29. Filmfest Dresden

4.- 9. April 2017 in Dresden

© FILMFEST DRESDEN

Festivalbericht: Eine Woche vor Ostern und bei sehr typischem Aprilwetter mit abwechselnd Sonnenschein und Regengüssen fand in der zweiten Aprilwoche in Dresden wieder das International Short Film Festival statt. Das Filmfest Dresden zählt zu den renommiertesten Kurzfilmfestivals Europas und konnte auch in diesem Jahr wieder seinem Ruf gerecht werden.

Unter der Leitung der Veranstalterinnen Alexandra Schmidt, Katrin Küchler und Karolin Kramheller wuchs das Festival in den letzten Jahren immer weiter an. So hat sich seit 2010 die Anzahl der Veranstaltungen und Ticketverkäufe verdoppelt. Auch die Zahl der akkreditierten Fachbesucher und der anwesenden Filmemacher stieg jährlich an. Vielen Filmschaffenden dient das Festival als perfekte Plattform, um Kontakte zu knüpfen. Dafür gibt es immer wieder Meet&Greet-Veranstaltungen, wie die auch in diesem Jahr wieder stattfindenden Sandwich-Talks, bei denen sich Filmemacher mit Publikum und anderen Filmemachern austauschen können. Zusätzlich zu den zahlreichen Filmblöcken, welche vor allem in der Schauburg und im Thalia zu sehen waren, konnte man auch an anderen Spielorten wie dem Open Air auf dem Neumarkt, dem Societätstheater, dem Programmkino Ost und dem Kleinen Haus des Schauspielhauses Dresden in den Genuss von Kurzfilmen kommen. Abgerundet wurde das vollgestopfte Programm mit Zusatzveranstaltungen wie der Preisverleihung und der anschließenden Festivalparty sowie wieder einer passenden Ausstellungseröffnung in den Technischen Sammlungen Dresden.

Die internationale Jury stellt sich vor

Den Kern des Programms in jedem Jahr bilden die Wettbewerbsblöcke. Im Internationalen Wettbewerb traten 35 Kurzfilme aus 26 Ländern gegeneinander an. Die internationale Jury, die sich aus dem kanadischen Filmemacher Denis Côté, der syrischen Künstlerin Yasmeen Fanari und dem holländischen Festivalbetreiber Peter van Hoof zusammensetzte, vergab 2 Goldene Reiter. Sie kürte den polnischen Kurzfilm “Pussy” (OT: “Cipka”, 2016) von Renata Gąsiorowska zum Besten Animationsfilm. Dieser erhielt auch den Arte Kurzfilmpreis. Die Jugendjury wählte den Animationsfilm “Planemo” von Veljko Popović (Kroatien, 2016) zum Besten Internationalen Film. Unter den Animationsfilmen fiel besonders positiv der russische Kurzfilm “Windows” (OT: “Okna”, 2016) von Angella Lipskaya auf. Dieser spielte geschickt und amüsant mit Found Footage Material. Der mit 7500 Euro dotierte Goldene Reiter für den Besten Kurzspielfilm ging an den thailändischen Experimentalfilm “Painting with History in a Room Filled with People with Funny Names 3” (2015) von Korakrit Arunanondchai. Der Beste Kurzspielfilm für das Publikum war dagegen der britisch-kosovarische Film “Home” (2016) von Daniel Mulloy. Neben diesen waren die beide Kurzfilme “Submarine” (Libanon, 2016) der Regisseurin Mounia Akl und der griechische ”-1 (Minus One)” (OT: Μείον Ένα, 2016) sehr bemerkenswert.

Q&A im Nationalen Wettbewerb: Im Interview: Hannah Stragholz (Regisseurin von „Ein Aus Weg“)

Im nationalen Wettbewerb traten 29 Kurzfilme gegeneinander an, die zwar nicht alle deutsch waren, aber alle einen Bezug zu Deutschland besaßen. Die nationale Jury setzte sich aus der Filmemacherin Lola Randl, dem Animationskünstler Max Hattler und der Filmkritikerin Anna Wollner zusammen. Den am höchsten dotierten Preis des Festivals, den 20.000 Euro-Filmförderpreis der Kunstministerin, erhielt der deutsch-rumänische Film “Prima Noapte” (OT: “First Night”, 2016) von Andrei Tănase. Als Bester Kurzspielfilm wurde die Coming-of-Age-Geschichte “Ela – Szkice na Pożegnanie” (OT: “Ela – Sketches on a Departure”, Deutschland, 2017) von Oliver Adam Kusio ausgewählt. Die Jugendjury entschied sich dagegen für den sehr aktuellen Film “Un état d´urgence” (OT: “State of Emergency”, Deutschland, 2016) des Regisseurs Tarek Roehlinger. Auch im Nationalen Wettbewerb erhielten zwei Animationsfilme begehrte Trophäen: Der Goldene Reiter ging an den Dokumentar-Animationskurzfilm “Ein Aus Weg” (Deutschland, 2016) von Hanna Stragholz und Simon Steinhorst. Den DEFA-Förderpreis erhielt der Animationsfilm “zu zahm!” (Deutschland, 2017) der Regisseurin Rebecca Blöcher, der auf lockere Art gut unterhalten kann. Besonders großartig war der Kurzspielfilm “GABI” (Deutschland, 2017) des Regisseurs Michael Fetter Nathansky, der dafür auch den Publikumspreis erhielt. Seit 3 Jahren wird zusätzlich aus allen Wettbewerbsbeiträgen ein Filmtonpreis von einer vierköpfigen Jury vergeben. Frank Hellwig und Johannes Gerstengarbe, Leiter der Ballroom Studios in Dresden, die Kleinkünstlerin Anna Mateur und der Künstler Robert Seidel prämierten den deutschen Animationsfilm “Eine Villa mit Pinien” (Deutschland, 2016) mit der Musik von Ralf Hildenbeutel  und dem Sound von Michał Krajczok.

