„Kein Tier. So Wild“ (2025)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Der deutsche Regisseur Burhan Qurbani hat bereits mit seiner letzten Romanadaption „Berlin Alexanderplatz“ (2020) auf sich aufmerksam gemacht und den Roman von Alfred Döblin aus dem Jahr 1929 ins heutige Berlin übertragen. Diesmal nimmt er sich ein Werk William Shakespeares vor und verwandelt „Die Tragödie von König Richard III.“ (1593) mit „Kein Tier. So Wild“ (ET: „No Beast. So Fierce.“, Deutschland/Polen/Frankreich, 2025), das seine Weltpremiere auf der 75. Berlinale 2025 feierte, in ein Gang-Drama der Gegenwart.

Rashida (Kenda Hmeidan) ist die jüngste Tochter eines Berliner Clans. Durch ein Attentat auf den verfeindeten Clan macht dieser seine Vormachtstellung deutlich. Doch Rashida möchte mehr sein, als ein Teil der Familie, der strategisch verheiratet wird – sie möchte selbst Oberhaupt sein. Doch ihre Weiblichkeit, ihre Stellung und, dass sie konsequent unterschätzt wird, verstellen ihr die Aufstiegschancen. Also beschließt sie, im Geheimen Intrigen zu spinnen, lässt Freund und Feind auch mit der Hilfe ihrer Amme Mishal (Hiam Abbass) aus dem Weg räumen, überschreitet dabei mehr als einmal eine rote Grenze und kommt so aber ihrem Ziel immer näher.

Das Shakespeare-Werk über den beeinträchtigen, machtgierigen Königssohn überträgt der Regisseur Burhan Qurbani („Wir sind jung. Wir sind stark“ (2015)), der zusammen mit Enis Maci die Vorlage in ein Drehbuch verwandelt hat, in die heutige Zeit und auf Clanstrukturen. Seine Beeinträchtigung, eine verdrehte Wirbelsäule durch Skoliose, wird hier umgedeutet: Das Frausein Rashidas – ihr weiblicher Körper, der die Nachkommen sichern soll, steht ihren Ambitionen im Weg. Sie selbst liebt eine Frau und will sich in keiner Weise Männern unterwerfen. Missgunst, Neid und das Gefühl, ständig übergangen zu werden, machen Rashida zu einem erbarmungslosen Menschen. Wenn man sich als Zuschauende am Anfang noch auf ihrer Seite wägt, kann man ihre Radikalität und Konsequenz über den Fortgang des Films zwar nachvollziehen, aber nicht mittragen. Bis zur letzten Minute bleibt der Film spannend, obwohl es, wie schon in Shakespeares Stück, wirklich keine Sympathieträger:innen gibt.

Die 142 Spielminuten sind dabei dicht gepackt und lassen kaum Raum zum Atmen. Qurbani  hat den Film in fünf Akte unterteilt und erzählt mit dem Aufstieg Rashidas den Abstieg des gesamten Clans, an deren Spitze sie bald beinahe allein ist. Sie lässt die familiären Gefüge, die auch geschwisterliche Liebe beinhalten, in sich zusammen stürzen, um ihre Macht zu zementieren. Die Inszenierung verändert sich mit jedem Akt und mit den einzelnen Szenen immer mehr. Während anfänglich große cineastische Bilder die Leinwände dominieren, wird das Theaterhafte mit der Zeit immer mächtiger. Die Festung, in der Rashida am Ende regiert, ist eine Bühne aus Sand und mit wenig Interieur. Auch die Kleidung, das Make-Up und die Farben ändern sich im Laufe des Films, vom schwarz-kühlen Authentischen hin zu goldenen, bühnenhaften Kostümen. Die Nähe zum Theater merkt man auch den Darsteller:innen an. Die Gorki-Schauspielerin Kenda Hmeidan übernahm die Hauptrolle und es ist eine Freude, wie sie sich in die Rolle mit all ihrer Extremität hineinfühlt. Aber auch die weiteren Rollen u.a. mit Verena Altenberger, Hiam Abbass und Mona Zarreh Hoshyari Khah sind hervorragend besetzt. Sie schaffen es, die Worte von Shakespeare, die hier und da natürlich auch modernisiert wurden, überzeugend zu intonieren und damit die Wucht des Stückes auf die Leinwand zu übertragen. Zudem verzichtet der Film beinahe ganz auf Musik, sodass das Rohe, Unverfälschte und die Sprache im Vordergrund stehen. 

Fazit: „Kein Tier. So Wild.“ ist die Adaption des Shakespeare-Stückes „Richard III.“. Der Regisseur und Drehbuchautor Burhan Qurbani holt die Geschichte um Anerkennung, Aufstieg und Machtbesessenheit ins heutige Berlin. Die Clans bilden den Hintergrund für die weibliche Version von Richard, die mit allen Mitteln ihren Weg nach oben folgt. Stark gespielt, die Sprache nah an der Vorlage gehalten und mit einer Inszenierung zwischen Kino und Theater fesselt der Film, der aber auch Aufmerksamkeit und auch ein gewisses Aushalten vom Publikum abverlangt. 

Bewertung: 7,5/10

Kinostart: 8. Mai 2025

Trailer zum Film „Kein Tier. So Wild“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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