„Etwas ganz Besonderes“ (2026)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: „Etwas ganz Besonderes“, der im Wettbewerb der 76. Berlinale 2026 zu sehen war, ist der dritte Spielfilm von Eva Trobisch, der dieses Mal auf den ersten Blick nicht wie wie die vorhergehenden Arbeiten von einem schweren Thema handelt. Hier beschäftigt sie sich auf beinah leichtfüßige Weise mit den unterschiedlichen Biographien einer großen, ostdeutschen Familie. 

Die neunköpfige Familie lebt in der thüringischen Provinz und viele von ihnen wollen oder werden gezwungen, ihr Leben zu verändern. Die 17-jährige Lea (Frieda Hornemann) erhält die Chance, bei einer Castingshow ihr Gesangstalent zu zeigen. Der Vater Matze (Max Riemelt) unterstützt sie dabei, wohingegen die Mutter Rieke (Gina Henkel) davon nicht begeistert ist. Die beiden leben in Trennung und Rieke erwartet von ihrem neuen Mann Arthur (Florian Lukas), der auch der Schulleiter von Leas Schule ist, ein Kind. Die Großeltern (Rahel Ohm und Peter René Lüdicke) kämpfen um den Erhalt ihrer Waldpension und lassen dabei auch die Tagung einer politischen Organisation bei sich zu, was wiederum die Familie, insbesondere den Enkel Edgar (Florian Geißelmann) aufbringt. Leas Tante Kati (Eva Löbau) scheint am besten mit allen Unwägbarkeiten klarzukommen. Sie ist als Museumsleiterin in ihre Heimat zurückgekehrt und leitet die Sanierung des dortigen Museums. 

Ida Fischer und Frida Hornemann

In ihren ersten zwei Spielfilmen beschäftigte sich die deutsche Regisseurin Eva Trobisch mit den beiden Themenkomplexen Vergewaltung und Sterbehilfe. Ihr neuester Film, für den sie ebenfalls das Drehbuch geschrieben hat, ist auf den ersten Blick leichter gehalten und erzählt die Geschichten einer neunköpfigen Familie, in der alle ihr Päckchen zu tragen haben. Dabei kreisen die Themen oft um Identität – worauf auch der Titel anspielt – und Beziehungen. Dabei gibt es in den meisten Biographien dieser Familie Brüche verschiedener Arten. Sei es die Trennung der Eltern oder die drohende Insolvenz der Waldpension der Großeltern. Auch in den scheinbaren Erfolgsgeschichten der wieder in die Heimat zurückgekehrten Tante und der an einer Castingshow teilnehmenden Tochter erkennt man Risse. Seien es nun die Brüche zur eigenen Heimat, des Landes und dessen Geschichte oder Freundschaften, die auf dem Lebensweg zerbrechen. Trobisch konzentriert sich dabei nicht vorrangig auf eine Geschichte, sondern wechselt zwischen ihnen hin und her und behandelt manche Stränge eher stiefmütterlich, auf die andere Filmschaffende vielleicht mehr Augenmerk gelegt hätten. Das liegt auch daran, dass es sich hier nicht um ein aufwühlendes Drama handelt, das eine klare Botschaft in sich trägt. So unterschiedlich die Pakete auch sind, welche die Figuren tragen, so unterschiedlich sind auch die Tragweite und Universalität ihrer Geschichten. Zusammen ergibt das ein stimmiges, irgendwie unaufgeregtes Bild vom (familiären) Leben in den ehemaligen neuen Bundesländern. Es zeigt auch auf, was die damalige Staaten-Trennung als Ballast bei den ehemaligen Bewohner:innen hinterlassen hat und wie das an nachfolgende Generationen weitergegeben wird. Der Film greift dabei selbstverständlich auch aktuelle politische Strömungen auf und versucht auch, die neuere Geschichte aufzubereiten und zu konservieren. 

Diese komplexe, viele Personen umfassende Geschichte inszeniert Trobisch authentisch und bleibt nah an ihren Figuren. Dabei kann man als Zuschauer:in mal genauso den Überblick verlieren, wie die Personen der Geschichte. Es ist wunderbar, dass Trobisch darauf verzichtet, die Figuren und ihre Vergangenheit vorzustellen, so dass man sich nach und nach die einzelnen Geschichten in ihrer Gänze selbst erschließen muss. Das Ensemble ist dabei gut mit bekannten wie auch unbekannteren Darstellenden besetzt, die perfekt die verschiedenen Biographien einzufangen wissen. Man sieht bereits den jungen Protagonist:innen an, dass es Brüche in ihrem Leben gab. Stark ist, wie sie es schaffen, mit kleinen Gesten und Gesichtsausdrücken die Gefühle und auch Verletzungen zu transportieren. Dabei spielt das Ensemble auch sehr gut miteinander, so dass man es schnell als eine Familie wahrnimmt. Auch die kleineren Nebenrollen wurden mit Schauspielern wie Thomas Schubert und Anton Petzold gut besetzt. Die Inszenierung von Trobisch weiß die Stärke der Schauspielenden zu nutzen und gibt ihnen den Raum, den sie brauchen. Hinzu kommt eine gelungene Umsetzung und Wahl der verschiedenen Spielorte wie das Stadtmuseum, die Waldpension und die Castingshow-Räume, so dass hier eine fiktive Stadt realitätsnah zum Leben erweckt wird.

Gina Henkel und Max Riemelt

Fazit: „Etwas ganz Besonderes“ ist der dritte Spielfilm von Eva Trobisch. Eine große Familie steht im Zentrum des ostdeutschen Dramas, das von Identität, Verbundenheit und Brüchen erzählt. Dabei steht keine Figur im Vordergrund. Das Panoptikum der Geschichten, die von Trobisch auch nicht bewertet werden, ergibt ein universelles Bild ostdeutscher Biographien und zeigt, wie auch 36 Jahren nach der Wiedervereinigung das Leben davon berührt wird. 

Bewertung: 3,5/5

Trailer zum Film „Etwas ganz Besonderes“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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