Im Staatsschauspiel Dresden: Der gute Mensch von Sezuan

Aufführungsbericht: Ein Stück von Bertolt Brecht hat sich die junge Regisseurin Nora Schlocker für ihren Einstand in Dresden gewählt. Das ging damals bei Tilmann Köhler richtig gut (Heilige Johanna der Schlachthöfe 2009, preisgekrönt). Funktioniert es ein zweites Mal?

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Was kann man tun, um ein guter Mensch zu sein? Was muss man tun, um dabei selbst nicht unterzugehen? Eine famose Betty Freudenberg als Shen Te © Sebastian Hoppe

Die Bühne ist karg. Nur ein schmaler Streifen vorn bleibt anfangs zum Bespielen. Denn viel Platz wird den Armen, die dieses Stück bevölkern, von der Welt nicht eingeräumt. Es reicht für den Wasserverkäufer (Thien Phuoc Nguyen, im Wechsel mit Anton Petzold). Anton Petzold kennen einige vielleicht als Rico aus den „Rico, Oskar und …“-Verfilmungen. Der jüngere Thien Phuoc Nguyen steht ihm in nichts nach.

Der gottesfürchtige Wasserverkäufer hofft, von den Göttern aus seinem Elend erlöst zu werden. Und plötzlich sind sie da, aber unsichtbar. Zumindest für alle Zuschauer, die nicht im zweiten Rang sitzen. Dort wirkt der Kammerchor Pesterwitz. Mit chorischer Rede und Gesang stellt er die Götter dar, sorgt aber auch für Geräusche. Regen zum Beispiel. Dadurch erübrigt sich der Einsatz von Technik wie Video oder Ambientemusik vom Tonband. Wie schön: Theater wird wieder zur menschengemachten Urgewalt.

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Fast wie beim Sterntaler: Betty Freudenberg als Shen Te im Geldregen © Sebastian Hoppe

Die abgeklärten Götter sind der Meinung, es gäbe keine guten Menschen. Erkennbar daran, dass niemand Fremde aufnehmen würde, die um ein Nachtlager bitten. Fieberhaft sucht der Wasserverkäufer nach einer Bleibe für die Götter. Warum er selbst nicht zum guten Menschen taugt, lässt die Opium-Version von 1943 oder die Inszenierung offen. Endlich besinnt sich der Verkäufer auf eine Hure: Shen Te (Betty Freudenberg). Sie erscheint im roten Abendkleid auf der Bühne. Nur ein enges Zimmerchen kann sie den Fremden bieten. Obwohl sie das eigentlich selbst bräuchte, um ihre Miete zu erarbeiten, die bald fällig wird. Die Götter loben so viel Gutherzigkeit. Auf Shen Tes Einwand, mit Lob die Miete nicht zahlen zu können, verschwinden die Götter mit einem Geldregen.

Licht aus und einmal durchatmen, denn Schlag auf Schlag geht es weiter.

Shen Te hat einen kleinen Laden von der Witwe Shin (Gina Calinoiu) gekauft. Ein neues Szenenbild gibt und braucht es nicht dafür. Shen Te trägt einen Holzkasten, in dem sie die Tabakwaren hat, die verkauft werden sollen. Doch statt zahlender Kundschaft kommen Bittsteller. Shin zum Beispiel, die in einem Nebensatz lapidar fallenlässt, dass der Laden ein Geldgrab ist. Ein Arbeitsloser bettelt um Tabak und bekommt ihn. Die frühere Vermieterin (die wunderbare Hannelore Koch), die Shen Te einst auf die Straße setzte und nun selbst dort lebt, bittet um Unterkunft. Nach der Zusage macht sich deren gesamte Sippschaft im Laden breit. Als Shen Te zaghaft Einspruch erhebt, lacht die Sippe sie aus. Nicht genug: Sie stehlen ihr den Tabak. Ein Schreiner (brilliert in den Nebenrollen: Sven Hönig) fordert Geld für die Ladenregale. Die Ex-Vermieterin rät Shen Te, einen Vetter zu erfinden, der sich um solche Belange „kümmert“. Tatsächlich gelingt es Shen Te, den Schreiner damit abzuwimmeln.

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Die Familie der Vermieterin breitet sich im Laden aus, dass für Shen Te kaum Platz bleibt. Zu sehen: Moritz Dürr, Koch, Malte Homfeldt, Freudenberg, Plachetka © Sebastian Hoppe

In der Nacht fasst Shen Te einen Entschluss. Zögerlich zieht sie ihr Kleid aus und einen Anzug an. Als selbstbewusster Shui Ta erklärt sie der Sippe am nächsten Morgen, dass sie alle den Laden zu räumen haben. Sie holt einen Polizisten hinzu, und die Sippe flieht überstürzt. Ihre weißen Säcke bleiben liegen.

