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Filmkritik: Der Spielfilm „Im Haus meiner Eltern“, der seine Premiere auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam feierte und nun in den deutschen Kinos startet, ist der erste abendfüllende Spielfilm und die Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg von Tim Ellrich, der bisher mit seinen Kurzfilmen wie „Die Badewanne“ (2016) und der Dokumentation „Mein Vietnam“ (2020) auf sich aufmerksam machte.
Holle (Jenny Schily) ist Geistheilerin und lebt mit ihrem Mann Dieter (Johannes Zeiler) ein eher zurückgezogenes Leben. Regelmäßig trifft sie sich mit ihren Eltern (Ursula Werner und Manfred Zapatka), die noch zusammen mit ihrem seit 30 Jahren an Schizophrenie leidenden Bruder Sven (Jens Brock) unter einem Dach leben. Als die Mutter ins Krankenhaus kommt, beschließt Holle, sich ihres Bruders Sven anzunehmen und überlegt, wie es für ihn weitergehen kann. Sie plädiert für die Aufnahme in eine stationäre Einrichtung, aber bekommt viel Gegenwind von ihrer Familie und auch Sven äußert sich nicht.
Der 95-minütige Spielfilm erzählt beinahe als Kammerspiel von einer Familie, die jahrelang den Elefant im Raum ignoriert hat. Tim Ellrich, der auch das Drehbuch geschrieben hat, konzentriert sich dabei auf die einzelnen Familienmitglieder und wie sie mit der Erkrankung von Sven umgehen. Im Zentrum steht Holle, die von Ellrichs Mutter inspiriert wurde. Er verarbeitet in seinem ersten Langspielfilm die eigene Familiengeschichte und spürt der Frage nach, warum sich die Familie dafür entschied, den schizophrenen Onkel nicht in Behandlung zu geben oder ihm ein anderes Leben zu ermöglichen. Da die Geschichte aus dem Inneren der Familie erzählt wird, ist dies auch der Fokuspunkt des Films. Das Publikum bleibt dicht an der Seite Hollys, erlebt sie bei ihrer Arbeit, im Privaten und wie sie immer wieder versucht, ihre Familie wachzurütteln. Doch trotz der Nähe, kann man ihr nicht hundertprozentig näherkommen. Ein ganz klares Verstehen, warum sie diesen Kampf kämpft, ist nicht vorhanden. Warum bemüht man sich um etwas, was von allen Seiten nicht gewollt wird? Wann lohnt es sich, sich zurückzuziehen und selbst ein schönes Leben zu leben? Die letzte Frage schwingt die ganze Zeit mit und lässt beim Publikum die Frage auftauchen, wie man es selbst handhaben würde. Gelungen ist, dass man durch diese Konzentration auf Holle als Zuschauende wenig mit Sven in Berührung kommt, der wie ein Geist im Haus seiner Eltern lebt. Er, seine Wünsche und seine Lebensvorstellungen sind ein Mysterium, wie es auch für die Familie eine nie beantwortete Frage bleibt.
Auf der inszenatorischen Ebene schmiegt sich alles dem schwermütigen Drama an. Die Aufnahmen sind in Schwarz-Weiß gehalten und lassen keine farblichen Lichtblicke oder Lebendigkeit in die Bilder. Die Kameraarbeit ist präzise, immer dicht an den Figuren und überträgt die inhaltliche Fokussierung auf die Bilder. So wird Holly oft bildfüllend eingefangen, aber Sven dagegen nur angeschnitten. Hinzu kommt das Schauspiel des gut besetzten Ensembles u.a. mit Jenny Schily, Ursula Werner und dem Laiendarsteller Jens Brock. Diese füllen ihre Rollen mit einer beinah dokumentarischen Qualität aus. So ist im Gesamten eine gewisse Nähe zum Dokumentarfilm nicht zu leugnen, da die Inszenierung sehr geerdet und weniger cineastisch ist. Dazu passt auch gut der Verzicht auf Musik, so dass das Publikum sich ganz auf die Figuren und ihre Dialoge konzentrieren kann.
Fazit: „Im Haus meiner Eltern“ ist der erste lange Spielfilm des deutschen Regisseurs Tim Ellrich. Die Geschichte, welche aus seiner eigenen Familiengeschichte heraus entstand, beschäftigt sich mit familiären Strukturen und dem Umgang mit erkrankten Familienmitgliedern. Dafür wählt er ein schwermütige und reduzierte Inszenierung, die sich stark auf ihre Figuren konzentriert und so der Blick auf die eigentliche Tragik nicht verstellt wird, so dass man als Publikum sich mit der Thematik – auch wenn es teils anstrengend ist – sich beschäftigen muss.
Bewertung: 6,5/10
Kinostart: 10. April 2025
Trailer zum Film „Im Haus meiner Eltern“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Wikipedia-Artikel über den Film „Im Haus meiner Eltern“
- Doreen Kaltenecker, ‚Sieben Fragen an Tim Ellrich‘, testkammer.com, 2025
- Vanja Kaludjercic, ‚Im Haus meiner Eltern – IFFR EN‘, iffr.com, 2025
- Oliver Armknecht, ‚Im Haus meiner Eltern‘, film-rezensionen.de, 2025
- Patrick Wellinski: Vollbild. Die ganze Sendung, in Podcast: Deutschlandfunk Kultur Vollbild, 08.02.2025.
- Manfred Riepe: Im Haus meiner Eltern, in: EPD Film, Ausgabe 4/25, S. 57.

