Sieben Fragen an Selin Besili

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der Schweizer Regisseurin Selin Besili konnten wir mehr über ihre Kurz-Dokumentation „Unser Name ist Ausländer“ erfahren, die im Programm des 41. interfilm Berlin 2025 ihre Premiere feierte, den sie zusammen mit ihren Geschwistern realisiert hat. Sie erzählt, wie die Mischung aus verschiedenen Aufnahmen zustande kam, wie schnell ihre Familie sich auf das Projekt einließ und welche Reaktionen sie aus dem Publikum erfreute.

Wie ist die Idee zu Deinem Filmprojekt entstanden?

Während meines Filmstudiums an der Hochschule Luzern habe ich immer wieder Kurzfilme mit unterschiedlichen Familienmitgliedern realisiert. In meinem Abschlussjahr wollte ich mich filmisch mit unserer Geschwisterbeziehung auseinandersetzen und untersuchen, wie unser jeweils unterschiedlicher Bezug zu unserer Familienkultur diese geprägt hat. Daraus entwickelten sich Gespräche und Interviews, in denen meine Geschwister offen über ihre Erfahrungen mit Rassismus sprachen, was ich unbedingt in den Film inkludieren wollte.

Wie schnell war Deine Familie mit an Bord und wie fühlt es sich an, selbst Teil des Films zu sein?

Eigentlich ging es ziemlich schnell. Alle drei hatten Lust, mitzumachen und sich auch inhaltlich einzubringen, z.B. bei der Wahl der Drehorte oder der Frage, wie wir uns darstellen wollen. Mir war außerdem wichtig (auch aus filmethischen Gründen), mich nicht hinter der Kamera zu verstecken, sondern mich zu ihnen zu setzen und mitzumachen. Mir wurde dadurch bewusst, wie sich meine eigene Entwicklung von Scham über Angst hin zu Wut vollzogen hat. Auch dieser Prozess wurde schließlich Teil des Films.

In welchem Rahmen und über welchen Zeitraum ist Dein Film entstanden?

Der Film entstand im letzten Jahr meines Bachelorstudiums und ist mein Abschlussfilm. Insgesamt hatten wir circa zehn Monate Zeit für die Entwicklung, Finanzierung, Herstellung und Postproduktion des Films.

Erzähl mir bitte mehr zum visuellen Ansatz Deines Films. Wie viele der Bilder sind auch spontan entstanden?

Inszenierungen waren mir von Beginn an sehr wichtig. Gemeinsam mit meiner DoP Sara Čolić habe ich diese Wohnzimmer-Totalen entwickelt. Schon früh haben wir uns in Musikvideos nach Inspirationen umgesehen und darüber nachgedacht, was diese Inszenierungen erzählen sollen und was uns formal wichtig ist. Gleichzeitig war mir eine klassisch dokumentarische Ebene wichtig, die im Schrebergarten meiner Tante angesiedelt ist, der für unsere Familie ein zentraler Treffpunkt ist. Während dieser Dreharbeiten habe ich zahlreiche, sehr spontane Behind-the-Scenes Aufnahmen gemacht, inspiriert von den Archivvideos unserer Familie, die ebenfalls im Film zu sehen sind. Im Schnitt machte mich meine Editorin Selin Dettwiler darauf aufmerksam, dass diese Behind-the-Scenes Aufnahmen eine besondere Intimität besitzen und als eigenständige Ebene sehr gut funktionieren könnten. Daraufhin bat sie mich, weitere Aufnahmen mit der Mini-DV-Kamera zu drehen, einzelne Porträts meiner Geschwister, die zu ihren jeweiligen Interviewaufnahmen passen könnten.

Hat sich durch den Film die Sicht auf bestimmte Aspekte geändert? Habt ihr Feedback vom Publikum bekommen, das möglicherweise auch zu grundlegenden Diskussionen führte?

Geändert hat sich für mich grundsätzlich nichts, aber ich habe viele neue Erkenntnisse gewonnen. Vor allem habe ich gemerkt, in welchen Räumen und Kontexten ich mich mit dem Film wohlfühle und in welchen etwas weniger. Besonders prägend waren die Screenings in Deutschland mit Jugendlichen und Schulklassen. Dort konnten sich viele öffnen und haben sich (hoffentlich) genug safe gefühlt, um über ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus zu sprechen (daraus sind dann auch Diskussionen zwischen Schüler*innen und Lehrpersonen entstanden, was ich auch mega toll fand). Außerdem haben mir einige Jugendliche wirklich sehr spannende Fragen gestellt, die mir auf anderen Festivals so nicht gestellt wurden, was ich auch mega schön fand.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Schon früh war ich von Kameras fasziniert, meine erste Fotokamera habe ich von meiner Großmutter geschenkt bekommen. Später, im Gymnasium mussten wir einen Imagefilm für unsere Schule realisieren, und dabei erkannte meine Lehrerin, wie viel Freude mir vor allem die Planung und Regiearbeit dieses Films bereitete. Sie empfahl mir daraufhin, einen gestalterischen Vorkurs zu absolvieren und das Filmemachen weiterzuverfolgen. Fast sieben Jahre später habe ich mich dann schließlich auch getraut, mich für ein Filmstudium zu bewerben.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, zurzeit arbeite ich an der Entwicklung eines Langspielfilms, der von einer sechsköpfigen kurdischen Familie erzählt, die vor der Herausforderung steht, einen Schweizer Einbürgerungstest zu bestehen. Gleichzeitig behandelt der Film auch verborgene Familiengeheimnisse und -konflikte. Daneben habe ich mehrere Dokumentarfilmideen, die sich noch in einem frühen, nicht konkretisierten Stadium befinden.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Unser Name ist Ausländer

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