Ab jetzt regelt Shui Ta mit harter Hand, wo Shen Tes weiches Herz zu finanziellen Einbußen führen würde.

Die Sippe hockt auf der Straße, und man gönnt es den dreisten Prolls. Doch dann setzt der Regen ein. Die schwangere Schwiegertochter der Ex-Vermieterin sucht sich keinen Unterstand. Sie muss Geld verdienen. Und dafür bleibt ihr nur ein Weg. Wie Karina Plachetka zaghaft ihren Kleidersaum immer höher hebt, bis ihr ganzes Bein freiliegt, wie sie posiert und dabei eindringliche Blicke ins Publikum wirft: Da sind die dreisten Prolls ganz schnell wieder Menschen, die des Mitleids würdig sind.

Für Shen Te könnte es gut laufen, wäre da nicht der arbeitslose Flieger Yang Sun (Matthias Reichwald).

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Yang Sun und Shui Ta © Sebastian Hoppe

Sie vereitelt seinen Selbstmordversuch und verliebt sich in ihn. Doch im Herzen von Sun ist nur eines: Der Drang zum Fliegen. Dafür braucht er viel Geld, das er Shen Te skrupellos nimmt. Sun erweist sich als Shen Tes Kryptonit, der ihre Vernunft ausschaltet. Sie weiß, dass er sie ausnutzt, und bleibt doch bei ihm. Bis sie merkt, dass sie von ihm schwanger ist. Radikal ändert sich ihre Einstellung. Niemandem will sie mehr gut sein außer sich und dem Kind. Als Shui Ta handelt sie mit Opium und gründet eine ausbeuterische Tabakfabrik. Dass Yang Sun zum Opiumsüchtigen verkommt, nimmt sie hin.

Misstrauen erzeugt das Verschwinden der guten Shen Te bei den Armen.

Sie vermuten, dass Shui Ta sie ermordet hat und bringen ihn vor Gericht. In den Richtern erkennt die verkleidete Shen Te die Götter. Nachdem der Saal geräumt wurde, lüftet die Hochschwangere ihr Geheimnis: Shui Ta und Shen Te, das ist eine Person. Denn nur gut sein kann niemand, ohne alles zu verlieren. Und mittellos kann man keine guten Taten vollbringen. Shen Te fleht die Götter um Rat an, doch die entschweben mit ihrem nichtssagenden Gesang, dass sie nur gut sein solle.

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Die Bühne kippt, die Figuren rutschen. Ganz oben: Shui Ta in Chef-Robe © Sebastian Hoppe

Fazit: Nora Schlocker zwängt den Brecht-Text nicht in unnötige Aktualisierungen, sondern gönnt ihm allen Interpretationsraum. Dezent und deutlich zugleich greift ihr „Guter Mensch von Sezuan“ die Debatte von #MeToo auf. Sie zeigt Frauen, die ihren Körper verkaufen, die von ihren männlichen Verwandten an den Höchstbietenden verheiratet werden und aus denen die Männer noch die letzte Münze Geld herausschütteln. Dafür findet sie großartige Bilder. Wenn Sun die vermögende Hausbesitzerin packt und ihr kopfüber alles Geld ausschüttelt, zum Beispiel. Oder wenn Shui Ta als Drogenbaron(in) auf der Bühne residiert, in einem weiten Gewand, dessen Stoffbahnen sich wie Krakenarme nach allen Seiten ausbreiten. Wenn sich die Armen daran hängen und schließlich alle von der Bühne gleiten, die in die Schräge kippt.

Wer erleben will, wie ein herausragendes Ensemble in einer genialen Inszenierung wirken kann, muss sich das ansehen. Hier stimmt alles, von den Kleidern mit Schmutzrand bis zur Bühne, von der gelegentlich eine Münze klimpert. Die zwei Stunden vergehen: wie im Rausch.

Geschrieben von Katrin Mai

Bewertung: 5/5

Quellen:

Wikipedia natürlich, zu Brecht und Der gute Mensch von Sezuan

Staatsschauspiel Dresden, Seite zu „Der gute Mensch von Sezuan“

Nachtkritik von Matthias Schmidt

Rezension der Sächsischen Zeitung vom 26.02.2018 von Sebastian Thiele – aber nur zum dagegen sein und sich ärgern. Denn Sebastian Thiele nennt den Flieger Su statt Sun, aus dem Schauspieler Hönig macht er einen König. Und Thiele entblödet sich nicht zu schreiben, dass „Der gute Mensch von Sezuan“ wohl Brechts bekanntestes Stück sei. Ähem … lieber Herr Thiele, sagt Ihnen die „Dreigroschenoper“ was? Schön fand ich von Ihnen aber den Hinweis, dass Brecht gerade den 120. Geburtstag hatte (nämlich am 10.02. – nein, ihr habt es nicht überlesen, Wikipedia fand das einfach nicht wichtig).

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