„Noch lange keine Lipizzaner“ (2025)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Die Dokumentation „Noch lange keine Lipizzaner“ ist das Langfilm-Debüt der österreichischen Regisseurin Olga Kosanović, das seine Weltpremiere im Wettbewerb des 46. Filmfestival Max Ophüls Preis 2025 feierte, und eine persönliche Geschichte, aber mit einem allumfassenden Blick auf ihr Heimatland.

Die in Österreich geborene Regisseurin Olga Kosanović, deren Eltern aus Serbien nach Österreich zogen, wird bei ihrem Antrag auf Staatsbürgerschaft abgelehnt, da sie aufgrund ihrer vielen Auslandsaufenthalte nicht integrierbar sei. Darauf beginnt sie sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen, welche Kriterien für eine Einbürgerung erfüllt werden müssen und warum Österreich auf dem europäischen Ranking einer schwierigen Einbürgerung ganz oben steht. Auch geht sie der Frage nach, was sie selbst und die Anderen zu Österreichern und Österreicherinnen macht? Wie funktioniert gelebte Demokratie, wenn u.a. ein Drittel der Wiener:innen mittlerweile nicht mehr wahlberechtigt ist?

Bereits in ihrem Kurzspielfilm „Land der Berge“ (2023), der auf vielen Festivals u.a. in Saarbrücken, Dresden und Landshut, ausgezeichnet wurde, hat Olga Kosanović sich bereits mit der österreichischen Bürokratie und dem Leben von Immigrant:innen im Land beschäftigt. Als ihre eigene Einbürgerung aufgrund eines um wenige Tage zu langen Auslandsstudiums scheiterte, beschloss sie, das Thema auch filmisch aufzubereiten. Als sie nach einem Beitrag beim ORF auch im Internet viele Reaktionen auf ihre Geschichte (u.a. stammte von dort auch der Titel) erhielt, begann sie sich weiter diesen Themen zu widmen. Was macht einen Staatsbürger aus? In welche Krise stürzt sich ein Land, wenn mittlerweile in Wien ein Drittel der Bevölkerung nicht wählen darf? Was macht Identität aus? Und wieso tut sich gerade Österreich so schwer damit? Um Antworten zu finden, suchte sie sich viele Gesprächerspartner:innen wie Rechts- und Kulturwissenschaftler:innen, aber auch den Schriftsteller Robert Menasse und die Philosophin Isolde Charim. Sie schafft es, viele Meinungen und Stimmungen – auch direkt aus der Bevölkerung – aufzugreifen. Hinzu kommen nachgestellte und fiktive Szenen sowie ein ausgedachtes Brettspiel zu dem Thema. Auch steuerte Alexander Gratzer Animationen zum Film bei. Mit vielen kreativen Mitteln macht Kosanović so auf die Missstände aufmerksam. Dabei schafft es der Film leichtfüßig und verspielt zu bleiben und trägt so viel einfacher die wichtigen und ernsten Themen an das Publikum heran. Denn der Film ist schonungslos ehrlich, lässt die Zuschauenden von Zeit zu Zeit den Kopf schütteln und macht klar, dass es hier politisch viel Nachholbedarf gibt. Gleichzeitig sagt das System aber auch was über die Menschen, einen gewissen Nationalismus und den gesellschaftlichen Verbund aus. Viel Stoff, mit dem man sich beschäftigen kann, und das noch viel länger als nur bei der Sichtung des Films, u.a. auch mit der Frage, wie es um Deutschland in dieser Hinsicht bestellt ist.

Fazit: „Noch lange kein Lipizzaner“ ist eine Dokumentation und der erste Langfilm von Olga Kosanović. Von einem persönlichen Ausgangspunkt – dem Scheitern ihrer eigenen Einbürgerung in Österreich, wo sie geboren wurde – beschäftigt sie sich mit den Strukturen, systemisch, politisch und gesellschaftlich, die zu solch einer strengen Regelung führen. Dazu findet sie nicht nur visuell kreative Ansätze, sondern auch viele Gesprächspartner:innen, um die Frage nach Identität, Gesellschaft und was einen echten Österreicher, eine echte Österreicherin ausmacht, zu erörtern. 

Bewertung: 8,5/10

Kinostart: 2. Oktober 2025

Trailer zum Film „Noch lange keine Lipizzaner“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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