Im Staatsschauspiel Dresden: Amphitryon

Aufführungsbericht: Der Boden schwankt. Das Wort „ich“ verliert seine bekannte Bedeutung. So erleben es Amphitryon und sein Diener Sosias in Heinrich von Kleists gleichnamigem Stück. Die Verstörung setzt eine Tragödie in Gang, die von lustigen Momenten durchsetzt ist.

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Der Schatten zeigts: Hier gibt es mehr als ein Ich. Reik als Merkur als Sosias und Lux als Sosias (c) David Baltzer

Auslöser der Verstörung ist der Geschlechtstrieb des Göttervaters Jupiter. Weil der weiß, dass eine treue Ehefrau wie Amphitryons Alkmene ihn nicht einfach gewähren lässt, schlüpft der allmächtige Gott in die Gestalt des Gatten. Und begattet Alkmene eine ganze Nacht lang. (Der Mythos weiß, dass es sogar zwei Nächte waren, weil ein so großer Held wie der geplante Herkules nicht in einer einzigen Nacht gezeugt werden kann. Diese Nachtverlängerung wird bürokratisch beim Sonnengott beantragt – aber das ist eine andere Geschichte.)

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Amphitryon und Alkmene auf der Suche nach der Wahrheit (c) David Baltzer

Als der echte Amphitryon (ebenso wie Jupiter gespielt von Matthias Reichwald) zu seiner Alkmene zurückkehrt, ist der Empfang anders als gedacht. „Schon wieder da?“, wird er da von der Ehefrau (scheint manchmal mit dem Text zu kämpfen: Paula Skorupa) gefragt. Für sie verständlich, hat sie den Ehemann doch gerade erst aus dem Bett entlassen. Für Amphitryon ist es ein Schlag ins Gesicht. Beide sind empört, entsetzt. Denn hier gibt es zwei Wahrheiten, die nach ihrem Wissensstand nicht beide wahr sein können. Die Gewissheit, in der sie eben noch lebten, ist bis in die Grundfesten erschüttert.

Erstes Opfer von Identitätsdiebstahl wird allerdings Amphitryons Diener Sosias. Der sollte Alkmene die baldige Ankunft ihres Gatten ankündigen, was den Jupiters Betrug aufgedeckt hätte. Also fängt Götterkollege Merkur Sosias ab (null Ähnlichkeit mit Sosias: Martin Reik als grobschlächtiger Merkur). Behauptet, er selbst sei Sosias, und verdrischt diesen nach Strich und Faden. Bis der dem andern mehr glaubt als sich selbst. Er gibt nicht nur sein Selbst, sondern auch seine Kleidungsstücke an den anderen Sosias. Dann reist er zu Amphitryon zurück, der die hanebüchene Entschuldigung für dessen Versagen nicht nachvollziehen kann. Saukomisch ist das, wie der verstörte Sosias von seinen zwei Ichs erzählt und seinem Herrn etwas verständlich machen will, was für ihn selbst unbegreiflich bleibt.

Witzig ist auch die Verwechslungsgeschichte, die sich zwischen Sosias und seiner energischen Frau Charis (dynamisch und resolut: Ina Piontek) abspielt. Ganz klassisch spielt sich beim Dienerehepaar der gleiche Konflikt ab wie bei den Herrschern, gibt Gelegenheit zum Gelächter, wo bei Königs alles ernst und tragisch ist.

Jupiter muss eingreifen und erklären, damit es nicht zur Katastrophe kommt und sich die königlichen Gatten trennen. Weil Matthias Reichwald nur ganz subtil über die Körpersprache anzeigt, ob er als Jupiter oder Amphitryon auftritt, ist es für den Zuschauer nicht viel einfacher zu wissen, wer da gerade bei Alkmene ist. Das ist ein Erlebnis, aber anstrengend. Gerade zum Ende hin, als die beiden Figuren fast übergangslos hin- und herwechseln, ist das Geschehen nur noch schwer zu verfolgen. Größten Respekt verlangt die Leistung von Matthias Reichwald. Den meisten Applaus heimst aber Philipp Lux ein für seinen urkomischen Sosias. Das Schlusswort im Stück hat Alkmene mit einem undifferenzierten und deshalb genial vieldeutigen: Ach!

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Matthias Reichwald als Jupiter oder Amphitryon – ganz genau weiß man das am Ende nicht. Im Hintergrund einer der grauen Vorhänge (c) David Baltzer

Auf eine gute Stunde hat Regisseur Wolfgang Engel den Text gekürzt. Der Abend soll anstrengen, soll überfordern, will dieses Gefühl des Nicht-mehr-Hinterherkommens erzeugen. Er legt den Fokus aufs Verstehen, nicht so sehr aufs Schauen. Das Bühnenbild, bestehend aus mehreren hintereinander gesetzten grauen Vorhängen, ist denkbar reizarm.

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Wolfgang Engel – die Testkammer wünscht gute Besserung und noch viel Schaffenskraft!

Fazit: Wolfgang Engel macht eine Hilflosigkeit erlebbar, die er selbst erst erfahren musste. Noch immer erholt er sich von einem Schlaganfall, der ihn letztes Jahr für einige Zeit aus dem Rennen nahm. Wie schön, dass er sich Schritt für Schritt davon erholt. Und wie wunderbar, dass ein solcher Theaterabend aus so einer Katastrophe erwachsen kann.

Geschrieben von Katrin Mai

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