- Neun Fragen an Jake Wachtel - 25. Juni 2026
- „The Sentry“ (2025) - 25. Juni 2026
- Kinostarts 25.06.2026 - 24. Juni 2026
Interview: Im Gespräch mit dem US-amerikanischen und in Kambodscha lebenden Filmemacher Jake Wachtel konnten wir mehr über seinen Spionage-Geister-Film „The Sentry“ erfahren, der im Genre-Programm des 26. Landshuter Kurzfilmfestivals 2026 zu sehen war, über das Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer:innen und welche Bedeutung das Land Kambodscha für ihn hat.
The original english language interview is also available.
Kannst Du mir mehr zum Ausgangspunkt deines Films erzählen?
Der Film entstand aus dem Zusammentreffen mehrerer Faktoren. Ich liebe Spionage- und Actionfilme, aber die darin dargestellte beiläufige Gewalt hat mir schon immer Unbehagen bereitet – das Miterleben so vieler anonymer Todesfälle hat etwas, das die Seele zerfrisst. Dieser Instinkt prallte auf die Tatsache, dass ich seit über einem Jahrzehnt immer wieder in Kambodscha lebe und mir bewusst geworden ist, wie sehr die Räder des globalen Kapitalismus ebenfalls auf der anonymen Arbeitskraft von Menschen an Orten wie Kambodscha beruhen. Als Westler, der allein durch seine Anwesenheit von Formen des Neokolonialismus profitiert, wollte ich eine Geschichte erzählen, die sich mit dieser Mitschuld auseinandersetzt. Doch anstatt den Film direkt über den globalen Kolonialismus zu drehen, reizte mich die Idee, eine Geschichte über den beiläufigen Tod durch einen Tonwechsel und Genre-Subversion zu erzählen.
Ich mochte den Wechsel von einem scheinbar knallharten Agenten-Actionfilm hin zum gefühlvollen Geister-Film sehr. Damit hatte ich nicht gerechnet. Wie weit war Dir das Spiel mit Erwartungen wichtig und forciert?
Ganz bewusst. Das Genre auf den Kopf zu stellen, war das Ziel. Ich wollte, dass das Publikum eine ähnliche Reise erlebt wie der Spion selbst – dass es in einer Art von Film beginnt und in einer anderen endet und diesen Wandel gemeinsam mit ihm spürt. Der Stimmungswechsel war kein Zufall; sie war der springende Punkt.
Gibt es Filme, die Du direkt benennen kannst, die Dich inspiriert haben?
Die James-Bond-Filme aus der Roger-Moore-Ära waren ein wichtiger Bezugspunkt – das ist die Spionagetradition, aus der ich geschöpft und mit der ich gespielt habe. Der Ton dieser Filme, diese Mischung aus Charme und Absurdität, hat etwas an sich, das ich heraufbeschwören und dann untergraben wollte.
Der andere wichtige Bezugspunkt war gar kein Film – es war George Saunders’ Roman „Lincoln in the Bardo“ [„Lincoln im Bardo“, 2017]. Die Art und Weise, wie er Humor, Pathos und das Spirituelle gleichzeitig vereint, mit Geistern, die streiten, scherzen und Geschichten erzählen, hatte direkten Einfluss darauf, wie ich die zweite Hälfte des Films angegangen bin.
Kambodscha – die Landschaft und die Menschen – spielt eine wichtige Rolle für den Film. Was war Dir wichtig von dem Land zu vermitteln?
Ich wollte, dass dieser Kurzfilm eine Liebeserklärung an Kambodscha wird. Viele Details, die meine eigene Erfahrung geprägt haben, als ich das Land kennen und lieben lernte, haben es in den Film geschafft – die gegrillte fermentierte Fischpaste, die ich zunächst eklig fand, aber schließlich liebgewonnen habe. Der Running Gag über Toiletten und wie unterschiedlich verschiedene Kulturen damit umgehen – ehrlich gesagt ist es schon ziemlich krass, nach Amerika zurückzukehren und festzustellen, dass es dort keine Sprühdüsen gibt.
