„Eine Erklärung Für Alles“ (2023)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Der ungarische Spielfilm „Eine Erklärung für Alles“ (OT: „Magyarázat Mindenre“, Ungarn, Slowakei, 2023) von Gábor Reisz, der bei den 80. Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2023 seine Weltpremiere feierte und u.a. im ‚U18-Wettbewerb‘ des 34. Filmfestival Cottbus 2024 lief, ist ein höchst politischer Film, der aber auf äußerst leichtfüßige Weise seine Geschichte erzählt.

Abel (Gáspár Adonyi-Walsh) hat keinen Kopf fürs Lernen. Viel lieber denkt er an seine Mitschülerin Janka (Lilla Kizlinger), in die er schon so länger verknallt ist. Sie hat aber nur ihren Geschichtslehrer Jakab (András Rusznák) im Sinn. Während der Abiturprüfung kann Abel keinen klaren Gedanken fassen und fällt in Geschichte durch. Als er seinem strengen Vater György (István Znamenák) davon erzählt, der beruflich darunter leidet, dass sein Kollege nach Dänemark auswandern will, berichtet er auch davon, dass er auf seinen Ungarn-Pin am Jacket angesprochen wurde. Der Vater ist empört, da er es für eine politisch motivierte Diskriminierung hält und auf einmal klopft auch die Presse an Abels Tür.

Krisztina Urbanovits, Gáspár Adonyi-Walshund István Znamenák

Der 151-minütige Film ist der dritte Spielfilm des Regisseurs Gábor Reisz, der zusammen mit Éva Schulze das Drehbuch schrieb. Dieses besticht durch eine verschachtelte Erzählstruktur. In mehreren Kapiteln wird die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkel erzählt. Dabei setzt der Film einen manchmal an den Anfang zurück oder steigt mittendrin ein. Die Kapitel-Titel geben dabei Orientierungshilfe oder sind manchmal einfach nur amüsante Einsprengsel. Die Inszenierung ist trotz einiger schwerer Themen und politischen Auseinandersetzungen niemals schwer, trist oder langatmig. Stets mit Schwung und einer Prise Humor nimmt uns Reisz mit auf diese gesellschaftliche Berg- und Talfahrt. Auch wenn sein politischer Standort klar ist und die Kritik am politischen System und staatstreuen Medien deutlich heraus lesbar ist, schlägt er sich erzählerisch nicht auf eine Seite, sondern lässt alle Parteien zu Wort kommen. Gelungen ist auch, wie unterschiedlich stark die Personen die Tragweite ihrer Handlungen begreifen. Das passt auch gut zum Anfang des Films, wo man die Jugendlichen beim Feiern sieht. Ihrer Unbeschwertheit liegt nichts im Weg und sie haben nur ihr eigenes Wohlergehen im Blick. Das wird auch visuell durch einen kleineren Bildausschnitt, der dann größer wird, eingefangen. So öffnet sich die jugendliche Welt den großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. 

Gáspár Adonyi-Walsh

Die Inszenierung des nach eigener Aussage Low-Budget-Films ist nicht nur narrativ sehr gut, sondern schafft es auch, das Alltägliche cineastisch aufzubereiten. Der Film ist klar im Hier und Jetzt verortet, aber besticht durch ungewöhnliche Kameraeinstellungen und -ausschnitte, sodass man wie die Geschichte selbst Räumlichkeiten und Gegebenheiten erst nach und nach begreift. Dabei konzentriert er sich auch oft in Nahaufnahmen auf die Gesichter seiner Protagonist:innen und schafft es so, ein Gefühl für sie und ihre Situation zu vermitteln. Die Darsteller:innen wie Gáspár Adonyi-Walsh, István Znamenák und András Rusznák sind alle hervorragend ausgewählt. So entstand ein durch und durch spannend inszenierter, eindringlicher, aber nie beschwerlicher Polit-Film, der die aktuelle Situation des Landes wunderbar einfängt.

Standbild aus dem Film „Eine Erklärung für Alles“

Fazit: „Eine Erklärung für Alles“ ist der dritte Spielfilm des ungarischen Regisseurs Gábor Reisz, der darin in einer freien, in Kapitel unterteilten Erzählstruktur mit verschiedenen Positionen eine Coming-of-Age-Geschichte mit einem Polit-Drama vereint. Die Kritik am System ist dabei klar erkenntlich, aber trotzdem lässt er alle Parteien zu Wort kommen. Trotz der Wichtigkeit der Themen, ist der Film über seine Gesamtlänge sehr unterhaltsam, hier und da humorvoll und schafft es, die Tragik des Ganzen ohne Schwere einzufangen.

Bewertung: 8,5/10

Kinostart: 19.12.2024

Trailer zum Film „Eine Erklärung Für Alles“:

 

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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