In der Semperoper: Pagliacci und Enter!

Aufführungsbericht: Rasende Eifersucht treibt Canio zum Mord. Er ist der Direktor eines italienischen Wandertheaters und Darsteller des Pagliaccio. Diese Figur wird in dem Stück, das die Truppe aufführt, betrogen.

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@ Semperoper Dresden

Doch genauso geht es auch in der Realität zu: Canios junge Ehefrau Nedda liebt einen anderen. Tonio, ein Schauspieler aus der Truppe und verschmähter Anschmachter der Nedda, entdeckt den Ehebruch. Und verständigt Canio. Sein Leid, seine Kränkung und Verzweiflung vermittelt er in der ergreifenden Arie „Ridi, Pagliaccio – Lache, Bajazzo“. Die bevorstehende Theateraufführung scheint Nedda vor Canios Rache zu retten. Doch als sich im Stück Canios Schmach, der Ehebruch, wiederholt, ermordet er Nedda auf offener Bühne.

In der Inszenierung der Semperoper, die ab dem 16.01. zu sehen ist, bietet nicht nur die Musik Hochgenuss. Der größte Glanzpunkt der Inszenierung (neben der beachtlichen Leistung der Musiker) ist das Bühnenbild. Deshalb erhielt es bereits eine Auszeichnung. Dank der Organisation Enter! gab ein Probenbesuch einen Vorgeschmack auf den Pagliacci.

Wie üblich, kommt diese etwa einstündige Oper im Verbund mit der Cavalleria rusticana zum Publikum. Seit 60 Jahren ist sie das erste Mal wieder in Dresden zu erleben. Der Regisseur Philipp Stölzl setzt ganz auf die zeitlose Kraft der Emotionen. Modernisierung auf Gedeih und Verderb hält er für unnötig; allein dafür gebührt ihm Dank. Und dann sein Bühnenbild! Erstmals sahen es die Besucher der Salzburger Osterfestspiele 2015. Es gefiel so sehr, dass Philipp Stölzl dafür zum Bühnenbildner des Jahres 2015 gewählt wurde. Was ist so toll daran?

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@Semperoper Dresden

Wie ein Puppenhaus aus einem Zimmer im Erdgeschoss und zwei Zimmern darüber ist die Bühne aufgebaut. Das Erdgeschoss bildet erst ein bunter, leuchtender Jahrmarkt, später ein düsteres Waldstück am Rande des Dorfes. Darüber befindet sich der Wohnwagen von Nedda und Canio, rechts daneben liegt die kleine Theaterbühne der Wandertruppe. Öfter wird mehr als eines der „Zimmer“ auf einmal bespielt. So hat der Zuschauer einerseits immer genug Neues zum Schauen. Andererseits braucht er manchmal Chamäleonaugen, um dem Geschehen auf der Bühne folgen und die deutschen Übertitel lesen zu können. Zu Verständnisschwierigkeiten führt das aber nie. Das Bühnenbild ist wunderbar gemalt und erinnert (zumindest die Rezensentin) an das Gemälde „Das Karussell“ von Walter Spies. Vielleicht liegt das auch nur am ähnlichen Thema.

Das Karussell

Walter Spies: Das Karussell. @akg images

Eine Raffinesse ist Stölzls Einsatz von Live-Kameraaufnahmen, die über die Theaterbühne projiziert werden. Die Zuschauer sehen die betrügende Nedda doppelt, als gefilmtes Abbild und echte Handelnde.

Ein kräftiges Lob gilt auch den herausragenden Musikern. Da wäre zum einen das Orchester mit dem unermüdlichen Dirigenten. Die Blechbläser erfreuten das Probenpublikum sehr damit, dass sie zum Aufwärmen ein flottes kleines Stück schmetterten. Der wunderbare Chor steht den Solisten in nichts nach. Alles in allem darf Dresden sich freuen auf einen großartigen Pagliacci, der die moderne Technik nicht scheut, um die über hundert Jahre alte Oper mit Respekt, Gefühl und frischem Schwung auf die Bühne zu bringen.

Weitere Infos und Karten gibt es auf der Internetseite der Semperoper.

Und was ist Enter?

Mit ganz viel Glück kommt man kostenlos in die Semperoper. Zum Beispiel, wenn man Freikarten gewonnen hat. Oder aber, man ist noch nicht ganz so alt. Dann kann man mit der jungen Organisation Enter! die Semperoper erobern. In einem kleinen Rudel aus jungen Leuten muss niemand Angst vor der Übermacht der Silbermähnen haben. Enter, entstanden aus einem Jugendclub, ist eine lose Vereinigung, die keine Mitgliedsbeiträge verlangt. Vorbildung ist auch nicht nötig, nur die Neugier aufs (Musik)Theater sollte vorhanden sein.

Großzügige Unterstützung erhält Enter von der Semperoper. So gibt es Einladungen zu kostenlosen Probenbesuchen oder Karten zum günstigen Studententarif auch für Leute, die keine Studenten (mehr) sind. Immer wieder dürfen die Interessierten hinter die Kulissen schauen. Auch die Dramaturgen und Darsteller, Tänzer und Techniker stellen sich gerne vor und den Fragen der Wissenshungrigen. Wer lieber selbst tätig wird statt nur zuzuschauen, findet zum Beispiel in kleinen Tanzworkshops die gewünschte Abwechslung.

Eine Altersgrenze steht bisher nicht fest. Bis Anfang 30 haben Interessierte gute Chancen, mit Enter! eine neue Unterhaltungsquelle zu erschließen. Die Gruppe aus einem guten Dutzend lieber Leute freut sich auf Zuwachs.

Hier geht es zur Facebookseite von Enter!

geschrieben von Katrin Mai

Quellen: Wikipedia; Semperoper Dresden; Bernd Klempnow: Zwischen Winnetou, Bajazzo und Karl May. Artikel über Philipp Stölzl in der Sächsischen Zeitung vom 16./17.01.2016

2 Gedanken zu “In der Semperoper: Pagliacci und Enter!

  1. kmmai schreibt:

    Kurzer Nachtrag: Auf Youtube gibt es den kompletten Opernabend mit der Salzburger Besetzung. Jonas Kaufmann gibt den Bajazzo. Das Bühnenbild wird in Dresden wiederverwendet, ist aber von sechs auf vier Schaukästen verkleinert. Und mir persönlich gefallen die Dresdner Sänger besser. Trotzdem: Reinschauen lohnt sich, vor allem für jene, denen der Opernbesuch zu kostenintensiv ist: https://www.youtube.com/watch?v=HAHxy68ZZU8

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