Tim Burton: Das traurige Ende des Austernjungen (Buch!)

@ Quadriga Verlag

Buchkritik: Filmmagier Tim Burton erzählt seine Geschichten einmal nicht in opulenten bewegten Bildern. Sondern in gereimten Kurzgeschichten. Die garniert er mit leicht krakeligen, ausdrucksstarken Zeichnungen. Wer dem makabren Witz von Tim Burtons Filmen verfallen ist, wird das kleine Büchlein berauscht lesen.

23 oft sehr kurze Geschichten vereinen sich im feinen Leineneinband mit Lesebändchen. Unter den Protagonisten tummeln sich Mumien und Giftkerle, ein Schmutzfink und eine Handvoll normal gestaltete Menschen, die sich bald schon einen Schaden zuziehen. So weit, so Tim Burton. Nicht wenige der Figuren erinnern an Helden aus seinen Filmen. Da gibt es Stöckchen, verliebt in Zündhölzchen. Während Zündhölzchen mit verführerischem Wimpernklimpern das Stöckchen in heiße Liebesglut stürzt, erkennt der Leser in den beiden Jack Skellington und Sally wieder.

Und nicht nur „The Nightmare before Christmas“ findet hier einen Vorläufer. Es gibt auch ein Wiedersehen mit der glotzenden Katzenmama von Mr. Whiskers aus „Frankenweenie“. Der Leser sollte also Begeisterung für diese und ähnliche Figuren mitbringen, wenn ihn das Büchlein nicht langweilen soll.

Denn Tim Burton bleibt mit all seinen gedichteten Geschichten in seinem düster-fantastischen Universum. Teilweise ähneln sich selbst die Geschichten untereinander. Ankerbaby, Austern- und Roboterjunge weisen erhebliche Parallelitäten auf. Bei allen geht es um Eltern, die ein etwas anderes Kind bekommen, eben einmal einen Roboter, ein tonnenschweres Ankerkind oder eines mit Austernkopf. Bei allen Geschichten geht es um den Umgang der Eltern mit dem unerwarteten Sprössling. Die Zeile „Nicht weich und nicht rosig“, mit der das Entsetzen über die Andersartigkeit des Kindes zum Ausdruck kommt, findet sich sowohl beim Ankerbaby als auch bei dem Mumienkind.

Tim Burton: Mumienkind

Die Geschöpfe und die Ideen für ihre Schicksale sind zauberhaft. Manchmal, besonders beim süchtigen Seitenblätter-Lesen, beschleicht einen aber doch der Gedanke, dass ein Lektor bei einem weniger namhaften Autoren mehr Variationen bei der einen oder anderen Geschichte gefordert hätte. Ein weiterer, ebenso leichtgewichtiger Kritikpunkt ist die Übersetzung aus dem Englischen. Katja Sämann hat alles richtig gemacht. Das Problem liegt darin, dass eine Übersetzung zwar den Sinn, nicht aber den Sprachklang und den Rhythmus überträgt. Gerade bei der Titelgeschichte macht sich das bemerkbar. Austernjunge, das klingt etwas sperrig und weiter nichts. Oyster Boy dagegen flutscht von der Zunge und ist einfach witzig. Der Wortwitz der Geschichten geht also mindestens in Teilen durch die Übersetzung flöten. Bei dem hohen Anspruch des Quadriga Verlages, den die ganze Ausstattung des Buches erkennen lässt, wäre es eine Überlegung wert gewesen, die englischen Originale daneben stehen zu lassen. Bei den vielen maximal halb bedruckten Seiten hätte das nicht einmal unbedingt mehr Papier erfordert.

Fazit: Tim Burtons „Das traurige Ende des Austernjungen und andere Geschichten“ sind eine absolute Freude für alle Fans von Tim Burtons wahnwitzigen Filmwelten. Die Geschichten amüsieren zum großen Teil und ergeben mit den Zeichnungen eine stimmige Einheit voller abgründigem Humor. Nicht eingefleischte Fans könnten die Themen allerdings als zu einseitig und sich zu oft wiederholend empfinden.

4,5/5

Geschrieben von Katrin Mai

2 Gedanken zu “Tim Burton: Das traurige Ende des Austernjungen (Buch!)

  1. z3itl0s schreibt:

    Als leidenschaftlicher Tim Burton-Fan, werde ich mir das Büchlein ganz bestimmt zu Gemüte ziehen. Danke für den Buchtipp – ich bin gespannt :)

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