
The original english language interview is also available.
Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden?
Diese Idee kam vor sechs Jahren auf, als meine Freundin schwanger war. Der Zeugungsprozess war schwierig, weil meine Freundin an einer Krankheit leidet. Ihr Arzt sagte uns, dass es mehr als ein oder zwei Jahre dauern könnte, bis sie schwanger wird, und dass wir bereits über eine Adoption nachdenken sollten. Aber dann brauchte es nur einen Versuch und es hat geklappt. Als wir unseren Freunden unsere Geschichte erzählten, wurde uns klar, dass viele Paare einen schwierigen Reproduktionsprozess hatten, ohne dass wir davon wussten, denn das ist etwas, was man normalerweise nicht erzählt. So entstand also die Idee. Aber für mich war es eine Kulisse. Ich wollte vor allem über die Widerstandsfähigkeit in einer Langzeitbeziehung sprechen. Meine Freundin und ich sind seit 20 Jahren zusammen, wir kennen also nicht die Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man nicht schwanger werden kann, aber wir kennen die Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man versucht, die Beziehung trotz aller Widrigkeiten am Leben zu erhalten. Und genau darum geht es in dem Film: zu versuchen, zusammen zu bleiben und die Liebe zu bewahren, auch wenn man vor großen Herausforderungen steht.
Du hast Dich entschieden, das Thema nicht als reines Drama zu erzählen – warum war Dir Humor wichtig?
Ich weiß es nicht. Weil es für mich natürlich ist, denke ich. Ich schreibe immer Komödien, aber ich mag es nicht, sie zu etikettieren. Ist es eine Komödie? Ist es ein Drama? Das ist mir eigentlich egal. Ich versuche, so realistisch wie möglich zu sein, und das Leben ist voller Komik, auch wenn man harte Zeiten erlebt. Ich gehe dorthin, wohin mich die Situationen führen. Wenn es lustig sein soll, dann ist es so. Wenn es traurig sein soll, dann lass uns traurig sein. Ich habe mich nicht mit der Absicht hingesetzt, eine Komödie zu machen. Ich wollte einen berührenden Film mit echten Gefühlen machen, also wusste ich, dass es irgendwo eine Komödie geben würde. Aber ich habe auf Letterboxd gelesen, dass mein Film nicht lustig genug ist, also weiß ich nicht, ich denke, es ist nur eine Frage der Wahrnehmung.
Was lag Dir visuell am Herzen?
Ich wollte es einfach halten. Ich wollte, dass der Film minimalistisch ist und sich wirklich auf das Paar konzentriert. Gesichter, Gefühle, kein unnötiges Getue. Einfach nur das Wesentliche. Deshalb wollte ich auf 16 mm drehen, um dem Bild Wärme zu verleihen, denn ich wusste, dass der Hintergrund sehr karg sein würde. Man braucht nicht viel, wenn man auf Film dreht, nur ein Schauspieler, der vor einer weißen Wand Emotionen zeigt, kann wunderschön sein. Meine Referenzen waren „The Mother and the Whore“ von Jean Eustache und (natürlich) „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman. Die 70er-Jahre-Musik und die Farben waren Ideen, die wir in der Nachbearbeitung hatten, weil wir dachten, es wäre lustig, dem Film einen „Sexploitation“-Groove zu geben. Leute, die zu einem funky Soundtrack rummachen, ohne Spaß zu haben.
Nacktheit – auch deine eigene – ist ein zentrales Element. Für mich war das ganz natürlich, aber ich habe gemerkt, dass es im Publikum unterschiedlich aufgenommen wurde. War Dir klar, dass Sex und Nacktszenen für manche Zuschauer:innen irritierend sind? Und warum hast Du Dich dafür entschieden, so frei zu sein?
Natürlich ist mir klar, dass Nacktheit unangenehm sein kann. Aber ich meine, für mich war es einfach ein realistischer Ansatz. Es ist eine Geschichte über ein Paar, das versucht, ein Baby zu bekommen, da ist es gut möglich, dass man etwas Haut sieht. Außerdem wollte ich, dass die Beziehung glaubwürdig ist, dass man die Intimität wirklich spürt. Ich habe nicht versucht, die Nacktheit auf eine ‚sexy‘ Art zu filmen, sondern auf eine natürliche Art. Wenn man in einer Beziehung ist, ist man oft nackt. Das ist einfach so. Ich laufe nackt herum. Ich bin nicht schüchtern, wenn es um meinen Partner geht, also war das eine Möglichkeit, die Intimität der beiden auf der Leinwand zu zeigen.
