Neue Spielzeit 2017/18 im Staatsschauspiel Dresden

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Von links nach rechts: Intendant Joachim Klement, Chefdramaturg Jörg Bochow, Bürgerbühnen-Leiterin Miriam Tscholl. © Staatsschauspiel Dresden

Neue Spielzeit, neuer Intendant. Was kommt da alles auf uns zu? Ein Blick ins neue Spielzeitheft lässt einiges erahnen.

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Hatte gute Lösungen parat im schwierigen Übergang: Jürgen Reitzler. © Krafft Angerer

Rückblick: Die ausklingende Spielzeit (endet im Juni) gestaltete sich turbulent. Das lag zum einen an der Sanierung des Schauspielhauses und der Eroberung interessanter neuer Spielstätten. Vor allem aber personell ging es heiß her: Erfolgsintendant Wilfried Schulz verließ Dresden für Düsseldorf, wo er nun um den Erhalt des Theaters ganz allgemein kämpfen muss. Mit sich nahm er einen guten Teil des Ensembles. Die Leitung in Dresden stemmte Jürgen Reitzler allein, da der Regisseur und Intendant Wolfgang Engel durch einen Schlaganfall aus der geplanten Doppelspitze entfiel. Zum Glück geht es ihm mittlerweile besser und er konnte Amphitryon inszenieren, womit er einer der wenigen bekannten Regisseure in dieser Spielzeit war.

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Neuer Intendant: Joachim Klement © Staatstheater Braunschweig

Nun hat der designierte Intendant Joachim Klement (wechselt von Braunschweig nach Dresden) den neuen Spielplan vorgestellt. Eine kurze Analyse.

Personal

  • 13 altbekannte und geliebte Schauspieler sind Dresden erhalten geblieben. Dazu wurde mit Jannik Hinsch ein begnadeter Jungschauspieler aus dem Schauspielstudio verpflichtet. Dazu kommen jede Menge neue Gesichter. Auch der Chefdramaturg Jörg Bochow stößt neu dazu.
  • Wenig Bekannte trifft man bei der Regie. Große Freude erregt der Name Andreas Kriegenburg. Der bekannte Theater- und Opernregisseur wird in der neuen Spielzeit sein viertes Stück in Dresden inszenieren: „Chronik eines angekündigten Todes“ nach dem Roman des Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez. Volker Lösch, bekannt durch den Bürgerchor und einige skandalträchtige Inszenierungen, bringt ein Stück über die Jugendwerkhöfe der DDR unter Verwendung verschiedener Texte auf die Bühne. Friederike Heller hatte schon mehrere, für meinen persönlichen Geschmack eher mittelmäßige Stücke in Dresden und versucht sich nun ein einem Text meines Lieblings Christoph Hein. Ein tiefes Seufzen.
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    Rainald Grebe führt Regie. Man darf gespannt sein. © ireas, wikimedia commons

    Einen Coup landet Joachim Klement mit einem Regisseur namens Rainald Grebe. Ob bei dessen Stück „Circus Sarrasani“ auch das Lied „Brandenburg“ erschallt?

  • Regie bei der Bürgerbühne: Hier kennt man Miriam Tscholl als Bürgerbühnen-Gründerin. Sie sucht aktuell noch nach Männern, die „Die Leiden des jungen Werther“ aus ihrer eigenen Sicht darstellen möchten. Auch Nuran David Calis arbeitet dieses Mal mit Laienschauspielern für das Stück „Die 10 Gebote“. Nachdem der „Hiob“ trotz Musik und hohem Schauwert aus dieser Spielzeit auf wenig Publikumsliebe stößt, bleibt abzuwarten, ob dieses Stück mit religiösem Bezug besser aufgenommen wird. Vom Bürgerbühnen-Festival vor einigen Jahren kennt man noch die Regisseurin Marta Górnicka. Ihre Spezialität sind aktuelle Themen und eine chorische Inszenierung. Das wird spannend!