Q&A im ‚(Un)möglich‘-Block: Gebär­den­dol­met­scherin, Gerhard Protschka (look & roll), Mazins Vater, Mazins Schwester, Mazin (v.l.n.r.)

Neben den Wettbewerben gibt es jedes Jahr thematisch sich wiederholende Sonderveranstaltungen, aber auch immer wieder neue Themen­schwer­punkte. In diesem Jahr war das Thema Inklusion nicht nur als Filmreihe ein großer Schwerpunkt, sondern wurde auch in das Filmfest Dresden integriert. So waren einige Veranstaltungen barrierefrei erreichbar und andere wurden durch Audiodeskription und Untertitel für blinde und taube Menschen zugänglich gemacht. Besonders eindrücklich waren die anwesenden Gebärden-Dolmetscher, welche die Moderation und manchmal sogar die Werbung vor der Vorstellung übersetzten. Die dazugehörige Filmreihe „(Un-)möglich“ wurde von Gerhard Protschka, dem Leiter des Schweizer Festivals „look & roll“, zusammengestellt. Wie auch schon beim 18. Bamberger Kurzfilmfestival stellte er eine gelungene Mischung für die Programmreihe zusammen. Die Veranstaltungen fanden großen Anklang und lockten auch viele behinderte Menschen ins Kino und zeigten so, dass Inklusion ein wichtiges, aber bisher leider vernachlässigtes Thema ist und der Bedarf für solche Veranstaltungen auch vorhanden ist.

Dem Filmfest lag es schon immer am Herzen, ein Vermittler für fremde Kulturen zu sein. Durch die vielen Neubürger, die aus Syrien geflüchtet sind, lag ein Schwerpunkt Syrien in diesem Jahr nahe. Neben aktuellen Dokumentar- und Spielfilmen, konnte man in der Retro-Reihe auch Filme aus der Zeit der DDR-Syrien-Freundschaft sichten. Das vierteilige Programm des Fokus Syrien bot so einen umfassenden und sehr interessanten Einblick in eine für die meisten von uns fremde Welt und konnte definitiv den Blick erweitern.

Denis Côté stellt seine Kurzfilme vor

Der kanadische Regisseur Denis Coté, der auch Mitglied der internationalen Jury war, präsentierte auf dem Dresdner Kurzfilmfestival drei seiner Kurzfilme. Dabei stand er in Q&As und in der Masterclass viel Rede und Antwort und gab so Zuschauer und Filmschaffenden Einblicke in sein Wirken und die kanadische Filmlandschaft. Passend dazu gab es auch in diesem Jahr den „Fokus Quebec“, der, wie schon in den letzten Jahren, mit einem stimmigen Programm überzeugte. Besonders Freunde des französischsprachigen Films konnten in diesen Filmblöcken auf ihre Kosten kommen, da auch die Q&As oft in französischer Sprache abgehalten werden.

Das Junge Kuratorium moderiert mit viel Engagement

Stets beliebt sind die Kinderprogramme, vor allem am Wochenende vormittags im Thalia. Über die Jahre hinweg haben sie sich zu einer festen Institution entwickelt. In diesem Jahr wurde das Junge Kuratorium des Filmfest Dresden gegründet. Dieses stellte das Jugend- und Kinderprogramm selbstständig zusammen und übernahm auch die Moderation. Dabei waren alle Blöcken für verschiedene Altersgruppen konzipiert und besaßen eine gelungene und unterhaltsame Mischung.

Animationsfilm-Fans bekamen in den Wettbewerben bereits eine bunte Mischung an Stilen und Genren geboten. Wem das aber noch nicht reichte, der hatte die Möglichkeit verschiedene Veranstaltungen zu besuchen, die sich nur um Animationskurzfilme drehten. Eine Retrospektive des Videokünstlers Max Hattler, die die Zuschauer mit seinen sehr unterschiedlich gestalteten Filmen in eine andere Welt entführte. Der „Fokus Slowakei“ präsentierte ausschließliche lokale Animationsfilme und lieferte damit eine teils sonderbare Mischung und interessante Einblicke in das Land.

Moderator Christian Martin Schäfer entspannt auf dem Thalia-Balkon

Abgerundet wurde das 29. Filmfest Dresden von den bereits etablierten Veranstaltungen, wie den beiden Panorama-Blöcken, die Sehenswertes oder Besonderes aus den Einreichungen des Nationalen und Internationalen Wettbewerbs zeigten. Hinzu kamen drei Veranstaltungen mit den Nominierten und dem Gewinner (“9 Days – From my Window in Aleppo” (2015)) des Europäischen Kurzfilmpreises 2016: „Europa Short Matters!“. Immer wieder besonders beliebt sind die regionalen Fokus-Programme, die meistens sächsische Kleinode mit Wiedererkennungswert bieten.

Fazit: Während Dresden auch 2017 noch immer nicht frei ist von Fremdenhass und Pegida, war die zweite Aprilwoche wieder ein Fest für Internationalität, Gastfreundschaft und Offenheit. Mit seinen Schwerpunkten Inklusion und Syrien legte das Filmfest Dresden den Finger auf die richtigen Wunden. Hinzu kam eine wunderbare Mischung aus vielfältigen Genres und Themenschwerpunkten. Wie immer sind die sechs vollgepackten Tage viel zu schnell herumgegangen und die Vorfreude aufs nächste Jahr ist schon wieder groß.

geschrieben von Doreen Matthei

Quelle: Festivalkatalog 29. Filmfest Dresden

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