Ich denke, es ist eine Herausforderung für das Publikum, dass männliche Nacktheit seltener zu sehen ist. Und was noch seltener vorkommt, ist die Nacktheit von jemandem mit einem atypischen Körper. Ich habe keinen ‚schönen‘ Körper, und wenn man dick ist, ist man normalerweise die Zielscheibe des Spotts. Man kann dicke Menschen nackt auf der Leinwand sehen, aber es wird eine Pointe sein. In diesem Film ist es keine Pointe, es ist einfach so, wie es ist. Und es war mir wichtig, bei der Nacktheit ‚gleichberechtigt‘ zu sein, den weiblichen und den männlichen Körper zu zeigen… Und ich sagte mir: „Wenn du es nicht tust, wer soll es dann tun?“ Also, vielleicht ist es unangenehm. Ist es mir egal? Eigentlich nicht.
Wie hast Du Florence Blain Mbaye als Hauptdarstellerin gefunden?
Die Vorproduktion begann während COVID. Zunächst mussten wir also Paare aus dem wirklichen Leben finden, wenn wir die intimen Szenen drehen wollten. Das war die Regel. Also haben wir echte Paare vorsprechen lassen. Ich hatte Florence in ein paar Filmen gesehen und dachte, sie hätte genau die gleiche Energie wie die Figur. Ihr Vorsprechen war großartig, aber ihr Partner war kein Profi, und ich denke, es wäre eine große Herausforderung für ihn und für mich gewesen. Also habe ich Florence die Rolle gegeben und wir haben gewartet, bis die Schauspieler wieder rummachen durften, um ihren Partner zu finden. Ich sollte eigentlich gar nicht in dem Film mitspielen. Aber wie ich schon sagte, wollte ich einen atypischen männlichen Körper zeigen, und es gab nicht viele Leute, die meinen Vorstellungen entsprachen.
Also habe ich für meinen eigenen Film vorgesprochen, mit Florence, um zu sehen, ob die Chemie stimmt. Und nach dem Vorsprechen sagte Florence zu mir: „Spiel einfach in deinem verdammten Film mit, wir werden viel Spaß haben!“ Und es war eine wunderbare Erfahrung.
Kannst Du mir noch etwas mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Nun, ich bin hauptsächlich Drehbuchautor. Seit 2016 habe ich acht Spielfilme geschrieben oder mitgeschrieben. Vor 10 oder 12 Jahren habe ich bei einigen Kurzfilmen Regie geführt, aber ich habe beschlossen, mich aufs Drehbuchschreiben zu konzentrieren. Normalerweise schreibe ich Komödien. Ich wechsle gerne zwischen künstlerischen Projekten und populären Filmen. Einige der Filme, die ich geschrieben habe, standen an der Spitze der kanadischen Kinokassen, andere waren Low-Budget-Filme, die auf Festivals liefen. Ich denke, das ist ein großes Privileg. Denn ich liebe alle Arten von Kino.
Du hast hier nicht zum ersten Mal Regie geführt, aber gleichzeitig zwei Rollen – Regisseur und Hauptdarsteller – übernommen?
Nun, das war nicht meine erste Regiearbeit, aber es war das erste Mal, dass ich ein richtiges Budget hatte. Das war also meine erste professionelle Erfahrung als Regisseur. Es war ziemlich schwierig, beide Rollen zu übernehmen, wegen der Art des Projekts. Es gab viele geschlossene Sets wegen der Nacktheit, also war es ziemlich kompliziert, die richtige Lösung zu finden. Ich musste nicht immer nackt hinter dem Monitor stehen. Aber ich habe mich auf den Kameramann, den Intimitätskoordinator und den ersten AD [Anm. d. Red. Assistant Director] verlassen, und es war eine große Teamleistung.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ich schreibe im Moment an sehr vielen Projekten. Viele Spielfilme, ein paar Fernsehsendungen. Ich wusste nicht, ob ich nach diesem Film noch einmal Regie führen würde, aber die Resonanz auf „Making Babies“ war so großartig, dass es mir einen Anstoß gab, selbst Drehbücher zu schreiben. Ich schreibe gerade mit einem Freund, Alexandre Auger, ein Drehbuch für einen Spielfilm fertig und möchte ihn schnell, im Guerilla-Stil und ohne Geld drehen. Wahrscheinlich diesen Herbst. Also, ja, bleibt dran.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Making Babies“
Interview: In our conversation with Canadian director and screenwriter Eric K. Boulianne, we were able to find out more about his short film „Making Babies“ (OT: „Faire un enfant“), which won the International Competition of the 24th Landshut Short Film Festival 2024. He explains why realism and humor were equally important for the story, how the 16mm lends warmth to the visuals and why nudity in this form was just as elementary here.
How did the idea for your short film come about?
This idea came up 6 years ago, when my girlfriend was pregnant. The procreation process was supposed to be tough, because my girlfriend has a medical condition… So we were told by her doctor that it could take over a year or two for her to get pregnant, and to already think about adoption. But then, it took one attempt and it worked… When we were telling our story to our friends, we realized that a lot of couples were having a tough procreation process, without us knowing, because that’s not something people usually share. So yeah, that’s how the idea came up. But for me, it was a backdrop… I mostly wanted to talk about resilience in a long term relationship. My girlfriend and I have been together for about 20 years, so… We don’t know what are the difficulties of being unable to get pregnant , but we DO know the difficulties of trying to keep the relationship alive through adversity. And for me that’s what the movie is about, trying to stay together and preserve love even when you face big challenges.
