„Was Marielle weiß“ (2025)

Michael Kaltenecker
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Filmkritik: Zwei Wettbewerbsfilme der 75. Berlinale 2025 stellten ein telephatisches Mädchen ins Zentrum ihrer sonst unterschiedlichen Geschichten. Der ruhige spanisch-argentinische Film „The Message“ („El Mensaje“) ließ ein junges Mädchen Kontakt mit Tieren aufnehmen. Beim weniger ruhigen „Was Marielle weiß“ (ET: „What Marielle Knows“) des Regisseurs und Drehbuchautors Frédéric Hambalek, der bei der 75. Berlinale 2025 seine Weltpremiere feierte, beziehen sich die telepathischen Fähigkeiten nur auf die eigenen Eltern.

Julia Jentsch und Felix Kramer

Marielle (Laeni Geiseler) bekommt nach der Ohrfeige von einer Freundin alles mit, worüber ihre Eltern alles sagen und was sie so machen. Das stellt sowohl sie als auch ihre Eltern Julia (Julia Jentsch) und Tobias (Felix Kramer) auf die Probe. Marielle kann plötzlich alle kleinen und großen Lügen und Heimlichkeiten ihrer Eltern ihr gegenüber, aber auch untereinander aufdecken. Dadurch, dass sie ihre Fähigkeit nicht verheimlicht und sich die beiden der Beobachtung durch ihre Tochter bewusst sind, werden die üblichen Verhaltensmuster der Eltern aufgebrochen und die ständige Beobachtung bringt sie immer wieder in absurde Situationen.

Julia Jentsch

Der Film lässt die Entdeckungs- und Verheimlichungs-Phase von Marielles Fähigkeit, welche viele Filme ausschmücken würden, einfach aus. Die Erzählung erfolgt konsequent aus der Perspektive der Eltern. Sie wissen fast von Anfang an, was Marielle kann und der Fokus liegt darauf, wie sie damit umgehen. Dieser Fokus ist eine gute Entscheidung, weil so Raum für eine thematische Exploration von Selbstdarstellung in Partner- und Elternschaft abseits von Superfähigkeiten-Klischees entsteht. Die Dialoge in den absurden und dadurch humorvollen Situationen sind der Kern des Films. Das bisweilen etwas hölzerne und steife Schauspiel passt thematisch gut dazu. Die Eltern werden zu Laienschauspieler:innen für ihre Tochter und ihr gestelztes Spiel vermittelt das überzeugend. Die Inszenierung bleibt dabei immer zweckmäßig.

Felix Kramer

Auch wenn der Fokus des Films gar nicht auf Marielle liegt, kann der Film als Coming-of-Age-Film gelesen werden, nur eben aus der Perspektive der Eltern. Wie ist das, wenn das eigene Kind plötzlich mehr mitbekommt und das auch artikulieren kann? Wenn es merkt, dass die Eltern doch nicht perfekt sind? Wie ändert sich das eigene Verhalten, vor allem, wenn das Kind Widersprüche in der Selbstdarstellung erkennt? Zusätzlich geht es um Partnerschaften und Kindererziehung: Wie sehr verstellen wir uns gegenüber Partner und Kindern? Wie sehr wollen wir uns so darstellen, wie wir eigentlich gerne wären, statt wie wir eigentlich sind?

Fazit: Der Film ist trotz seiner Absurdität und seines Humors eine zum Nachdenken anregende Beschäftigung mit diesem Spannungsfeld, auch wenn der Regisseur Frédéric Hambalek es eher aufzeigt statt auflöst. Das ist aber völlig in Ordnung, denn auf diese Weise  kann der Film sowohl gut unterhalten als auch all diese Themen platzieren, Fragen stellen und zur eigenen Beschäftigung damit einladen.

Kinostart: 17. April 2025

Trailer zum Film „Was Marielle weiß“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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