Stücke

  • Wiederaufnahmen: Schöne Stücke werden beibehalten. Hamlet wurde sogar schon mehr als eine Spielzeit weiterübernommen. Mit Nathan der Weise und Amphitryon bleibt Wolfgang Engel präsent. Dazu kommen der Publikumshit Alte Meister, Jeder stirbt für sich allein nach dem Roman von Hans Fallada und Szenen einer Ehe. Vermutlich, weil ich den Großteil der Stücke gesehen und rezensiert habe.
  • Aktualität: Mit zehn Uraufführungen legt das Theater den Finger an den Puls der Zeit. Andererseits gibt es insgesamt elf Inszenierungen von Klassikern der älteren (Minna von Barnhelm) und jüngeren Literatur (Die Nashörner von Eugène Ionescu). Darunter neben Dramen auch einige Romane, die für die Bühne bearbeitet wurden. Zum Beispiel der weniger bekannte Dostojewski-Roman „Erniedrigte und Beleidigte“. Der fragwürdige Trend, gehypte Romane umzuarbeiten (aktuell: „Wir kommen“ von Ronja von Rönne), beschert uns in der neuen Spielzeit eine Adaption von „I love Dick“. Hoffen wir das Beste. Aber bei 28 Premieren sollte es auch genug Alternativen geben.
  • Themen: Wenn selbst in Schillers Schinken „Maria Stuart“ das geheime Spiel der Fäden in der Politik betrachtet wird, wenn pathetische Liebe und eigene Seelenreinigung zugunsten von Kalkül und Intrige unterschlagen werden (so klingt es jedenfalls im Ankündigungstext), dann ist klar: Die neue Spielzeit wird politisch. Das waren die letzten schon, das scheint aber nicht im geringsten nachzulassen. Es ist ja gut, dass sich das Staatsschauspiel positioniert und engagiert. Wenn als reines Vergnügen aber bloß noch die „Minna von Barnhelm“ (eventuell) und „Circus Sarrasani“ bleiben, ist es mir doch ein wenig zu viel Agitation.
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Familienstück: Mit „Der Herr der Diebe“ sorgt wieder ein Werk von Cornelia Funke für Staunen. Hier: Szene aus Reckless 3 © David Baltzer

Wo wir gerade bei dem Stichwort sind: Endlich wieder Brecht auf der Bühne! Der gute Mensch von Sezuan! Dafür kein neuer Shakespeare. Wer Shakespeare am Staatsschauspiel sehen will, muss auf eine der beiden älteren Inszenierungen „Hamlet“ und „Searching for William“ zurückgreifen. In beiden spielt Christian Friedels Band Woods of Birnam. Wem die Musik nicht so zusagt, muss sich seine Portion Shakespeare anders organisieren. Aber für eine Spielzeit ist das schon okay. Das diesjährige Kinderstück heißt „Herr der Diebe“. Es stammt aus der Feder von Cornelia Funke, die schon mit der „Reckless“-Trilogie am Staatsschauspiel für leuchtende Kinderaugen und begeisterte Eltern gesorgt hat. Auch auf den Lokalhelden Erich Kästner greift das Theater gern zurück. Statt einem Stück von ihm gibt’s ein Stück über ihn: „Parole Kästner!“. Mit Karl May hatte dieser biografische Zugriff schon bombastisch funktioniert.

  • Festivals: Quasi als Einzugsgeschenk bringt Joachim Klement das Festival „Fast Forward“ mit. Es widmet sich der jungen europäischen Regie. Es dauert vom 02. Bis zum 05. November 2017. Auf die Jugend setzt auch „Unart“. Der Wettbewerb für multimediale Performances läuft nur zwei Tage lang, am 01. Und 02. März 2018.

Spielorte. Die große Vielfalt der aktuellen Spielzeit, was Spielorte anbelangt, findet sich in der neuen nicht mehr. Lediglich das experimentell klingende Stück „Sun and Sea“ soll an einer mysteriösen „anderen Spielstätte“ stattfinden. Und das Stück „Judas“ läuft in Kirchen in und um Dresden. Damit bleibt der lobenswerte Impuls, Theater in kleinere Orte außerhalb der Stadt zu exportieren, erhalten. Immerhin.

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An das Design wird man sich gewöhnen müssen: Das neue Spielzeitheft. Liegt kostenlos an den Theaterkassen des Staatsschauspiels Dresden aus.

Design. Das Gelb wird wieder gelber, die augenschmerzende Neonfarbe der Übergangszeit ist gottseidank passé. Sehr technisch und offensiv ist dagegen die neu gewählte Schriftart in Großbuchstaben. Auch mit den kleinen Sprechblasen, die man aus diversen sozialen Medien kennt, bemüht sich das Staatsschauspiel um Modernität. Das alte Corporate Design, das aus zwei schlichten Längsstreifen in gelber Farbe bestand, war preisgekrönt, noch keine zehn Jahre alt und hatte sich schon gut verankert. Es war dezent und ließ sich doch klar dem Staatsschauspiel zuordnen. Die Umstellung wäre wohl gar nicht nötig gewesen. Gewöhnungsbedürftig ist das neue Design der Agentur Strichpunkt auf jeden Fall. Geben wir ihm Zeit.

Fazit: Jede Menge Neues für das treue Dresdner Publikum. Welche Neuerungen gut sind, welche Regisseure Hitgaranten werden, all das müssen wir austesten. Lassen wir es auf uns zukommen, schauen wir es uns an! Die Testkammer wird auch künftig wertvolle Tipps und Kritiken bereithalten.

Geschrieben von Katrin Mai

Quelle: Spielzeitheft 2017/18

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