You decided not to tell the story as a pure drama – why was humor important to you?
I don’t know… Because it’s natural for me, I guess. I always write comedy, but I don’t like to put labels… Is it a comedy? Is it a drama? I don’t really care. I’m trying to be as real as possible, and life is full of comedy even when you have tough times. I go where the situations take me. If it needs to be funny, so be it. If it needs to be sad, let’s be sad. I didn’t sit down with the intention of doing a comedy… I wanted to make a touching movie with real feelings, so I knew there would be comedy somewhere. But I read Letterboxd that my movie is not funny enough, so… I don’t know, I guess it’s just a question of perception.
What was important to you visually?
To keep it simple. I wanted the movie to be minimalistic, to really focus on the couple. Faces, emotions, no unnecessary fuss. Just, bare bone. That’s why I wanted to shoot in 16mm, to add warmth to the image, because I knew the background would be really empty. You don’t need much when you should on film, just an actor having emotions in front of a white wall can be beautiful. My references were „La Maman et la putain“, from Jean Eustache and (obviously) „Scenes from a marriage“, from Ingmar Bergman. The 70’s music and colors were ideas we had in post, because we thought it would be funny to add a „sexploitation“ groove to the film. People making out on a funky soundtrack, without having fun.
Nudity – including your own – is a central element. For me it was quite natural, but I noticed that it was received differently by the audience. Did you realize that sex and nude scenes are somewhat uncomfortable for some viewers? And why did you decide to be so open?
Well, of course I realize that nudity can be uncomfortable. But I mean, for me, it was just a realistic approach. It’s a story about a couple trying to have a baby, there’s a good chance you’ll see some skin. Also, I wanted the relationship to be believable, to really feel the intimacy. I wasn’t trying to shoot the nudity in a „sexy“ way, just in a natural way. When you’re in a relationship, you’re often naked. That’s just how it is. I’m walking around naked. I’m not shy with my partner, so that was a way to show their intimacy on screen. What I think is challenging for the audience, is that male nudity is less common. And what is even less common is nudity from someone with an atypical body. I don’t have a „beautiful“ body by standards and usually, when you’re fat, your body is the butt of the joke. You can see fat people naked on screen, but it’s gonna be a punchline. In this movie, it’s not a punchline, it’s just the way it is. And it was important for me to be „equal“ in the nudity, showing the female body and the male body… And I told myself „if you’re not gonna do it, who’s gonna do it?“ So, maybe it’s uncomfortable. Do I care? Not really.
How did you find/choose Florence Blain Mbaye as the leading actress?
The pre-production started during Covid. So at first, we needed to find real life couples if we wanted to shoot the intimacy scenes. That was the rule. So we auditioned real couples. I saw Florence in a few movies and thought she had the exact same energy as the character. Her audition was awesome, but her partner was a non professional and I think it would have been a big challenge for him and for me. So, I gave the part to Florence and we waited until actors were allowed to make out again to find her partner. I wasn’t supposed to act in the film in the first place. But as I said before, I wanted to show an atypical male body and there weren’t a lot of people that matched what I had in mind. So I auditioned for my own movie, with Florence, to see if the chemistry was good. And after the audition, Florence told me: „just act in your fucking film, we’re gonna have fun!“ And it was a wonderful experience.
Can you tell me a bit more about yourself and how you came to making films?
Well, I’m mostly a screenwriter. I’ve written or co-written 8 features since 2016. I directed some short films 10 or 12 years ago, but I decided to focus on screenwriting. Usually, I write comedy. I like to switch between artsy projects and popular films. Some of the movies I wrote were at the top of the Canadian box office and others were small budget movies that made the festival run. I think it’s a big privilege. Because I love all kinds of cinema.
This isn’t your first time directing, but you’ve taken on two roles. What was it like to take on two roles – director and lead actor?
Well, that wasn’t my first time directing, but it was the first time I had a real budget. So that was my first professional experience as a director. It was kinda difficult to take both roles, because of the nature of the project. Lots of closed sets because of the nudity, so it was kinda complicated to find the right work around. To not always be in the buff behind the monitor. But I put my trust in the DOP, in the intimacy coordinator and in the 1st AD and it was a big team effort.
Are there any new projects planned?
I’m writing A LOT of projects right now. Many features, few TV shows. I didn’t know if I was gonna direct another film after this one, but the response to „Making Babies“ was so awesome that it gave me a push to write screenplays for myself. I’m finishing a feature film script right now with a friend, Alexandre Auger, and I want to shoot it fast, guerilla style, with no money. Probably this fall. So yeah, stay tuned.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Making Babies„







