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368 Seiten / ab – Jahren / Karl Blessing Verlag / 13 €
Buchkritik: Der britische Autor Kazuo Ishiguro, der 2017 den Nobelpreis für Literatur für seinen Roman „Was vom Tage übrig blieb“ (OT: „The Remains of the Day“, 1989) erhielt, hat sich in seinem neun Bücher umfassenden Œuvre auf zwei Sujets konzentriert. Zum einen blickt er aus ungewöhnlicher Perspektive auf historische Ereignisse, zum anderen erzählt er Geschichten aus der Zukunft. Gemein haben alle Geschichten einen melancholischen Grundton. „Alles, was wir geben mussten“ (OT: „Never let me Go“, 2005) gehört zu der zweiten Art und wurde bereits 2010 mit Carey Mulligan, Keira Knightley und Andrew Garfield in den Hauptrollen verfilmt.
Kathy arbeitet seit einiger Zeit als Betreuerin und hat den Kontakt zu ihren ehemaligen besten Freund:innen Ruth und Tommy verloren. Während sie durch das Land reist und sich ihrer Aufgabe widmet, denkt sie oft an die Zeit zurück, in der die drei im Internat in Hailsham zusammen zur Schule gegangen sind. Sie erinnert sich daran, wie Ruth und Tommy damals zusammengekommen sind und wie schwer es für Tommy war, da er keine Kreativität zu besitzen schien. Auch rekapituliert sie die Zeit als junge Erwachsene, als sie darauf versessen waren, die Geheimnisse und die offenen Fragen ihres Lebens und Daseins zu klären, bevor es zu spät war.
Der 348-seitige Roman, der auch 2005 für den Booker Prize nominiert war, ist das sechste Werk des in Japan geborenen und in Großbritannien aufgewachsenen Autors Kazuo Ishiguro (Jahrgang 1954). Er führt uns in eine dystopische Zukunft, in der jungen Menschen ein vorbestimmtes Schicksal auferlegt wurde. Ihr gesamtes Leben ist fremdbestimmt und darauf ausgerichtet, irgendwann ihre Aufgabe zu erfüllen. Dass dies mit einem frühen Tod und auch keiner eigenen Familie einhergeht, ist den jungen Protagonist:innen tief in ihrem Inneren klar. Der Roman nimmt die Perspektive Kathys ein, die rückblickend auf ihre Jugend- und jungen Erwachsen-Jahre blickt und so gleich auch das Erlebte zum Teil für uns einordnet. Immer wieder springt die Erzählung – wie auch in seinen anderen Büchern – in den Zeitebenen hin und her. Auch verwendet Ishiguro hier wieder meisterhaft Andeutungen und Erwähnungen, so dass man, wie auch die jungen Held:innen, einige Zeit braucht, um das große Ganze dieser Geschichte zu begreifen. Dabei kann man nicht von Held:innen sprechen, denn sie ergeben sich ihrem Schicksal. Die Frage, warum sie nicht mehr aufbegehren, schwebt über der Lektüre, doch gleichzeitig schafft es der Autor, das Gefühl ihrer Ohnmacht deutlich zu machen. Auch wenn man hier von einem dystopischen Zukunftsroman sprechen kann, liegt der Schwerpunkt vor allem auf den Menschen und ihren Gefühlen. Dabei schüttelt der Roman zu keiner Zeit seinen melancholischen Grundton ab und berührt noch lange nach der Lektüre mit der Geschichte der Drei. Diese Art der Erzählung findet man auch in seinem neuesten Roman „Klara und die Sonne“ (2021) wieder und man ist als Leser:in verlockt ‚Das Melancholische‘ zum Grundprinzip seiner Geschichten zu erklären.
Fazit: „Alles, was wir geben mussten“ ist ein Roman von Kazuo Ishiguro, der eine Geschichte in einer dystopischen Zukunft und von drei ungewöhnliche Held:innen erzählt. Aus der Sicht einer der Drei erzählt Ishiguro von ihrem Aufwachsen, ihrer Verbindung und ihrer zu kurzen Zukunft. Dabei geht es ihm um das Menschliche und er schuf so keinen typischen Zukunftsroman, sondern eine Geschichte, die tief durchzogen ist von Melancholie und menschlichen Gefühlen.
Bewertung: 4,5/5
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Wikipedia-Artikel über den Roman „ Alles, was wir geben mussten“
- Yvonne Tunnat, ‚Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro‘, rezensionsnerdista.de, 2021
- Wiebke Lehnhoff, ‚Literatur: Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro‘, deutschlandfunknova.de, 2017