Aber vor allem wollte ich die Herzlichkeit vermitteln, die ich von den Menschen in Kambodscha gespürt habe, trotz der wechselvollen Geschichte des Landes. Diese Herzlichkeit ist das Wesentliche.
Was lag Dir visuell am Herzen und habt ihr auf Film gedreht?
Wir haben zwar nicht auf Film gedreht, aber wir wollten, dass es sich wie ein Film aus den 1970er Jahren anfühlt, und das hat viele unserer Entscheidungen geprägt – vom Kostümdesign über Frisuren und Make-up bis hin zur Farbgebung.
Deine Darsteller spielen hervorragend – nach welchen Kriterien hast Du sie ausgewählt?
Ich habe den Film mit Blick auf meinen Hauptdarsteller Phang geschrieben – den kambodschanischen Schauspieler, der den Wachposten spielt. Er ist urkomisch, er kann kämpfen und er verleiht seinen Rollen eine echte Seele. Ich habe mich ziemlich glücklich geschätzt, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der all diese drei Talente in sich vereint.
Daniel Raymont, der den Spion spielt, hat schon viele großartige komödiantische Rollen gespielt und ist zudem ein Meister darin, verschiedene Akzente anzunehmen. Ich dachte, es wäre interessant, ihn als zurückhaltenden Spion mit dieser unterschwelligen komödiantischen Energie spielen zu lassen. Und ich hatte Glück – er war ein unglaublich freundlicher Typ und eine Quelle der Herzlichkeit und des Zusammenhalts am Set, besonders als er die kambodschanische Crew kennenlernte.
Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Schon als Kind habe ich angefangen, Filme zu drehen. Zuerst habe ich mich sehr für Zauberei begeistert, und meine ersten Filme waren Zaubervorführungen, die ich mit der VHS-Kamera meiner Eltern aufgenommen habe. Mit 13 habe ich dann Alfred Hitchcock entdeckt, angefangen, spannende Filme zu drehen, und von da an ging es steil bergauf. Ich habe es schon immer geliebt, die Kamera in der Hand zu haben.
Du hast vor Deinen Film zu einem Langfilm auszubauen. Kannst Du schon einen kleinen Einblick gewähren?
Im Spielfilm möchte ich die wilden Stimmungsschwankungen aus dem Kurzfilm beibehalten und noch weiter in seltsames metaphysisches Terrain vordringen – dabei die Geistermechanik ausbauen und verstärkt daran arbeiten, die Protagonistenstruktur bis zum Ende des Films subtil vom Spion hin zum ‚Sentry‘ [Wächter] zu verlagern. Der ‚Sentry‘ selbst wird eine echte Entwicklung durchlaufen. Schließlich heißt der Film „The Sentry“.
Sind weitere Projekte geplant?
Ein paar. Ich habe zuvor in Kambodscha einen buddhistischen Science-Fiction-Spielfilm namens „Karmalink“ gedreht, der sich auf subversive Weise an Filmen wie „Die Goonies“ [Richard Donner, 1985] orientierte, und ich möchte weiterhin im Genre arbeiten und mit den Erwartungen der Zuschauer spielen. Ich liebe Science-Fiction. Ich entwickle gerade einen Solarpunk-Science-Fiction-Film, der in einem schwimmenden Dorf im Norden Kambodschas spielt, ein Projekt über aktuelle KI-Themen, das im Frankreich des 16. Jahrhunderts angesiedelt ist, und einen Science-Fiction-Film im Dschungel über unsere Entfremdung von der Natur.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Sentry“
Interview: In our conversation with Jake Wachtel, an American filmmaker based in Cambodia, we learned more about his spy-thriller “The Sentry” – which was featured in the genre program of the 26th Landshut Short Film Festival in 2026 – about how he plays with audience expectations, and what Cambodia means to him.
Can you tell me more about the starting point for your film?
