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Filmkritik: Der US-amerikanische Regisseur Alexander Payne, der sich mit Filmen wie „Sideways“ (2004) einen Namen gemacht hat, brachte mit „The Holdovers“ (OT: „The Holdovers“, USA, 2023) einen anderen Weihnachtsfilm in die US-Kinos. Mit seiner Anfang der 1970er Jahre spielenden Geschichte blickt er aber auch ins Heute und erhielt fünf Oscarnominierungen.
Das amerikanische Internat Barton Academy ist in den Weihnachtsferien meist ausgestorben. Doch wie in jedem Jahr fahren nicht alle Schüler nach Hause. Mit den wenigen bleiben auch der Professor für Antike Zivilisationen Paul Hunham (Paul Giamatti), sowie die Köchin Mary Lamb (Da’Vine Joy Randolph), die um ihren im Vietnamkrieg gefallenen Sohn trauert, und der Hausmeister Danny (Naheem Garcia) vor Ort. Eine glückliche Fügung erlaubt es den meisten Schüler, dann doch noch über Weihnachten zu verreisen. Nur der 17-jährige Angus (Dominic Sessa) bleibt mit den Erwachsenen allein in dem großen internat zurück.
Der amerikanische Regisseur Alexander Payne hat schon immer ein gutes Gespür für die Gefühlswelten seiner Figuren sei es in der verkehrten Vater-Sohn-Dynamik in „Nebraska“, die fiesen Machenschaften an Colleges in „Election“ oder die weingeschwängerte Freundschaft in „Sideways“ (2004). Nach einem Drehbuch von David Hemingson taucht er nun in eine frühere Zeit und eine elitäre Welt ein. Sein mittlerweile zehnter Spielfilm spielt in den 70er Jahren an einem College für die Söhne besserverdienender Menschen. Nur anfänglich zeichnet er ein größeres Bild der Schülerschaft, das sich aber bald in ein Kammerspiel von vor allem drei Personen verwandelt. Allen drei Figuren wohnt dabei ein ganz eigener Schmerz inne, den Payne mit viel Gefühl zu extrahieren weiß ohne die Figuren bloßzustellen. Auch wenn man sich mit keiner identifizieren kann, da die Drei auch etwas störrisch sind, fühlt man mit ihnen mit. Das ist eine große Stärke des Films: Er schafft es, dass die Zuschauer:innen auch unsympathische Grummler, Alkoholsüchtige, traurige und bockige Teenager ins Herz schließen und ihnen ein Happy End wünschen.
Die Inszenierung ist eine große Verbeugung vor den Filmen der 1970er Jahre. Doch gleichzeitig ist sie narrativ ganz im Hier und Jetzt, so dass sie auch den modernen Sehgewohnheiten schmeichelt. Barton dient als Inspiration und ist die perfekte Kulisse für solch einen Film, der zwar klar in einer bestimmten Zeit verordnet ist, aber auch etwas Zeitloses, Universelles besitzt. Dieses riesige, herrschaftliche Gebäude spiegelt trotz vieler Holzvertäfelungen wunderbar die fehlende Wärme aus, an der all diese Personen leiden ,die deshalb auf andere Mittel wie Alkohol zurückgreifen. Natürlich hat Payne hier wieder vor allem den Schauspieler:innen viel Raum gelassen, die ihre Figuren mit allen Nuancen in ihrem ambivalenten Spiel ergründen. So sind die Rollen von Paul Giametti („Saving Mr. Banks“ (2013)), Da’Vine Joy Randolph (Serie „Only Murders in the Building“ (2021-2024)), Carrie Preston („True Blood“ (2008-2014)) und Newcomer Dominic Sessa keine eindimensionalen Figuren, oft nicht sympathisch, aber authentisch und vielschichtig. Ihre Schicksalsgemeinschaft berührt mit leisen Tönen und zeigt, wie schwierig es manchmal sein kann, auf Menschen zuzugehen, aber wie wohltuend das dann auch sein kann. Die Schauspielerin Da’Vine Joy Randolph wurde dafür auch mit dem Oscar als ‚ Beste Nebendarstellerin‘ ausgezeichnet. Leider konnte der Film ansonsten keine weitere seiner fünf Nominierungen bei den 96. Oscars 2024 gewinnen.
Fazit: „The Holdovers“ von Alexander Payne war einer der großen Oscarkandidaten der 96. Oscarverleihung 2024. Leider bekam er nur eine der fünf Trophäen zugesprochen, denn der Spielfilm hätte mit seiner gekonnten Inszenierung, den vielschichtigen Figuren und seinem gesamten Atmosphäre angesiedelt zwischen Aufbruchsstimmung und Weihnachtsmelancholie wirklich mehr verdient.
Bewertung: 8,5/10
Kinostart: 25. Januar 2024 / Streaming auf WOW und Sky:
Trailer zum Film „The Holdovers“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Sigrid Fischer, ‚Neue Filme: „The Holdovers“ und „Stella“‘, deutschlandfunk.de, 2024
- Podcast – Pop Culture Happy Hour, ‚In ‚The Holdovers,‘ three broken people get schooled‘, npr.org, 2023
- Podcast: Deutschlandfunk Nova – 1 Stunde Film: Anna Wollner & Tom Westerholt, ‚ARD-Serie „2 Minuten – 24/7“: Elternsein nonstop‘, deutschlandfunknova.de, 2024
- Vollbild Podcast, ‚Die privilegierte Welt der Eliteschule: Alexander Paynes „The Holdovers“‘, deutschlandfunkkultur.de, 2024
- Sascha Westphal, ‚Kritik zu The Holdovers‘, epd-film.de, 2024
- Jörg Schiffauer, ‚The Holdovers: Ferien wie noch nie‘, ray-magazin.at, 2024
- Daniel Moersener, ‚„The Holdovers“: Viele Zigaretten, Würstchen und dazu ein mittlerer Schwips‘, zeit.de, 2024
- Podcast It’s been a Minute, ‚Da’Vine Joy Randolph on ‚The Holdovers‘ and becoming a matriarch‘, npr.org, 2024