The film came out of the intersection of a few things. I love spy and action movies, but I’ve always been uncomfortable with the casual violence in them — something about witnessing so much anonymous death feels corrosive to the soul. That instinct collided with the fact that I’ve been living in Cambodia on and off for over a decade, and I’ve become aware of how the wheels of global capitalism similarly rely on the anonymous labor of people in places like Cambodia. As a Westerner who profits from forms of neo-colonialism just by being there, I’ve wanted to tell a story that sits with that complicity. But rather than make the film about global colonialism in a direct way, I was drawn to the idea of telling a story about casual death through tonal shifts and genre subversion.
I really liked the shift from what seemed like a hard-hitting spy action film to an emotional ghost story. I didn’t see that coming. How important was it to you to play with expectations, and to what extent did you deliberately do that?
Very deliberately. Subverting genre was the name of the game. I wanted the audience to go on a journey similar to the spy himself — to start in one kind of movie and end up in another, and to feel that shift alongside him. The tonal swings weren’t accidents; they were the whole point.
Are there any specific films you can name that inspired you?
The Roger Moore-era James Bond films were a big one — that’s the spy tradition I was drawing from and playing against. There’s something about the tone of those films, the mix of suavity and absurdity, that I wanted to evoke and then pull the rug out from under.
The other major touchstone wasn’t a film at all — it was George Saunders‘ novel Lincoln in the Bardo. The way it holds humor, pathos, and the spiritual all at once, with ghosts who argue and joke and tell stories, was a direct influence on how I approached the second half of the film.
Cambodia – the landscape and the people – plays an important role in the film. What was important for you to convey about the country?
I wanted the short to be a love letter to Cambodia. A lot of the details that shaped my own experience of coming to know and love the country made it into the film — the grilled fermented fish paste, which I thought sounded gross at first and ended up loving. The running joke about toilets and how different cultures approach them differently — honestly, it’s pretty savage coming back to America and realizing there are no bum guns.
But most importantly, I wanted to communicate the warmth I’ve felt from Cambodian people, in spite of the country’s checkered history. That warmth is the thing.
What was visually important to you, and did you shoot it on film?
We didn’t shoot on film, but we wanted it to feel like a 1970s film, and that shaped a lot of our choices — costume design, hair and makeup, and the way we colored it.
Your actors give outstanding performances – what criteria did you use to select them?
I wrote the film with my lead actor Phang in mind — the Cambodian actor who plays the Sentry. He’s hilarious, he can fight, and he brings real soul to his parts. I felt pretty lucky to work with someone who has all three of those talents.
Daniel Raymont, who plays the spy, has done a lot of great comedic acting and is also a master of slipping into different accents. I thought having him play a reserved spy with that coiled comedic energy underneath would be interesting. And I lucked out — he’s an incredibly friendly guy and was a source of warmth and glue on the set, especially as he got to know the Cambodian crew.
Finally, can you tell me a little more about yourself and how you got into filmmaking?
I got into filmmaking as a kid. I was first really into performing magic, and my earliest movies were magic shows I made with my parents‘ VHS camera. Then I discovered Alfred Hitchcock when I was 13, started trying to make suspenseful stuff, and it ballooned from there. I’ve always loved having the camera in my hands.
You plan to expand your film into a feature-length movie. Can you give us a little preview?
In the feature, I want to keep the wild tonal swings from the short and push even further into weird metaphysical territory — expanding on the ghost mechanics, and doing more work to subtly shift the protagonist structure from the spy to the Sentry by the end of the film. The Sentry himself will get a real arc. After all, the film is called „The Sentry„.
Are there any other projects in the works?
A few. I previously made a Buddhist sci-fi feature in Cambodia called Karmalink, which drew on films like The Goonies in a subversive way, and I want to keep working in genre and playing with expectations. I love sci-fi. I’m developing a solarpunk sci-fi set in a floating village in northern Cambodia, a project about contemporary AI issues set in 16th-century France, and a sci-fi in the jungle about our alienation from nature.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „The Sentry„


